Wir machen uns mal frei: Das Ungeheuer von Loch Karies

Zähneputzen, Zahnseide und professionelle Zahnreinigung: Kolumnist Frederik Jötten tut alles für sein Gebiss. Als Pflegestreber liebt er den Gang zum Zahnarzt. Doch dann enttarnt eine Arzthelferin Beläge auf seinen Zähnen - und plötzlich wirkt es, als habe er große Angst.

Zahnarztbehandlung: Hier stellt sich heraus, wie gut die eigene Pflege wirklich ist Zur Großansicht
Corbis

Zahnarztbehandlung: Hier stellt sich heraus, wie gut die eigene Pflege wirklich ist

Ich gehe gerne zum Zahnarzt - vor allem, weil ich als Zahnputzstreber, der ich bin, dort gelobt werde. Normalerweise. Diesmal ist es anders. Ich bin zur professionellen Zahnreinigung in der Praxis. Zuerst läuft alles gut. Die Zahnarzthelferin fragt: "Benutzen Sie Zahnseide?" Und ich antworte stolz: "Dreimal am Tag." Sie könnte mir ruhig sagen, wie spitze ich bin. Stattdessen gibt sie mir stumm eine Lösung zum Spülen, die Zahnbelag sichtbar machen soll.

Überzeugt davon, dass alles gut ist, spüle ich, spucke aus und grinse wie ein Musterschüler, der gerade ein Gedicht aufgesagt hat. Innerlich freue ich mich bereits auf ihre Anerkennung, darauf, dass sie gleich meine Mundhygiene preisen wird. Doch sie analysiert herzlos: "An den hinteren Backenzähnen, außen, müssen Sie besser putzen."

Missmutig lehne ich mich zurück. Noch nicht mal hier werde ich noch gelobt. Wer soll dann überhaupt noch ein gutes Wort für mich haben? Sie streckt mir einen Kunststoffschlauch in den Mund, der den Speichel absaugt und für die nächste Stunde ein Geräusch machen wird wie ein Staubsauger, der sich am Sofabezug festgesaugt hat. Anschließend kratzt sie mit scharfen Metallwerkzeugen zwischen meinen Zähnen herum, danach spritzt sie mit Hochdruck Salz auf deren Oberfläche.

"Würde es Ihnen etwas ausmachen, sich auf Schmelzi zu legen?"

An den Zähnen tut es kaum weh - dafür spüre ich ein Ziehen im Nacken. Ein Kissen wäre schön. Die Zahnarzthelferin schaut sich um - und zeigt auf eine giftgrüne Plüschschlange von etwa zwei Metern Länge. "Würde es Ihnen was ausmachen, sich auf Schmelzi zu legen?", fragt sie. "Nein, schon okay", antworte ich. Schmelzis Fell ist weich, ihre Zunge hängt neben meinem Ohr, während die Zahnarzthelferin den Rest meiner Zahnbeläge mit einer Art Schmirgelpapier bearbeitet.

Das Stofftier ist da, weil mein Zahnarzt eigentlich auf Kinder spezialisiert ist. Das ist wahrscheinlich auch der wahre Grund, aus dem ich gerne zu ihm gehe. Ich kann mir an der Anmeldung nicht nur Kinderzahncreme mitnehmen, die viel besser schmeckt als das Erwachsenenzeug, er ist auch sehr behutsam, wenn es wirklich mal etwas zu bohren gibt.

Er fragt schon, wenn man nur den Mund öffnet: "Ist alles in Ordnung?" Man spürt, dass er sich wirklich sorgt, um große und kleine Patienten. Bevor er eine schmerzstillende Spritze gibt, schmiert er ein Lokalanästhetikum auf die Stelle, in die er piekst - deshalb schmerzt noch nicht mal das. Und das Bohren auch nicht. Das Ganze ist kein Hexenwerk. Jeder Zahnarzt könnte das hinkriegen, wenn er sich bemühen würde, schießt es mir durch den Kopf.

Plötzlich erscheint mein Held im weißen Kittel in der Tür. Nach der Zahnreinigung steht die Kontrolle an - und ich liege immer noch auf dem Zahnarztstuhl umarmt von einer Plüschschlange. Erst jetzt fällt mir auf: Das muss aussehen, als ob ich mir aus Angst vor der Zahnreinigung ein Stofftier habe geben lassen! "Brauchten Sie Trost?" Der Zahnarzt grinst mich an und fragt die Zahnarzthelferin: "Wie ich ihn kenne, finden wir sowieso keine Karies, oder?" Und jetzt gibt auch sie es endlich zu, auch wenn sie fast enttäuscht wirkt. "Nein, keine Karies." Er schaut in meinen Mund und sagt: "Sie putzen sehr gut." Note eins mit Sternchen, mein Tag ist gerettet - und sogar Schmelzi scheint zu grinsen.


