Weltkrebstag Das globale Geschwür

Mehr als 18 Millionen Menschen erkrankten 2018 weltweit an Krebs. In Deutschland ist statistisch gesehen jeder Zweite im Laufe des Lebens betroffen. Doch auch die Heilungschancen steigen. Die Krankheit in Zahlen.

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Von Magdalena Hamm


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Krebs sei eine "wachsende globale Bürde". Zu diesem Urteil kommt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in ihrem jüngsten Report über die Krankheit. Er ist die zweithäufigste Todesursache weltweit und die häufigste in Europa. In Deutschland sterben Jahr für Jahr mehr als 200.000 Menschen an bösartigen Tumoren, nur Herz-Kreislauf-Erkrankungen fordern hierzulande mehr Menschenleben.

Auch die Zahl der Neuerkrankungen nimmt seit Jahren weltweit zu. Das liegt am allgemeinen Bevölkerungswachstum und an der immer höheren Lebenserwartung in wohlhabenden Ländern, denn mit dem Alter steigt auch das Krebsrisiko. Zudem haben sich die Diagnose- und Screeningverfahren verbessert, sodass heute mehr Tumoren gefunden werden, die man früher vielleicht übersehen hätte.

Eine Ursache ist aber unbestreitbar der Lebensstil, den viele Menschen in hochentwickelten Industrienationen wie Deutschland pflegen: Rauchen, Alkohol trinken, zu wenig Bewegung und ungesunde Ernährung erhöhen das Risiko für viele Krebsarten. Das ist auch daran zu sehen, dass in wohlhabenden Ländern mehr Menschen an Krebs erkranken als in ärmeren Staaten - selbst dann noch, wenn die höhere Lebenserwartung als Risikofaktor herausgerechnet wird.

Gute Nachrichten: Krebsrisiko lässt sich senken, Heilungschancen steigen

Darin liegt auch eine gute Nachricht: Jeder hat die Möglichkeit, sein persönliches Krebsrisiko zu reduzieren, indem er gesünder lebt. Auf diese Weise ließen sich 30 bis 50 Prozent aller Krebserkrankungen vermeiden, hat die WHO errechnet.

Für Deutschland kam eine Studie des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) kürzlich auf einen Wert von fast 40 Prozent vermeidbarer Krebserkrankungen. Auch die Impfung gegen Papillomaviren ist ein Fortschritt, sie wird für alle Mädchen und Jungen zwischen neun und 14 Jahren empfohlen und senkt das Risiko für Gebärmutterhalskrebs sowie für Mund-, Rachen- und Analkrebs.

Die Zeiten, in denen Krebs als unheilbar galt, sind zum Glück vorbei. Zwar ist die Diagnose noch immer ein Schock, ein Todesurteil muss sie aber nicht mehr sein. Starben 1980 noch mehr als zwei Drittel aller Krebspatienten, kann laut DKFZ heute mehr als die Hälfte auf dauerhafte Heilung hoffen. Zudem haben sich dank verbesserter Therapieverfahren die Überlebensdauer und die Lebensqualität deutlich erhöht.

Im Folgenden sind die wichtigsten Kennzahlen zu Krebs zusammengefasst.

Wie viele Menschen leiden an Krebs?

Im Jahr 2018 wurden Schätzungen zufolge weltweit mehr als 18 Millionen neue Krebsdiagnosen gestellt, wie aus der Datenbank der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) hervorgeht. Die Zahl der Menschen, die 2018 bereits seit fünf Jahren mit einer Krebsdiagnose lebten, schätzen sie auf beinahe 44 Millionen.

Krebserkrankungen und Sterbefälle weltweit 2018

Weltweit gesehen gehen Experten davon aus, dass jeder fünfte Mann und jede sechste Frau im Laufe des Lebens eine Krebserkrankung entwickeln. Im Vergleich dazu haben die Deutschen ein relativ hohes Risiko an Krebs zu erkranken: Auf das ganze Leben gerechnet liegt es für Männer wie für Frauen bei knapp 50 Prozent, schätzt das Zentrum für Krebsregisterdaten (ZfKD) in seinem Bericht "Krebs in Deutschland". Das mittlere Alter, in dem die Krankheit zum ersten Mal auftritt, beträgt bei beiden Geschlechtern etwa 70 Jahre.

2014 wurden hierzulande mehr als 470.000 neue Krebsdiagnosen gestellt, die Daten für 2018 liegen noch nicht vor, werden vom ZfDK aber auf etwa 490.000 geschätzt. Bis 2030 gehen die Forscher sogar von 600.000 Neuerkrankungen aus.

Der Anstieg ist maßgeblich auf die Altersstruktur der Bevölkerung zurückzuführen. Rechnet man den demografischen Aspekt heraus, geht die Rate der Neuerkrankungen leicht zurück. Die Zahl der Deutschen, die zum Zeitpunkt der Erhebung, also 2014, bereits seit fünf Jahren mit einer Krebsdiagnose lebten, lag laut den Experten bei 1,5 Millionen.

Wie viele Menschen sterben an Krebs?

