Leben in Scham


Sie sind versehrt und stigmatisiert - manchmal für immer: Durch Vergewaltigung oder fehlende Geburtshilfe inkontinent, werden jedes Jahr Tausende Afrikanerinnen verstoßen. Nur mancherorts verbessert sich die Lage. Eine Reportage aus Äthiopien und der Demokratischen Republik Kongo.

Von Andrea Jeska (Text) und Fabian Weiss (Fotos und Videos)

Ihre Schicksalsjahre sind 2001, 2004 und 2009. In diesen kamen die Rebellen nicht nur in Janet K.‘s Dorf, sondern auch in ihr Haus. Jede Frau im Ostkongo weiß, was es heißt, wenn Milizen ins Haus kommen. Wenn man Glück hat, bedeutet es Schläge und Plünderung. Wenn man Pech hat, drohen Vergewaltigung oder Tod.

2001 hatte Janet K. Glück. Die Rebellen waren nur hungrig, wollten nur Essen. 2004 kamen Regierungssoldaten. "Sie waren wütend, aber wir wussten nicht, warum." Sie holten einen Mann nach dem anderen aus dem Haus. Sie stellten den Männern Fragen und schlugen ihnen die Fußsohlen wund, dann steckten sie ihre Füße in Eimer mit Salzwasser.

Bevor sie gingen, vergewaltigten sie die Frauen. "Von vorne und von hinten", sagt sie. Sie senkt den Blick dabei nicht. In vielen Gesprächen mit den anderen Opfern hat sie gelernt: Nicht sie muss sich schämen für das, was ihr passierte. Sondern die, die ihr das antaten.

Janet K. ist heute 52 Jahre alt. Sie wohnt in einem der Dörfer, die über die Hügel und am Rande der Wälder des Ostkongo verstreut liegen, als habe sie jemand verloren. Dörfer, die aus einem Dutzend Hütten bestehen, Maisfelder und Bananenhaine drum herum, festgetretener Boden, dort, wo Menschen und Vieh ihre täglichen Bahnen laufen. In solchen Dörfern, mit einem Leben voller Arbeit und der täglichen Präsenz von Gewalt, wird man schnell alt.

Janet ist eine hochgewachsene Frau mit einer Haltung, so gerade, als müsse sie zeigen: Ich bin nicht gebrochen. Doch ihre Züge sind die einer alten Frau, der Mund, die Augen voller Gram. Sie hat acht Kinder großgezogen, seit vier Jahren ist sie Witwe. Ihren Unterhalt verdient sie mit Nähen, ihre Stärke, sagt sie, beziehe sie von Gott. Um den Hals trägt sie einen weißen Rosenkranz und keiner ihrer Tage endet ohne ein Dankesgebet.

Nach der Vergewaltigung war Janet K. inkontinent. Erst dachte sie, es sei nur vorübergehend. "Ich habe immer mehrere Hosen übereinander gezogen. Und in die Hosen habe ich Plastikbeutel gelegt." Als es nicht besser wurde, fuhr sie in die kongolesische Provinzhauptstadt Bukavu.

"Jemand sagte mir, da gibt es eine Klinik für inkontinente Frauen. Ich hatte bis dahin nicht gewusst, dass man mir helfen kann." Die Ärzte erklärten ihr, sie habe eine Fistel. Sie wurde operiert, genäht - danach war ihre Inkontinenz geheilt.

Patientin Sawara: Die 18-Jährige kommt aus Somalia und hat einen weiten Weg bis in die Hamlin Fistula Ethiopia Klinik in Addis Abeba auf sich genommen.

Diese Fisteln im Genitalbereich sind abnormale Verbindungen zwischen Blase und Vagina oder zwischen Darm und Vagina, die durch Verletzungen entstehen. Das trennende Gewebe reißt oder löst sich unter Druck auf, Urin und Stuhl gelangen in die Vagina und von dort aus dem Körper.