Zahnpflegetipps vom Profi

Zur Großansicht
OBS/ proDente

Was kann man zu Hause tun, um seine Zähen gesund zu halten?

Wie reinigt man am besten Zahnzwischenräume?

Sollte man eine Mundspülung verwenden?

Lesen Sie im Experteninterview das Wichtigste über Zahnpflege.


Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Zahnarzt, allein das Wort tut schon weh............
Rodini 27.03.2013
.....also putze ich meine Beißerchen brav, nehme auch Zahnseide und hoffe sie halten vielleicht noch 30 Jahre. Aber vielleicht erlebe ich es ja noch, das man sie aus Stammzellen nachzüchten und einsetzen kann. Das wär mal ne Innovation!!!!
2. nennt sich
t_omte 27.03.2013
....ließt sich aber wie ein schulischer Erlebnisaufsatz. Nicht zu fassen.
3. Eher nicht...
fatherted98 27.03.2013
Zitat von Rodini.....also putze ich meine Beißerchen brav, nehme auch Zahnseide und hoffe sie halten vielleicht noch 30 Jahre. Aber vielleicht erlebe ich es ja noch, das man sie aus Stammzellen nachzüchten und einsetzen kann. Das wär mal ne Innovation!!!!
...aber Transplantationen könnten klappen, bei entsprechender genetischer Übereinstimmung...das wäre doch mal was...einen Backenzahn mit Wurzel leben von einem Spender zum Empfänger....
4. ...
Newspeak 27.03.2013
Zahnärzte sind brilliant, wenn es um Zahnreparaturen und Zahnersatz geht, aber die Bezeichnung "Arzt" ist strenggenommen falsch, weil Zahn"ärzte" keine einzige Zahnkrankheit heilen können. Es ist ein Armutszeugnis, daß fast die gesamte Bevölkerung im Laufe ihres Lebens an Karies und Paradontose erkrankt, obwohl ein Großteil täglich Zahnhygiene betreibt und erhebliche Propaganda in diesem Bereich betrieben wird.
5.
Muensteraner 27.03.2013
Zitat von NewspeakZahnärzte sind brilliant, wenn es um Zahnreparaturen und Zahnersatz geht, aber die Bezeichnung "Arzt" ist strenggenommen falsch, weil Zahn"ärzte" keine einzige Zahnkrankheit heilen können. Es ist ein Armutszeugnis, daß fast die gesamte Bevölkerung im Laufe ihres Lebens an Karies und Paradontose erkrankt, obwohl ein Großteil täglich Zahnhygiene betreibt und erhebliche Propaganda in diesem Bereich betrieben wird.
Wie wenig Sie über die Zahnheilkunde wissen zeigt die Verwendung des Wortes "Paradontose". Die Krankheit, die sie meinen, nennt sich Parodontitis (Entzündung des Parodontiums, also des Zahnhalteapparates). In der Tat ist diese multifaktoriell (Rauchen, usw.) und schwer zu heilen, allerdings kann ihr Fortschreiten therapeutisch eingedämmt werden. Karies ist die Konsequenz schlechter Mundhygiene, falscher Essgewohnheiten und u.a. mangelnder professioneller Prophylaxe. Das ist wissenschaftlich belegt. Zahnhygiene betreiben allein bringt überhaupt nichts. Sie müssen sie richtig betreiben. Und daran scheitert die von Ihnen angesprochene "gesamte Bevölkerung" massiv, obwohl es so unglaublich einfach ist. Man muss es nur wollen, aber anscheinend ist es noch einfacher auf Zahnärzte zu schimpfen, als täglich 10 Minuten in adäquate Mundhygiene zu investieren. Des Weiteren besteht das Tätigkeitsfeld des Zahnarztes glücklicherweise aus weit mehr als Karies und Parodontitis. Der Aufbau des Studiums zeigt wie allgemeinmedizinisch dieses Berufsfeld entgegen der verbreiteten Meinung aufgestellt ist. Vielleicht kommen Sie ja einmal in den Genuss mit einem Abszess in einer Praxis aufzuschlagen. Dann werden Sie dankbar für den versierten Umgang mit dem Skalpell sein.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Gesundheit
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Diagnose & Therapie
RSS
alles zum Thema Wir machen uns mal frei
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 7 Kommentare
  • Zur Startseite
Frederik Jötten

Gesundheit auf Twitter

Über diesen Account erreichen Sie das Ressort und verpassen keinen Artikel: