WHO-Verkehrsstatistik Mehr Autos, weniger Tote

Die Zahl der Autos nimmt zu, die Zahl der Verkehrstoten ab - zumindest in den reichen Ländern. Das offenbart ein neuer WHO-Bericht. In Entwicklungsländern hingegen ist die Statistik erschreckend.

Chaos in Lagos: In Afrika sterben besonders viele Menschen im Straßenverkehr
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Chaos in Lagos: In Afrika sterben besonders viele Menschen im Straßenverkehr


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Der Straßenverkehr ist tödlicher als Ebola oder Malaria: Jahr für Jahr sterben weltweit 1,25 Millionen Menschen auf der Straße. Die Zahl ist in den vergangenen Jahren nahezu konstant geblieben, wie aus dem "Weltbericht zur Sicherheit im Straßenverkehr" hervorgeht. Der seit Jahren vorhergesagte Anstieg sei nicht eingetreten, schreiben die Autoren der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Anstrengungen für mehr Verkehrssicherheit trügen offenbar Früchte.

Das ist die gute Nachricht. Doch es gibt auch eine schlechte: In Ländern, die für Verkehrssicherheit kein Geld haben, gibt es viel mehr Verkehrstote als in reichen Staaten. Rund 90 Prozent aller Todesfälle ereignen sich laut WHO in Ländern mit geringen bis mittleren Einkommen, auch wenn dort nur 54 Prozent aller Fahrzeuge der Welt unterwegs sind.

"Afrika ist weiterhin die Region mit der höchsten Rate an Verkehrstoten, während sie in Europa am niedrigsten ist", schreiben die Autoren. Die Kluft zwischen armen und reichen Ländern wird beim Vergleich der Statistik der Verkehrstoten pro 100.000 Einwohner besonders deutlich: Im hochmotorisierten Deutschland waren es 2013 laut WHO-Bericht 4,3. Im nordafrikanischen Libyen, das die Statistik anführt, hingegen 73,4 - obwohl sich dort viel weniger Menschen ein Auto leisten können (siehe Karte).

Auf Deutschlands Straßen ist die Zahl der Verkehrstoten seit 2011 stetig gesunken - auch wenn es 2014 zu einer leichten Erhöhung kam. Grund für die niedrigen Zahlen könnte das Verkehrssicherheitsprogramm der Bundesregierung aus dem Jahr 2011 sein. Dessen Ziel ist es, die Zahl der tödlich Verunglückten bis 2020 um 40 Prozent zu verringern. Unfallforschern zufolge hat aber vor allem die verbesserte Fahrzeugtechnik in den vergangenen Jahrzehnten zum Sinken der Verkehrstoten-Zahl beigetragen.

Als positives Beispiel wird die Durchsetzung von zahlreichen Tempo-30-Zonen im baden-württembergischen Freiburg genannt. Diese Strategie habe dazu geführt, dass im Zentrum der Universitätsstadt 24 Prozent aller Wege zu Fuß, 28 Prozent mit dem Fahrrad, 20 Prozent mit öffentlichen Verkehrsmitteln und nur noch 28 Prozent mit dem Auto zurückgelegt werden.

Zu den sichersten unter den europäischen Ländern gehören Schweden mit seiner "Vision Zero" (2,4 Verkehrstote auf 100.000 Einwohner), die Schweiz (3,3) und die Niederlande (3,4). Mehr Unfalltote als in Deutschland (4,3) gab es laut der Studie unter anderem auf den Straßen Frankreichs (5,1) und Österreichs (5,4). In China fielen dem Straßenverkehr 2013 statistisch gesehen 18,8 von 100.000 Einwohnern zum Opfer, in den USA waren es 10,6.

Die Hälfte aller Toten sind Radfahrer, Kradfahrer und Fußgänger

Die Zahlen aus den Entwicklungsländern alarmieren die Weltorganisation. "Der Tribut, den tödliche Verkehrsunfälle fordern, ist inakzeptabel hoch - besonders unter armen Menschen in armen Ländern", erklärte WHO-Generaldirektorin Margaret Chan. Sie verzeichnet gegenläufige Trends: Obwohl immer mehr Autos und Motorräder zugelassen werden, gelang es in 79 Ländern, die Zahl der Verkehrstoten zu senken. In 68 meist einkommensschwachen Staaten stieg sie jedoch. Vor allem dort müsse mehr getan werden, um allgemein anerkannte Sicherheitsstandards durchzusetzen.

Seit Jahren sind laut WHO Fußgänger, Fahrrad- und Kradfahrer im Straßenverkehr am stärksten gefährdet - sie machen die Hälfte aller Unfalltoten aus. Dennoch würden vielerorts beim Straßenbau allein die Bedürfnisse des Autoverkehrs berücksichtigt, kritisierte Chan. Radfahrer leben besonders gefährlich in Malawi (6 Tote auf 100.000). Deutschland kommt hier auf 0,5 Tote pro 100.000. Für Fußgänger ist der Verkehr in Libyen und Malawi besonders gefährlich - dort sterben 19 beziehungsweise 17 Menschen je 100.000 bei Unfällen. In Deutschland sind es 0,7. Die meisten Kradfahrer sterben in Thailand (26,4 Toten auf 100.000) und in der Dominikanischen Republik (18,5 Tote) - Länder, in denen Fahrzeuge mit zwei oder drei Rädern traditionell als öffentliche Transportmittel eingesetzt werden. In Deutschland sterben dagegen nur 0,8 Kradfahrer auf 100.000 Einwohner.

