Pflanzliche Arzneimittel Gefährliches Johanniskraut

Es gibt sie ohne Rezept in Apotheken und im Supermarkt. Pflanzliche Arzneien gelten als ungefährlich. Eine aktuelle Studie warnt jetzt vor möglichen Wechselwirkungen mit Medikamenten. Risiken drohen vor allem beim Stimmungsaufheller Johanniskraut.

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Pflanzliches, Natürliches und Grünes ist gesund. Oder? Dass es pflanzliche Arzneimittel (Phytopharmaka) nicht nur ohne Rezept in der Apotheke, sondern häufig sogar in Drogerien und Supermärkten gibt, verleitet Patienten zu der Annahme, die Mittel seien harmlos. In manchen Kräutern stecken allerdings Wirkstoffe, die vor allem für chronisch Kranke gefährlich werden können. Denn pflanzliche Arzneimittel verursachen zum einen in zu hohen Dosen unerwünschte Nebenwirkungen. Zum anderen drohen Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten.

Vor diesen Wechselwirkungen warnen Pharmazeuten und Mediziner immer wieder. In einer neuen Studie (siehe Kasten unten) haben Hsiang-Wen Lin und ihre Kollegen von der taiwanischen China Medical University in Taichung die verfügbare Literatur darüber ausgewertet. Es geht um die Frage, wie Phytopharmaka und andere Arzneimittel miteinander reagieren können. Ihr im Fachmagazin "International Journal of Clinical Practice" veröffentlichtes Ergebnis: Mehr als 200 pflanzliche Heilmittel könnten mit über 500 Wirkstoffen interagieren. Das Wissen über die möglichen Wechselwirkungen sei "beklagenswert unvollständig", schreibt Edzard Ernst, Experte für alternative Heilmethoden an der britischen Universität Exeter, in einem begleitenden Kommentar. Das Potential möglicher Wechselwirkungen sei enorm. Viele Wechselwirkungen würden aber von Ärzten und Patienten nicht erkannt.

Die Studie im Detail
Ziel
Weil pflanzliche Heilmittel (Phytopharmaka) und Nahrungsergänzungsmittel möglicherweise Wechselwirkungen mit Medikamenten entfalten können, sammelten die taiwanischen Forscher die verfügbare Literatur zu diesen potentiellen Interaktionen. Sie wollten so das Risiko unerwünschter Nebenwirkungen besser einschätzen können. Ihre Studie ist eine Übersichtsarbeit (Review) über bereits veröffentlichte wissenschaftliche Ergebnisse.
Methode
Die Wissenschaftler haben in verschiedenen medizinischen Datenbanken wie zum Beispiel PubMed, EMBASE und der Cochrane Library nach bereits veröffentlichten Studien und Übersichtsarbeiten gesucht. Sie beschränkten sich dabei nicht auf pflanzliche Arzneimittel, sondern schlossen auch Studien über Nahrungsergänzungsmittel ein.
Ergebnis
In 85 Literaturquellen haben die Wissenschaftler insgesamt 1491 Hinweise auf Wechselwirkungen zwischen pflanzlichen Heilmitteln und anderen Arzneimitteln gefunden. Betroffen waren 213 Phytopharmaka und 509 Medikamente.

Am häufigsten wurden Wechselwirkungen für die folgenden Pflanzen und Spurenelemente dokumentiert: Johanniskraut, Magnesium, Kalzium, Eisen und Ginkgo. Die am häufigsten betroffenen Medikamente, mit denen die Pflanzenstoffe und Nahrungsergänzungsmittel interagieren, sind Warfarin (Blutverdünnung), Insulin (Diabetes), Acetylsalicylsäure (Schmerzmittel und Blutverdünnung), Digoxin (Herzschwäche) und Ticlopidin (Blutverdünnung).

Die Autoren schließen aus ihren Ergebnissen, dass nur vergleichsweise wenige Medikamente sowie Phytopharmaka und Nahrungsergänzungsmittel betroffen sind. Ärzte sollten aber ihre Patienten über die möglichen Wechselwirkungen aufklären.
Schwächen der Studie
Die Autoren schreiben selbst, dass sie in ihre Übersichtsarbeit sämtliche verfügbaren Informationen aus der Literatur eingeschlossen haben, ohne die Qualität dieser Studien zu gewichten. Dadurch seien einige Wechselwirkungen zwischen Phytopharmaka und Medikamenten im Review enthalten, die keine Relevanz für die Praxis hätten.

Zudem fürchten die taiwanischen Wissenschaftler, insgesamt Daten vorgefunden zu haben, die die Realität nur verzerrt abbilden ("Publication Bias"). Denn es tauchten nur solche Wechselwirkungen zwischen Phytopharmaka und Medikamenten in der Literatur auf, die auch als solche erkannt und dokumentiert würden.