2009 kamen wieder Rebellen. K. war schwanger und bat, verschont zu werden. Es waren vier Männer und sie sagten, schwanger oder nicht schwanger, das sei egal. Nachbarn brachten sie danach in ein Krankenhaus. Das Kind im Bauch war tot. Aus ihrem Körper lief wieder Urin.

Diesmal war die Fistel kompliziert. Nach vier Operationen sagten ihr die Ärzte, sie könnten sie nicht heilen. Mit einem Krankenwagen brachte man sie zurück in ihr Dorf Likirima, eine gute Stunde von Bukavu entfernt. Janet zog wieder viele Hosen an, legte Stoffstreifen hinein.

So ist es bis heute. Sie geht nur noch selten vor die Tür. Die anderen im Dorf machen einen Bogen um sie. "Die Leute sagen, ich stinke." Schätzungsweise mehrere Hunderttausend Frauen sind im Ostkongo in den vergangenen zwei Jahrzehnten vergewaltigt worden. Die Vergewaltigungen sind eine Kriegswaffe. Seit den frühen Neunzigerjahren gibt es im Kongo kriegerische Konflikte um Bodenschätze: Coltan, Zinn, Gold, Wolfram, alles, was die digitale Industrie braucht.

Immer neue Rebellengruppen sind in dieser Zeit entstanden, die aus dem Ausland mit Waffen und Geld versorgt werden, damit sie den Zugang zu den Minen sichern. Diese Rebellen rotten ganze Dörfer aus, rekrutieren Kindersoldaten und versklaven und vergewaltigen Frauen, misshandeln sie mit Knüppeln und Bajonetten. Schätzungsweise fünf Millionen Menschen sind in diesem Dauerkonflikt bislang gestorben.

Fisteln gehören zu den körperlichen Folgen dieser brutalen Gewalt. "Wenn sie dich vergewaltigen, ist das nicht wie Sex haben", sagt K. "Sie wollen dir Schmerzen zufügen. Wenn einer fertig ist, dann kommt der Nächste, wickelt deinen Rock um seine Hand und steckt dir diese in die Vagina. Er sagt, er mache dich sauber, aber er verletzt dich dabei."

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Ein uraltes Frauenleiden


Fisteln sind ein Problem in vielen Ländern Afrikas. Sie können auch Folge einer Geburt sein, wie bei der 18-jährigen Sawara A. aus Somalia. Man hatte sie mit 14 Jahren verheiratet, wie es Sitte ist in ihrem Heimatland, und wie es Sitte blieb, auch nachdem ihr ganzes Dorf vor dem Bürgerkrieg in Somalia nach Äthiopien geflohen war.

Dort lebten sie in einer Gegend, die einsam war, es gab Wüste und eine Bergkette, die Mütter ackerten auf Feldern, die Kinder hüteten die Ziegen.

Sitte war es auch, das Kind zu Hause zu gebären, auf dem Boden der Hütte, mithilfe der Mutter und einer der alten Frauen. Mit 16 war sie schwanger. Erst als die Geburt nicht voranging, weil Sawaras Becken zu eng war, brachte man sie zur nächstgelegenen Gesundheitsstation. Aber es war schon zu spät: Das Kind war tot, die Mutter inkontinent. Danach trennte sich der Ehemann von ihr, und A. blieb in der elterlichen Hütte, ging nirgends mehr hin, schämte sich ihres Uringeruchs. Eine verzweifelte 16-Jährige ohne Zukunft.

Zwei Millionen Frauen, so schätzt die Weltgesundheitsorganisation, leiden in Afrika südlich der Sahara sowie in Asien unter unbehandelten Fisteln, jährlich kommen 50.000 bis 100.000 neue Fälle hinzu. Es ist ein uraltes Frauenleiden, das schon Frauen im alten Ägypten plagte.

Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts traten Geburtsfisteln auch in Europa auf, doch seit der Einführung von Schwangerschaftsvorsorge, Entbindungen im Krankenhaus und Kaiserschnitt gehören sie der Vergangenheit an.