Die größten Erfolge verbuchen jene Länder, die strenge Verkehrsregeln durchsetzen sowie Straßen und Fahrzeuge sicherer gemacht haben. So sind mittlerweile in 105 Staaten Sicherheitsgurte für alle Insassen eines Autos gesetzlich vorgeschrieben. 47 Staaten setzen Geschwindigkeitsbegrenzungen von maximal 50 Stundenkilometern in bewohnten Gebieten durch. Promillegrenzen gibt es in 34 Ländern, Helmpflicht für Kradfahrer in 44, und in 54 Ländern gibt es Vorschriften für Kindersitze.

"Dank strengerer Gesetze und einer besseren Infrastruktur sind heute fast eine halbe Milliarde Menschen besser vor Verkehrsunfällen geschützt, als noch vor einigen Jahren", erklärte New Yorks früherer Bürgermeister Michael Bloomberg, dessen Medienunternehmen die Finanzierung der Studie unterstützt hat. Doch es müsse noch viel mehr getan werden, um die Verkehrssicherheit zu erhöhen. "Jeder Verlust eines Menschenlebens in einem Verkehrsunfall ist eine Tragödie, die vermeidbar gewesen wäre."


Zusammengefasst: Trotz der zunehmenden Anzahl von Autos ist die Zahl der Verkehrstoten seit 2007 konstant bei etwa 1,25 Millionen Menschen geblieben, so die WHO. Dafür sind laut Experten verbesserte Sicherheitstechnik und strengere Verkehrsregeln verantwortlich. In den Entwicklungsländern kommen dagegen sehr viele durch Unfälle um - obwohl dort viel weniger Menschen Autos besitzen. Die meisten Verkehrstoten gibt es in Afrika, vor allem in Libyen, und in Thailand.

joe/dpa



insgesamt 51 Beiträge
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Banause_1971 19.10.2015
1. Trotzdem
erschließt sich mir nicht, warum wir Autos fahren, und damit 1,25 Millionen Tote jedes Jahr in Kauf nehmen,... aber den Transrapid schon in seiner Entwicklungsphase abgeschafft haben, obwohl klar menschliches Versagen für die damalige Tragödie verantwortlich war. Aber an die ungeheure Zahl der Verkehrstoten haben wir uns gewöhnt, wie mir scheint. Tote durch Straßenverkehr, Bahn, Flugzeuge, Schiffe,.. alles ganz normal. Lediglich neue Techniken dürfen niemals Menschenleben kosten. Seltsame Gesellschaft...
manni.baum 19.10.2015
2. nur zu
dann doch besser noch viel mehr Autos, bei 200 km langem Stillstand auf der Autobahn gibt es gar keine Tote.
bruno47 19.10.2015
3. Schweiz - Österreich
Woher kommt dieser dramatische Unterschied zwischen Österreich und der Schweiz. Beide Länder sind sowohl fahrzeugtechnisch als auch mit Ihrer Infrastruktur auf ähnlichem Niveau. Ebenfalls sind die Bedingungen im Winter ähnlich. Beide haben generelle Geschwindigkeitsbeschränkungen. Und trotzdem ist das Risiko in Österreich einen tödlichen Unfall zu erleiden fast doppelt so hoch wie in der Schweiz. Gibt es dazu Untersuchungen? Kann es sein, dass die Verkehrsdichte in Österreich durch den Transitverkehr höher ist als in der Schweiz?
zick-zack 19.10.2015
4. Glaub ich nicht
Es nimmt vielleicht die Zahl der Verkehrsteilnehmer ab, die direkt auf der Straße sterben. Insgesamt steigt die Anzahl aber sicher an. Gell, VW?
jalu-2008 19.10.2015
5. Ja ja...
Zitat von zick-zackEs nimmt vielleicht die Zahl der Verkehrsteilnehmer ab, die direkt auf der Straße sterben. Insgesamt steigt die Anzahl aber sicher an. Gell, VW?
Ach ja, wie waren denn die Diesel-Motoren vor 15 Jahren so sauber, oder wie? Schauen Sie sich mal die Ausstoßmengen an Schadstoffen an, vor Euro 1 und nun mit Euro 6, dann schauen Sie sich noch die Ausreißer der VW-Manipulation an, wenn Sie die dann überhaupt finden im Diagramm, so gering wie die sind. Und afrikanische oder viele asiatische Länder wären froh, saubere Fahrzeuge wie aktuelle VW TDI auf der Strasse zu haben, im Gegensatz zum dort noch attraktiven Zweitakter-Moped oder uralten Stinker-Diesel-LKW.
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