Eine weitere Schwäche der Übersichtsarbeit ist, dass sie nicht auf die Unterschiede zwischen denkbaren oder aus Laborversuchen abgeleiteten Wechselwirkungen und tatsächlich in Studien an Patienten erforschten Ergebnissen unterscheidet.
Eine Ansicht, die der Arzt und Apotheker Wolfgang Becker-Brüser vom "arznei-telegramm" teilt: "Viele Ärzte fragen ihre Patienten nicht, was sie neben ihren verschriebenen Medikamenten sonst noch kaufen und einnehmen, beispielsweise rezeptfreie Arzneimittel und Nahrungsergänzungsmittel." Die wenigsten Menschen seien sich bewusst, dass auch in Drogerien oder Supermärkten gekaufte Produkte Arzneimittel beeinflussen können.

In Deutschland geht es vor allem um ein pflanzliches Heilmittel, mit dem Patienten genauso vorsichtig umgehen sollten wie mit synthetisch hergestellten Medikamenten: Johanniskraut - mit biologischem Namen Hypericum perforatum. Anders als bei vielen anderen Wechselwirkungen, die im Labor oder bei Tieren beobachtet wurden, gibt es hier eindeutige Ergebnisse aus Studien am Menschen.

Gefährliche Wechselwirkungen

Hypericum-Extrakt soll bei leichter bis mittelschwerer Depression wirken. Die Inhaltstoffe des Krautes hemmen ähnlich den synthetisch hergestellten Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) die Rücknahme des Hirnbotenstoffs Serotonin in die Zelle, der sich positiv auf die Stimmung auswirkt. Doch Johanniskraut verträgt sich mit einer ganzen Reihe von Medikamenten nicht, es beschleunigt den Stoffwechsel bestimmter Arzneimittel.

So kann es den Blutspiegel des Herzmedikaments Digoxin um ein Drittel senken, das etwa Patienten mit Herzschwäche schlucken. Vom Blutfettsenker Simvastatin fanden Wissenschaftler nach Einnahme eines Hypericumpräparats nur noch weniger als die Hälfte im Blut von Studienteilnehmern. Auch das Magenschutzmittel Omeprazol, das bei Sodbrennen eingesetzt wird, kann seine Wirkung verlieren. Die Wirkung des von Diabetikern verwendeten Gliclazids wird vom Johanniskraut ebenso beeinflusst wie die für HIV-positive Patienten wichtigen Proteaseinhibitoren. Bei Krebspatienten sind verschiedene Chemotherapiemittel betroffen.

Die schlimmsten und potentiell rasch tödlichen Wechselwirkungen drohen allerdings einer verhältnismäßig kleinen Patientengruppe, für die vom Funktionieren ihrer Medikamente das Überleben abhängt: Menschen mit einem transplantierten Organ. "Besonders gefährlich ist es, wenn die Konzentration von Medikamenten wie Ciclosporin oder Tacrolimus sinkt, weil diese das Immunsystem in Schach halten und verhindern, dass das Spenderorgan abgestoßen wird", sagt der pharmazeutische Chemiker Matthias Unger von der Universität Würzburg. "Das endet in circa 30 Prozent der Fälle tödlich." Auf diese Gefahr werde aber mittlerweile auch in der Packungsbeilage von Johanniskrautpräparaten hingewiesen.

Verantwortlich für die Wechselwirkungen ist das Zusammenspiel der wirksamen Bestandteile des Johanniskrautextraktes mit Enzymen, die eine Vielzahl von Medikamenten verarbeiten. Johanniskraut steigert deren Aktivität, dadurch werden Medikamente auf einmal schneller um- und abgebaut. So stimmen die Dosierungen und Einnahmerhythmen nicht mehr: Nimmt ein Patient seine Arznei wie gewohnt einmal täglich, zusätzlich aber auch ein Johanniskrautpräparat, wird der Wirkstoff schneller als sonst abgebaut - das Medikament wirkt kaum noch.

Zimt kann die Leber schädigen

"Betroffen sind vor allem chronisch kranke Patienten, die Medikamente mit einer sogenannten geringen therapeutischen Breite nehmen", sagt Matthias Unger. "Bei leicht erniedrigter Konzentration wirken sie bereits nicht mehr, und bei nur leicht erhöhter Konzentration sind sie giftig." Der Rat an die Patienten ist einfach: Sie sollten mit ihren Ärzten und vor allem auch mit dem Apotheker offen darüber sprechen, was sie einnehmen. Dabei gilt die Regel: Alles kann eine Behandlung beeinflussen, nicht nur das, was der Patient in der Apotheke kauft.

Entwarnung gibt Unger dagegen für viele andere pflanzliche Heilmittel, obwohl vor diesen in unterschiedlichen wissenschaftlichen Arbeiten wie der aktuellen taiwanischen Studie gewarnt wird, weil sie mit Medikamenten interagieren sollen: "Viele Studien schließen von Laborergebnissen auf Wechselwirkungen im Menschen, das ist aber nicht zulässig", so Unger. "Von Ginkgo oder Mariendistel zum Beispiel gehen in den üblichen Dosierungen keine Gefahren aus." Die Wechselwirkungen bei Johanniskraut dagegen traten in den meisten verfügbaren Studien bei einer Tagesdosis von 600 bis 900 Milligramm Johanniskrautextrakt auf - durchaus übliche Mengen. Johanniskraut ist auch in der taiwanischen Studie der Spitzenreiter bei den Wechselwirkungen.