Die meisten Fisteln werden durch Geburtskomplikationen hervorgerufen. Wenn das Kind nicht durch das Becken passt und sein Kopf am Beckenknochen gegen das Gewebe der Mutter drückt, entstehen Löcher und Risse an Blasen- und Darmwänden.

Geburtsfisteln sind ein Schicksal, das arme Frauen ereilt. Geografische Abgeschiedenheit, kein Geld für ärztliche Behandlung, dazu noch Traditionen wie Hausgeburten. Patriarchalische Gesellschaftsstrukturen, in denen das Leben einer Frau nicht viel wert ist, frühe Heirat und Mangelernährung kommen zu den Gründen für solche Verletzungen hinzu.

In den ärmsten Ländern gebärt nur jede zweite Frau in einem Krankenhaus oder mithilfe einer Hebamme. Rund 15 Prozent aller afrikanischen Schwangeren erleiden Komplikationen, die eine notfallmäßige Versorgung erfordern. Doch wenn diese auftreten, ist die nächste Klinik oft weit entfernt. Oder es mangelt den Ärzten an Ausbildung und medizinischem Gerät.

Schlimmer als die Verletzung ist für die Frauen der Verlust ihres sozialen Status. Weil sie schlecht riechen, werden sie isoliert, können nicht mehr zum Markt und auch nicht in die Kirche gehen. Weil ihre Ehemänner sie häufig verstoßen, verlieren sie ihre wirtschaftliche Grundlage. Verarmt, stigmatisiert, ihrer Würde beraubt wählen manche Frauen auch den Tod.

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Doktor Mukwege ist müde


Bis zu 95 Prozent aller Geburtsfisteln sind heilbar. Die Erfolgsquote bei Vergewaltigungsfisteln sei wegen der oft noch schwerwiegenderen Verletzungen geringer, sagen Ärzte, die das Leiden regelmäßig behandeln. Bei sehr gravierenden Verletzungen kann oft auch eine Operation nicht mehr helfen. Trotz der hohen Zahl der Betroffenen gibt es in Afrika nicht einmal ein Dutzend Kliniken, die auf die Behandlung von Fisteln spezialisiert sind.

Video Doktor Mukwege

Janet K. wurde in der Panzi-Klinik in der kongolesischen Provinzhauptstadt Bukavu operiert - am Ende vergeblich. Die Inkontinenz ist geblieben. Klinik-Gründer ist Denis Mukwege, der für sein Eintreten gegen Gewalt und seine Verdienste um die Gesundheit der Frauen unter anderem den Sacharow-Preis der EU erhielt.

Denis Mukwege hat das Panzi gegründet, um Frauen Hoffnung zu bringen. Ein großer Mann mit einem ruhigen Gesicht und klugen Augen. Seine Klinik steht inmitten der chaotischen Stadt Bukavu wie ein Garten des Friedens. Weiße Gebäude, viele Blumen, mit Beeten umrahmte Wege. Es gibt einen Vortragssaal, Ärzte aus ganz Afrika kommen ins Panzi, um zu lernen.

Mukwege ist durch die ganze Welt gereist, um über die Gewalt gegen Frauen in seinem Land zu sprechen. Er hat mit Stars wie Angelina Jolie und Ben Affleck gesprochen, er hat vor den Vereinten Nationen und vor Dutzenden anderer Organisationen geredet. Immer und immer wieder hat er die Weltgemeinschaft gebeten, Druck auf die kongolesische Regierung auszuüben, zu helfen, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen, den Frauen seines Landes zu helfen.

Doch der 62-jährige Denis Mukwege ist müde geworden. Nicht, weil er keine Hoffnung bringen konnte, immerhin hat er in den vergangenen zwanzig Jahren 50.000 Frauen operiert. Sondern weil die Weltgemeinschaft nicht half, nicht helfen konnte, und weil die Vergewaltigungen nicht weniger werden.

