Sprechstörungen Was passiert im Gehirn von Stotternden?

Die meisten Stotternden können ohne Probleme singen oder Gedichte rezitieren. Wieso funktioniert das Sprechen nicht?

Kind beim Sprechtraining
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Kind beim Sprechtraining

Von Lea Wolz


Wieso können manche Menschen manche Wörter nicht flüssig aussprechen? Lange Zeit tappten Wissenschaftler bei dieser Frage im Dunkeln. Durch genauere Bildgebungsverfahren lässt sich nun immer besser erkennen, welche Strukturen und Funktionen bei Stotternden im Gehirn verändert sind.

Zum einen gibt es genetische Gründe. Zum anderen beruhen die Veränderungen darauf, dass sich das Gehirn angepasst hat und versucht, das Defizit zu kompensieren.

Bei den meisten Menschen sind die für Sprache und Sprechen zuständigen Gehirnregionen in der linken Gehirnhälfte zu finden. Bei Stotternden ist dort die sogenannte graue Substanz reduziert, Gebiete des Zentralen Nervensystems, die reich an Nervenzellkörpern sind. Zudem sind bestimmte Faserbahnen schwächer ausgeprägt, die die verschiedenen Sprechregionen im Gehirn miteinander verknüpfen. Die Areale etwa, die für das Planen und Ausführen von Sprechbewegungen zuständig sind, können offenbar weniger gut mit Bereichen kommunizieren, die für das sogenannte auditorische Feedback - dazu zählt etwa das Hören der eigenen Sprache - verantwortlich sind.

Warum Stottern nicht immer auftritt

Jedes Sprechen ist ein fein aufeinander abgestimmtes Kunstwerk: Während wir reden, hören wir uns selbst und planen bereits die nächste Silbe. "Bei Stotterern scheint vor allem diese Hör-Rückmeldung nicht gut in die sprechmotorische Planung eingepasst zu sein", sagt Katrin Neumann, Leiterin der Abteilung für Phoniatrie und Pädaudiologie am St. Elisabeth Hospital der Ruhr-Universität Bochum. Das Zusammenspiel zwischen dem Verarbeiten der Sinneseindrücke und der Muskelsteuerung gerät durcheinander.

Werden Stotternde durch Kopfhörer "vertäubt" oder wird ihnen darüber ihre eigene Sprache verzögert zurückgemeldet, sprechen sie meist flüssig. Da die Faserverbindungen in den linksseitigen Hirnregionen geschwächt sind, springt offenbar die rechte Gehirnhälfte mit ein - und versucht nach Möglichkeit auszugleichen. Sie ist bei Stotternden beim Sprechen aktiver als bei Nicht-Stotternden.

BBC-Doku: Warum spricht der Mensch?

Doch die Kompensation gelingt nicht immer. Unter Stress etwa gerät das fragile System oft aus dem Gleichgewicht. Vergleichbar ist das mit einem Autoradio, das schlechten Empfang hat, sagt der Neurophysiologe Martin Sommer von der Universität Göttingen: "Kommt eine zusätzliche Störung hinzu, zum Beispiel durch einen Tunnel oder ein Haus, reicht die Qualität der Verbindung nicht mehr aus. Das von Anfang an geschwächte System bricht vorübergehend zusammen." Erklären lässt sich so auch, warum Stottern nicht immer auftritt.

Wie sich die kritischen Stellen im Gehirn beeinflussen lassen

Zu diesem sehr vereinfachten Modell passt auch, dass Singen oder Gedichte rezitieren bei den meisten Stotternden reibungslos funktioniert. Ein Grund dafür könnte sein, dass die Melodie oder der Takt als eine Art externer Schrittmacher dem Gehirn helfen, die verschiedenen Areale im richtigen Timing zu aktivieren. Aktuelle Untersuchungen legen nahe, dass die Faserstrukturen offenbar schon im Kindesalter auffällig sind.

Auf die Therapie wirken sich die durch die Bildgebung gewonnenen Erkenntnisse bisher nicht unmittelbar aus. "Wir lernen aber langsam, was an den kritischen Stellen im Gehirn los ist und wie sie sich eventuell gezielt beeinflussen lassen", sagt Sommer. So wurden in einer Studie parallel zum Sprechtraining bei Probanden bestimmte Areale des Gehirns mit Strom stimuliert. Getestet werden soll so, ob dadurch die Effekte der Therapie länger anhalten. Die Publikation steht noch aus.