Für eine relativ bekannte Wechselwirkung des Johanniskrauts gibt es laut Unger dagegen kaum Belege in der Fachliteratur: Die Pille zur Verhütung soll ihre Wirksamkeit verlieren, wenn gleichzeitig Hypericumpräparate eingenommen werden. In diesem Fall ist es trotzdem selbst bei nur vermuteten Wechselwirkungen ratsam, wenn Betroffene zusätzlich mit einer anderen Methode verhüten.

Ein Unsicherheitsfaktor bleibt bei vielen pflanzlichen Heilmitteln bestehen, denn die Wirksamkeit zahlreicher Phytopharmaka ist nicht hinreichend belegt. "Die Wahrscheinlichkeit unerwünschter Wirkungen ist bei pflanzlichen Arzneimitteln geringer als bei synthetisch hergestellten Stoffen", sagt der Arzt und Apotheker Wolfgang Becker-Brüser vom "arznei-telegramm". "Aber inwieweit Phytopharmaka tatsächlich vertragen werden, zum Beispiel von der Leber, darüber ist allgemein zu wenig bekannt." Ein Beispiel sei Cassia-Zimt, das als Mittel bei Diabetes angepriesen werde, in höherer Dosis aber die Leber schädigen könne.

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Seite 1
carlitom 25.10.2012
1. Witzig
Das ist doch total witzig, weil so viele (auch Medien - wie der Spiegel z.B.) sonst immer die Wirkung solcher naturheilkundlichen "Mittelchen" bezweifeln. Was denn nun? Wirkungslos oder mit TÖDLICHEN Wechselwirkungen behaftet? Da muss man sich schon entscheiden. Ach ja, eine
SPQSLeaks 25.10.2012
2. Wieder ein von der Pharmaindustrie gesponserter Artikel!
Z.B. weil das Cumarin in Medikamente ungünstig Auswirkungen auf die Leber hatte - wird es auch beim Zimt angenomme - dort kommt es doch in Kombination vor und auch die Molekülstruktur ist anders. Da Zimt jedoch sehr effektiv ist bei Diabetes, könnte es Einbußen bei einem Milliardenmarkt geben. - Einahmen durch Anzeigen und Heftverkaufspreise reichen wohl nicht mehr - da muß der Teamleiter bei QS Outbound wohl mal wieder im Meeting die Leute rüde bedrohen
deus-Lo-vult 25.10.2012
3. ....
Zitat von sysopDPAEs gibt sie ohne Rezept in Apotheken und im Supermarkt. Pflanzliche Arzneien gelten als ungefährlich. Eine aktuelle Studie warnt jetzt vor möglichen Wechselwirkungen mit Medikamenten. Risiken drohen vor allem beim Stimmungsaufheller Johanniskraut. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/wechselwirkung-johanniskraut-kann-medikamente-unwirksam-machen-a-862945.html
Himmel.... selbstverständlich ist es wie bei ALLEM die Dosis! In höherer Dosis, kann sogar WASSER gefährlich sein! In geringer Dosis wirkt ein Fliegenpilz halluzinogen. In höherer Dosis tödlich. Mannmannmann....
wernerthurner 25.10.2012
4. Einseitige Informationen
Die Überschrift schreibt von "gefährlichem Johanniskraut". Das ist Unsinn. Die einzig ernsthafte Nebenwirkung von Johanniskraut ist und bleibt die sog. Photosensibilität, d.h. man soll bei Einnahme von Johanniskraut keine Sonnenbäder nehmen. Alles andere was im Artikel genannt wird, dient lediglich dazu der allopathischen Medizin ihre Pfründe zu sichern und die Leute zu verunsichern. Johannsikraut wirkt wie modernste allopathische Antidepressiva, die wesentlich mehr und gefährlichere Neenwirkungen haben! Ähnliches wurde vor Jahren mit Kava Kava gemacht, wo man einem ominösen Fall von Überdosierung bei einer Schwangeren mit Drogenkonsum zum Anlass nahm es vom Markt zu nehmen. Ähnliches vor Jahren mit Nomon, einem sehr guten pflanzlichen Prostata Mittel- Ähnliches vor Jahren mit Tebonin pi. Dahinter steckt die unstillbare Gewinnsucht und Macht der allopathischen Pharmaindustrie, die nebenwirkungsarme Konkurrenz ausschalten will, nichts weiter.
fritzer24 25.10.2012
5. Nichts Neues
Aber ne Überschrift auf Bildniveau. Sonst wird bei Spiegel alles was mit Apotheken geschieht schlecht gemacht,siehe das Urteil zum Selbstbedienungsverbot aber heute ist der Artikel ja mal für die Apotheke.Oder kommt da noch ein Absatz über Testkäufe von Stiftung Warentest?
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