Von Heike Le Ker
Hamburg - Die Lebenserwartung steigt, die Kindersterblichkeit ist gering, immer weniger Mütter sterben bei der Geburt. Das sind die guten Nachrichten: Die Europäer schneiden bei ihrer Gesundheit im internationalen Vergleich äußerst gut ab. Doch so gesund die gesamte Region erscheinen mag, so stark unterscheiden sich die Länder untereinander. Das offenbart jetzt der European Health Report 2012, den die Weltgesundheitsorganisation WHO an diesem Mittwoch veröffentlicht hat.
Der Bericht umfasst riesige Datenmengen aus 53 Staaten. Von Island bis Zypern und von Portugal bis Kasachstan leben fast 900 Millionen Menschen. Das macht deutlich, warum die Unterschiede zwischen den Ländern größer nicht sein könnten: Während etwa die Einwohner Luxemburgs ein durchschnittliches Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von mehr als 105.000 Dollar (rund 80.500 Euro) haben, liegt es in Tadschikistan bei weniger als 700 Dollar (rund 537 Euro). Und während in Ländern wie Deutschland, Schweden, Großbritannien oder Frankreich nur 8,7 von 100.000 Menschen aufgrund von Herz- und Kreislaufkrankheiten sterben, bevor sie das 65. Lebensjahr erreichen, sind es in Russland, Weißrussland und der Ukraine 114,7.
"Insgesamt ist es ein positiver Bericht", sagt Claudia Stein mit Blick auf die Gesundheit und die Lebenserwartung der Europäer. "Aber die Ungleichheiten zwischen den einzelnen Ländern, Bevölkerungsschichten oder Geschlechtern sind doch sehr gravierend - und sie sind bedenklich."
Infektiöse Krankheiten durch Resistenzen auf dem Vormarsch
Vier von fünf Todesfällen in Europa lassen sich auf nicht übertragbare Krankheiten zurückführen. Bei den unter 65-Jährigen verursachen fast die Hälfte davon Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems wie Herzinfarkt oder Schlaganfälle. Krebs ist in rund 20 Prozent der Fälle die Todesursache. In einigen Ländern verändert sich dieses Verhältnis jedoch: Durch die steigende Lebenserwartung sind Krebserkrankungen in 28 der 53 Länder bereits die Todesursache Nummer eins bei den unter 65-Jährigen. Dieser Trend setzt sich fort. Bei den übertragbaren Krankheiten ist Tuberkulose verantwortlich für 40 Prozent aller Todesfälle, und in Osteuropa breitet sich die Aids-Epidemie so schnell wie nirgends sonst in der Welt aus.
Der Report benennt die wichtigsten Einflussfaktoren auf die Gesundheit der Europäer. Auch hier zeigen sich eklatante Unterschiede:
"Wir hatten gehofft, dass sich die Ungleichheiten verringern", sagt WHO-Expertin Claudia Stein. Der Bericht zeige, dass die europäischen Mitgliedstaaten künftig noch besser zusammenarbeiten müssen. Die aktuellen Analysen sollen nun ein Ausgangspunkt für Strategien sein, mit denen die Gesundheit der Europäer verbessert werden soll.
In Zukunft, so das Ziel, das im WHO-Konzept "Gesundheit 2020" verankert ist, soll Gesundheit dabei nicht mehr nur als die Abwesenheit von Krankheit definiert werden. Vielmehr will man sich auf das Wohlbefinden der Menschen fokussieren - definiert als "Zustand der vollkommenen, körperlichen, geistigen und sozialen Gesundheit".
"Wir arbeiten daran, Indikatoren für das Wohlbefinden zu entwickeln", erklärt Stein. Natürlich sei die subjektive Definition jedes einzelnen sehr schwer zu fassen. Aber objektiv gebe es viele Möglichkeiten. "Allerdings wird es noch viele Debatten und Diskussionen darüber geben", so Stein. "Wir sind erst am Anfang der Reise."
Mitarbeit: Cinthia Briseño
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