Das Gute: Durch wirksame Therapien lassen sich die Besonderheiten im Gehirn von Stotternden zumindest teilweise verändern. Auch das ist mittlerweile nachweisbar.

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Berühmte Stotterer: Moses und Marilyn

Stotter-Mythen: Haben Stotternde eine träge Zunge?

1. Mythos: Die Eltern sind schuld. Sie erziehen zu streng, fordern sprachlich zu viel.

Tatsache: Der Erziehungsstil ist für die Entstehung des Stotterns weder verantwortlich noch mitverantwortlich.

2. Mythos: Mein Kind hat zu wild getobt und ist hingefallen. Seitdem stottert es.

Tatsache: Was neben dem genetischen Einfluss die tatsächlichen Ursachen dafür sind, dass Stottern entsteht, lässt sich oft nicht beantworten. Zeitgleich auftretenden Ereignissen, wie etwa einem Sturz, wird allerdings rückblickend fälschlicherweise oft eine Schuld zugeschrieben. Sie können allerdings höchstens ein Auslöser sein. Heißt: Auch auf eine andere Situation hätte das durch die Genetik vorbelastete und empfindliche Gehirn so reagiert.

3. Mythos: Kleine Kinder bekommen ja gar nicht mit, dass sie stottern.

Tatsache: Mit dem Alter nimmt die Bewusstheit sicher zu. Allerdings können auch schon Zweijährige durchaus bemerken, dass sie stottern - und anfangen, Situationen zu vermeiden.

4. Mythos: Stotternde haben ein psychisches Problem und stottern deshalb.

Tatsache: Stottern kann extrem belastend und frustrierend sein. Als Folge können sich psychische Probleme zeigen. Die Ursache für das Stottern sind sie nicht. Auch unterdrückte Wünsche hängen damit nicht zusammen.

5. Mythos: Stotternde haben eine träge Zunge.

Tatsache: Tatsächlich hielt man Stottern schon in der Antike für eine Störung der Sprechwerkzeuge und ließ Betroffene Kieselsteine im Mund hin und her bewegen. Hilfreich ist das aber nicht.

6. Mythos: Die Kinder denken schneller als sie sprechen.

Tatsache: Dafür gibt es keinen Beleg.

7. Mythos: Stotternde sind weniger intelligent.

Tatsache: Stottern hat nichts mit der Intelligenz zu tun. Stotternde sind genauso intelligent wie andere Menschen. Sie wissen auch, was sie sagen wollen. Sie brauchen dafür manchmal nur länger.

