Wechseljahresbeschwerden Mehr als nur Hitzewallungen?

Hitzewallungen zählen zu den schlimmsten Beschwerden in den Wechseljahren. Viele Frauen klagen aber auch über Schlafstörungen und andere Symptome. Experten streiten, ob diese tatsächlich eine Folge der Hormonumstellung sind.

Viele Frauen über 50 leiden unter typischen Wechseljahresbeschwerden - Hitzewallungen sind für die meisten am unangenehmsten
Corbis

Viele Frauen über 50 leiden unter typischen Wechseljahresbeschwerden - Hitzewallungen sind für die meisten am unangenehmsten


Häufig werden sie nur müde belächelt. Dabei sind Wechseljahresbeschwerden mitunter mehr als nur lästig: Hitzewallungen, Schlafstörungen, Muskel- und Gelenkschmerzen und Stimmungsschwankungen können ältere Frauen plagen. Doch sind wirklich alle Symptome Folge der hormonellen Umstellung?

"Nein, ganz so ist das nicht", sagt Kerstin Weidner, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Psychotherapie und Psychosomatik der Uniklinik Dresden. Ihrer Meinung nach sind lediglich Hitzewallungen und Schweißausbrüche Symptome, die als direkte Folge vor und nach der letzten Menstruation (Menopause) entstehen. Weidner und ihr Team haben zwei Studien durchgeführt, die das belegen sollen.

Doch nicht alle Experten sind Weidners Ansicht. Das Thema steht nun auch auf dem Programm des Deutschen Kongress für psychosomatische Medizin und Psychotherapie (DKPM), der am Donnerstag in Berlin begann.

Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, Ängstlichkeit

Für die zweite (noch nicht veröffentlichte) Studie hatten Weidner und Kollegen 1350 Frauen und Mädchen zwischen 14 und 95 Jahren schriftlich befragt. Die Auswertung der Fragebögen anhand einer speziell entwickelten Skala ergab, dass etliche Beschwerden nicht typisch für die Wechseljahre (Klimakterium) sind: Muskel- und Gelenkschmerzen, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, Ängstlichkeit, Vergesslichkeit, vermindertes Konzentrationsvermögen, nachlassende sexuelle Lust und Trockenheit der Scheide - diese Beschwerden kommen demnach zeitlebens vor.

GLOSSAR
    Die Wechseljahre, in der Fachsprache Klimakterium genannt, beschreiben den natürlichen Lebensabschnitt von der fruchtbaren zur unfruchtbaren Phase einer Frau. Meist dauern die Wechseljahre fünf bis zehn Jahre.

    Menopause nennt man den Zeitpunkt, an dem die Frau das letzte Mal ihre Regel bekommt, im Durchschnitt geschieht das mit 52 Jahren. Danach produzieren die Eierstöcke nur noch sehr geringe Mengen an Östrogenen.
Zwar habe man festgestellt, so Weidner, dass die Beschwerden mit zunehmendem Alter schwerer würden. "Aber nur die Hitzewallungen und Schweißausbrüche ließen sich spezifisch den Wechseljahren zuordnen." Deshalb fordert die Medizinerin, den Einsatz einer Hormontherapie zur Linderung von Wechseljahresbeschwerden, kritischer und individualisierter zu gestalten.

Auch die vaginale Trockenheit etwa nehme zwar ab dem 50. Lebensjahr zu. Allerdings sei sie als normaler Alterungsprozess zu erklären, der mit der Menopause deutlich wird, sagt Weidner. Das Symptom sei mit einem lokalen Hormonpräparat gut behandelbar. Eine allgemeine Hormontherapie dagegen birgt auch Risiken (siehe Kasten am Ende).

Olaf Ortmann ist etwas anderer Meinung. Der Direktor der Universitätsfrauenklinik Regensburg sieht eindeutig einen direkten Zusammenhang zwischen der Trockenheit und einem Östrogenmangel. Alle anderen Beschwerden wie etwa Schlafstörungen, Depressionen und Stimmungsschwankungen seien zwar nicht direkt mit einem Mangel an Östrogen verknüpft. Dennoch können Schlafstörungen Ortmann zufolge sekundär die Folge der Hormonumstellung sein. So steht es auch in den Leitlinien zur Hormontherapie der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), die derzeit überarbeitet werden.