Laut den Schätzungen der IARC sind 2018 weltweit etwa 9,6 Millionen Menschen an Krebs gestorben. Mehr als die Hälfte der Krebstoten wurde in Asien gezählt, was nicht verwunderlich ist, da dort besonders viele Menschen leben. Betrachtet man die Zahl der Krebstoten pro 100.000 Einwohner, fällt auf, dass die Sterberate in vielen europäischen Ländern weit über 100 liegt und damit deutlich höher als beispielsweise in Indien, wo sie knapp 60 beträgt (siehe Weltkarte oben).

Die angegebenen Sterbe- und Erkrankungsraten sind zudem altersstandardisiert. Das bedeutet, dass Unterschiede im Altersaufbau der verglichenen Bevölkerungen herausgerechnet wurden, um sie besser miteinander vergleichen zu können.

Die aktuellsten Zahlen für Deutschland stammen aus dem Sterberegister von 2016, wonach in dem Jahr 230.725 Menschen an Krebs gestorben sind, davon etwa 20.000 mehr Männer als Frauen. Die tatsächliche Sterberate pro 100.000 Einwohnern liegt bei mehr als 350. Nach der Altersstandardisierung, bei der dieser Wert an die weltweite Altersstruktur angepasst wird, beträgt die Rate bei Frauen nur noch knapp über 120 Fälle pro 100.000 Einwohner, bei Männern etwa 190.

An welchen Krebsarten erkranken die meisten Menschen?

Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten, denn sie ist von verschiedenen Faktoren abhängig, vor allem vom Geschlecht und der Herkunftsregion eines Menschen (siehe Grafik unten). So erkrankten 2018 auf fast allen Kontinenten Männer am häufigsten an Prostatakrebs. In Asien dagegen taucht die Krebsart nicht einmal in den Top 5 der häufigsten Diagnosen auf. In den Ländern Ozeaniens, zu denen auch Australien und Neuseeland gehören, ist Hautkrebs ein großes Problem, weil hier die Sonneneinstrahlung höher ist als in anderen Weltregionen.

Unter deutschen Frauen ist Brustkrebs die mit Abstand häufigste Diagnose, sie macht mehr als 30 Prozent aller Neuerkrankungen aus. Bei Männern ist besonders oft die Prostata betroffen (23 Prozent). Für beide Geschlechter relevant sind zudem Lungenkrebs und Darmkrebs.

An welchen Krebsarten sterben die meisten Menschen?

Die meisten Krebstodesfälle im Jahr 2018 waren nach der IARC-Schätzung auf Lungenkrebs zurückzuführen, knapp 1,8 Millionen Menschen starben weltweit daran. Das sind fast 20 Prozent aller Krebstoten. Hauptursachen sind laut WHO das Rauchen und Passivrauchen, hinzu kommen Luftverschmutzung und die Belastung durch krebserregende Stoffe wie Radon oder Asbest. Lungentumoren sind besonders aggressiv, die Chance, die ersten fünf Jahre nach der Diagnose zu überleben, liegt weltweit bei zehn bis 15 Prozent.

Auch in Deutschland ist Lungenkrebs die häufigste Todesursache bei den Krebssterbefällen. 2016 starben hierzulande insgesamt 45.800 Menschen daran, darunter fast doppelt so viele Männer wie Frauen. Doch einer Prognose des Deutschen Krebsregisters zufolge wird die Neuerkrankungsrate für Frauen künftig leicht steigen, während die der Männer allmählich sinkt.

Das lässt sich mit dem veränderten Rauchverhalten erklären: Insgesamt rauchen weniger Menschen als vor einigen Jahrzehnten, der Anteil der Frauen hat jedoch zugenommen. Die Fünf-Jahres-Überlebenschance von Lungenkrebspatienten liegt in Deutschland bei 15 bis 20 Prozent.

Deutsche Frauen sterben am häufigsten an Brustkrebs, 2016 wurden rund 18.500 Todesfälle gemeldet. Bei dieser Krebsform stehen die Heilungschancen jedoch weitaus besser als bei Lungenkrebs, fünf Jahre nach der Diagnose leben noch etwa 80 Prozent der Betroffenen.

Was kostet der Krebs?

Weltweit verursachen Krebserkrankungen einen ökonomischen Schaden von mindestens einer Billion, also tausend Milliarden Dollar im Jahr, schätzt die WHO. Für die EU berechneten Wissenschaftler vor einiger Zeit die Summe von 126 Milliarden Euro für das Jahr 2009. Nur etwa 40 Prozent der Kosten wurden demnach durch die Gesundheitssysteme der EU-Staaten getragen, die restlichen 60 Prozent entstanden hauptsächlich durch Arbeitsausfälle.

Für Deutschland stammen die aktuellsten Daten aus dem Jahr 2008, damals betrugen die Kosten für alle Tumorerkrankungen etwa 18 Milliarden Euro. Im Jahr 2013 waren alle Krebserkrankungen zusammen für etwa elf Millionen Arbeitsunfähigkeitstage verantwortlich, ein Drittel davon ging allein auf Brustkrebserkrankungen zurück.


Zusammengefasst: Die Zahl der Krebserkrankungen steigt weltweit, die Hauptgründe dafür sind die wachsende Weltbevölkerung sowie die immer höhere Lebenserwartung in wohlhabenden Ländern. In Deutschland werden in den kommenden Jahren etwa eine halbe Millionen neue Krebsdiagnosen jährlich erwartet. Das mittlere Alter, in dem die Krankheit erstmals auftritt, liegt hierzulande bei rund 70 Jahren.



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