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demolator 28.02.2018
1. Nein es ist keine Hirn-Fehlfunktion
... sondern ein reines psychisches Problem. Ich habe selbst bis zu meinem etwa 25. Lebensjahr stark gestottert. In meiner Kindheit (in den 70ern) hat man Kinder wie mich für 9 Monate in einer 'geschlossenen' zur 'Kur' abgegeben. Bei einigen meiner 'Kollegen' hat mit der Trennung von den Eltern schlagartig das Stottern aufgehört. Dazu sage ich mal nichts mehr... ;) Da waren aber auch 'vermackelte' Existenzen dabei... Die Kur hat bei mir nichts geholfen - aber das Stottern ist bei mir mitte 20 nach einer größeren Krise der Selbstfindung/Entwicklung auch plötzlich verschwunden. Ich will da nicht ins Detail gehen, aber so mancher läuft mit schwersten Problemen aus der Kindheit herum, auch wenn es ihm und den Eltern natürlich auch ;) nicht bewusst ist. Ich würde jedem Stotterer empfehlen nicht zur Logopädie (und auch nicht zur Hirnforschung) sondern zur Psychotherapie (Psychoanalyse) zu gehen. Alles gute den (noch) Betroffenen.
just_ice 28.02.2018
2. Es gibt mindestens zwei Arten des Stotterns -
.. ein Beispiel dafür bin ich selbst. Bei mir ging das Stottern ca. mit dem 7. Lebensjahr los. Anfangs äußerte es sich wie im Artikel beschrieben als motorisches Problem, das später in ein Psychisches überging - Letzteres spart der Artikel aus, ist aber meiner Meinung nach viel hartnäckiger. Bis zum Abitur war ich in der Schule stumm wie ein Fisch, und danach schlug ich ein Studium in den Naturwissenschaften ein, weil man da weniger reden muss ;) Mit einem Umzug ins Ausland reduzierte sich das Stottern fast auf ein Minimum, weil die Fremdsprache als Alibi für das Stottern herhielt und mir so der Druck, fließend zu sprechen, genommen wurde. Zurück in Deutschland fiel mir das Sprechen später in Stresssituationen immer noch schwer, aber schon wesentlich besser als in der Schulzeit. Endgültige Heilung verschaffte ich mir mit Autosuggestions-Videos auf YouTube - Danke Google!! :) - die man auch als MP3 anhören kann, z.B. beim Autofahren. Innerhalb kürzester Zeit (weniger als 3 Wochen - erste Erfolge stellten sich schon nach 2-3 Tagen ein) war das Stottern komplett weg. Derzeit höre ich mir immer noch 1-2 mal pro Woche für jeweils 15 Minuten die MP3s an, aber nur, um den Selbstbewusstseins-Level aufrecht zu erhalten. Wie der Vorredner rate ich aus einer Reihe von Gründen von Logopäden ab. Autosuggestionen schlugen bei mir ein wie eine Bombe! Hätte ich diese Art der Selbsttherapie früher gekannt, wäre mein früheres Leben sicher komplett anders verlaufen. Das hole ich aber jetzt so gut es geht nach. Den Betroffenen wünsche ich ebenfalls viel Erfolg!
jww+++ 28.02.2018
3. Kann ich nicht bestätigen
Zitat von demolator... sondern ein reines psychisches Problem. Ich habe selbst bis zu meinem etwa 25. Lebensjahr stark gestottert. In meiner Kindheit (in den 70ern) hat man Kinder wie mich für 9 Monate in einer 'geschlossenen' zur 'Kur' abgegeben. Bei einigen meiner 'Kollegen' hat mit der Trennung von den Eltern schlagartig das Stottern aufgehört. Dazu sage ich mal nichts mehr... ;) Da waren aber auch 'vermackelte' Existenzen dabei... Die Kur hat bei mir nichts geholfen - aber das Stottern ist bei mir mitte 20 nach einer größeren Krise der Selbstfindung/Entwicklung auch plötzlich verschwunden. Ich will da nicht ins Detail gehen, aber so mancher läuft mit schwersten Problemen aus der Kindheit herum, auch wenn es ihm und den Eltern natürlich auch ;) nicht bewusst ist. Ich würde jedem Stotterer empfehlen nicht zur Logopädie (und auch nicht zur Hirnforschung) sondern zur Psychotherapie (Psychoanalyse) zu gehen. Alles gute den (noch) Betroffenen.
weil ich als kind/jugendlicher bis zum alter von ca. 17jahren gestottert habe und auch noch heute diese erscheinung in bestimmten stresssituationen allerdings sehr sehr selten auftritt. Ich wurde mit 12/13jahren in eine logopädische station eines krankenhauses eingewiesen und hatte 6wochen eine intensive sprachtherpeutische behandlung. Dank dieser hatte sich mein problem sehr stark verbessert, auch dank einer an die stationäre behandlung angeschlossenen ambulanten nachbetreuung über ca. 2jahre. Meine eltern waren in die behandlung einbezogen und haben quasi die rolle des sprachtherapeuten mit ausgeführt. Es wird sicher so sein, das es unterschiedliche formen und schweregrade der störung gibt, so das die behandlung auch individuell auf den jeweiligen fall abgestimmt werden muss. Generell ist m.e. jeden zu raten, einen kompetenten logopäden zu rate zu ziehen, von selbstbehandlungsversuchen ist dringend abzuraten (selbst ausprobiert, ging schief)
kilrathy 28.02.2018
4. Dr. Kreuels
Jedem Betroffenen empfehle ich die Literatur von Dr. Kreuels. Ich war vor vielen Jahren bei ihm und dank ihm und seiner Methodik stottere ich und tausende andere heute nicht mehr. Leider ist er inzwischen verstorben, RIP.
matijas 28.02.2018
5. die Psyche
Schön dass nicht immer gleich die Psyche vorgeschoben wird. Aber umgekehrt zu behaupten: "Als Folge können sich psychische Probleme zeigen. Die Ursache für das Stottern sind sie nicht." ... ist purer Dogmatismus. Die Empirie liefert plausible Belege, die gegen eine pauschale Verneinung psychischer Verursachung sprechen. Unter Umständen werden mit solchem Schwarzweiß-Denken notwendige psychotherapeutische Behandlungen versäumt.
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