Hormontherapie kann helfen

"Zudem gibt es gute Daten, die belegen, dass die Sexualhormone Effekte auf das Konzentrationsvermögen haben", sagt Ortmann. "Und eine Frau, die mehrfach nachts schweißgebadet aufwacht, hat Schlafstörungen und zwar infolge der Hitzewallungen." In diesem Fall könne eine Hormontherapie helfen.

Etwa 70 bis 80 Prozent der Frauen haben Hitzewallungen in den Wechseljahren, ein Drittel von ihnen stark. Leidet eine Frau unter Schlafstörungen, nicht aber an Hitzewallungen, sind die Gründe dafür aber vermutlich andere als die Wechseljahre selbst. Deshalb rät Weidner, vor einer Hormontherapie zu klären, inwieweit beispielsweise beruflicher oder privater Stress die Ursache dafür sein kann.

Kai Bühling, Leiter der Hormonsprechstunde am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), sieht dagegen alle in der Weidner Studie untersuchten Beschwerden als typische Wechseljahresbeschwerden. Sein Hauptkritikpunkt an Weidners Studie: Nur 314 der befragten Patientinnen waren in dem typischen Wechseljahresalter zwischen 45 und 60 Jahren. "Wenn man eine Dauer der Beschwerden von fünf Jahren zugrunde legt, dürften sich nur 105 im Klimakterium befunden haben", sagt Bühling. Ihm zufolge zeigt die klinische Erfahrung, dass Frauen mit verschiedenen Wechseljahresbeschwerden von einer Hormontherapie profitieren können.

Doch die bisherigen Leitlinien sehen eine Hormontherapie nur bei Frauen mit starken Hitzewallungen und Schweißausbrüchen sowie einem hohen Leidensdruck vor - eine Empfehlung, hinter der auch der Gynäkologe Ortmann steht.

Auch Kerstin Weidner rät bei den Symptomen zunächst eher zu anderen Methoden: "Man sollte Hormone nicht gleich als Allheilmittel einnehmen, sondern erst einmal schauen, ob sich die Hitzewallungen durch diverse Verhaltensänderungen bessern." Frauen könnten zum Beispiel mehrere Kleidungsschichten übereinander tragen oder schauen, bei welchem Material man mehr Probleme habe. "Zudem gibt es pflanzliche Präparate gegen Hitzewallungen."

HORMONTHERAPIE

    Leidet eine Frau massiv unter Wechseljahresbeschwerden, und hilft ihr sonst nichts, kann bei starken Hitzewallungen und Schweißausbrüchen eine zeitlich begrenzte Hormontherapie erfolgen.

    Die Nutzen-Risiko-Abwägung einer Hormontherapie sollte aber in jedem Fall individuell erfolgen. "Die Hormontherapie ist mit Risiken behaftet, die eine Frau in ihre Überlegungen unbedingt mit einbeziehen sollte", sagt Claudia Schumann, Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Fällt die Entscheidung zugunsten der Hormontherapie, kann abhängig von den Beschwerden entschieden werden, ob eine Kombination aus Tabletteneinnahme und Hormonpflaster (und in welcher Dosierung) am meisten Sinn macht, um zugleich etwaige Risiken zu minimieren.

  • Eine Metaanalyse im "Lancet" ergab: Die Hormontherapie erhöht etwas das Risiko für Eierstockkrebs. Auch das Risiko für Brustkrebs ist Studien zufolge größer.

  • Zudem steht die Therapie im Zusammenhang mit einem erhöhten Risiko für Schlaganfall, Herzinfarkt und Thrombosen. Eine Metaanalyse der Cochrane Collaboration kommt jedoch zu einem differenzierteren Fazit: Ein später Beginn der Hormontherapie geht tatsächlich mit einem erhöhten Risiko für Thrombose oder Schlaganfall einher. Wird die Therapie jedoch lange vor dem 60. Lebensjahr begonnen, ist das Risiko nicht erhöht oder sogar geringfügig vermindert. Auch das Risiko für die Knochenkrankheit Osteoporose ist geringer.

Zur Autorin
  • Gerlinde Gukelberger-Felix ist Diplom-Physikerin und studierte eine Zeit lang Medizin, bis sie sich ganz dem Journalismus verschrieb. Besonders interessant findet sie alle Überschneidungen zwischen Medizin, Physik, Biologie und Psychologie. Sie arbeitet als freie Medizin- und Wissenschaftsjournalistin.

insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
siebke 27.03.2015
1. !!!!
Auch ich komme jetzt langsam in die Wechseljahre, sehe aber Unterschiede zu einigen Frauen im Bekanntenkreis. Wichtig ist Sport und Vitaminreiche Ernährung. Auch habe ich die Erfahrung gemacht, so bald ich wieder in Asien (beruflich) bin für mehrere Monate, habe ich fast KEINE Hitzewallungen. Auch meine asiatischen Kolleginnen kennen KEINE Wechseljahre. Es hat sehr viel mit der Ernährung zu tun, ist aber ganz MEINE Erfahrung.
bafibo 27.03.2015
2. ?
Hab vor ca. 1,5 Jahren die letzte Blutung gehabt, davor war schon eine Pause von 14 Monaten. Kann also mit Fug und Recht behaupten, daß bei mir jetzt Schluß ist mit Fortpflanzung. Alles, was im Artikel an Beschwerden aufgeführt ist, habe ich bisher noch nicht erlebt. Dafür aber keinen Streß mehr mit Blutungen. Und alles ganz ohne einschlägige Medikamente. Sowas kommt also auch vor (und nein, ich habe weder asiatische noch afrikanische Verwandtschaft).
fpa 27.03.2015
3. Und wo bleibt das Progesteron?
Ich muss mich doch sehr wundern. Die Forscherin, Kerstin Weidner, eine Frau. Die Autorin, Gerlinde Gukelberger-Felix, eine Frau. Und dennoch geht es ausschließlich um Östrogene. Aber vielleicht sollte ich als Mann ja einfach mal meinen Mund dazu halten. Rein vom Kopf her, aus der systemischen Sicht der Biochemie, der Psycho-Neuro-(Endokrino-)Immunologie, da erscheinen mir allerdings die Herangehensweisen von Prof. Dr. Johannes Huber aus Wien oder der praktizierenden Ärztin UND Dipl. Psychologin Dr. Annelie Scheuernstuhl aus Starnberg ungleich schlüssiger. In deren Augen sind die Schlüsselhormone für die zahlreichen Befindlichkeitsprobleme nicht etwa die Östrogene, sondern ein Mangel an Progesteron.
mayazi 28.03.2015
4. .
Mehrere Schichten Kleidung? Eine Freundin von mir hat sich bei nächtlichen Hitzewallungen nackt auf den Balkon gestellt. Im Winter. Im Mittelgebirge. Mehrmals pro Nacht hätte sie auch nett gefunden. In den ersten Monaten ist sie nachts jede halbe Stunde aufgewacht. Wer (beispielsweise nach Brustkrebs) keine Östrogene einnehmen darf, der sollte auch bei pflanzlichen Präparaten genau drauf schauen, denn meistens helfen sie gegen Wechselfahresbeschwerden, weil sie Phytoöstrogene enthalten. Das ist das Selbe in grün.
helianthe 28.03.2015
5. auch hier
gilt, nicht pauschalisieren.Ich selbst habe auch kaum Beschwerden, meine Bekannte die schlanker ist, viel mehr Sport macht und mehr auf ihre Ernährung achtet, das volle Programm.Es ist eher die Veranlagung.Meine Mutter hatte auch keine Probleme damit.Ich habe nie gehört, dass sie über Beschwerden geklagt hat.Bei manchen Frauen in meinem Alter gibt es kein anderes Thema mehr.Man kann sich auch hineinsteigern.
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