Nur die Opfergruppe verändert sich. Immer häufiger hat Mukwege kleine Mädchen auf dem OP-Tisch liegen, die man vergewaltigte und dann zum Sterben irgendwo liegen ließ. Mit ärztlicher Kunst, sagt Mukwege, ließe sich das Problem der Fisteln nicht beheben. "Man kann gegen Gewalt nicht anoperieren. Man kann sie nur abschaffen."

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Hoffnung in Äthiopien


Die Somalierin Sawara A. hörte nach 18 Monaten Isolation in der elterlichen Hütte vom Hamlin Fistula Hospital in Addis Abeba. 760 Kilometer reiste sie mit öffentlichen Bussen in die Hauptstadt Äthiopiens. "Mein Onkel hat mir das Geld für den Bus gegeben. Mein Vater wollte mir nicht helfen. Er hat gesagt, es lohnt sich nicht."

Sawara ist eine schüchterne, schöne junge Frau mit schmalem Gesicht. Vor der Operation hat ihr eine der anderen Frauen in der Klinik einen Ring geschenkt mit einem blauen Stein. "Das war das erste Geschenk, das ich seit vielen Jahren bekommen habe. Es hat mir Glück gebracht."

Auf die Operation musste sie warten. Sie war zu dünn, hatte Nervenschäden in den Beinen von der Hockstellung während der Wehen, entzündetes Gewebe an der Innenseite der Oberschenkel vom Urin. "Ich habe kaum noch gegessen oder getrunken, weil ich nicht wollte, dass alles dann aus mir rausläuft", sagt sie voller Scham.

Monatelang päppelte man sie auf. Vitamine für den Körper, Physiotherapie für die Nervenschäden in den Beinen. Gespräche für die Seele. Nach zwölf Wochen wurde sie operiert. Die Fistel war im oberen Bereich der Blase, unkompliziert für die Ärzte. Man entfernte noch den Blinddarm, vernähte die Fistel.

Zwei Tage nach der Operation sitzt Sawara mit den anderen Patientinnen vor dem Eingang zum Krankenhaus. Dort steht der einzige Fernseher der Klinik, davor einige Holzbänke. Als das Programm lustig wird, probiert Sawara ein Lachen. Das erste seit zwei Jahren ohne auslaufenden Urin. Als eine der Krankenschwestern sie fragt, wie sie sich fühlt, strahlt sie. "Wie neu. Ich stinke nicht mehr. Und ich kann wieder Kinder bekommen, hat der Arzt gesagt."

Auch am Hamlin in Addis Abeba sind seit seiner Gründung vor mehr als 40 Jahren Zehntausende Patientinnen operiert worden. Doch anders als im Kongo nimmt die Zahl der Patientinnen dort mit jedem Jahr weiter ab. Waren es früher noch 100 Frauen, die pro Monat kamen, seien es jetzt nur noch zehn, sagt der ärztliche Leiter der Klinik, Fekade Ayenachew.

Grund für den Rückgang ist die verbesserte Gesundheitsvorsorge in dem Land. Die äthiopische Regierung erlässt Fünf-Jahres-Pläne zur Umgestaltung des Gesundheitswesens. Dazu gehört auch die Ausbildung von Hebammen, die dort arbeiten, wo die nächste Klinik weit entfernt ist.

Äthiopien ist es gelungen, die Müttersterblichkeitsrate seit 1990 um knapp 72 Prozent zu senken. Diese Maßnahmen haben sich auch auf die Fistelfälle ausgewirkt. Mehr Frauen entbinden in Kliniken, mehr Kliniken haben gut ausgebildete Ärzte.

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Der Raum der Stille


Janet K. aus dem Kongo fand seelische Heilung in der Zugehörigkeit zu einer Gruppe von 15 Frauen, die alle dasselbe Schicksal erlitten. Die Gruppe hat den Namen Simama, das bedeutet in ihrer Sprache, dem Mashi: Wir stehen auf.

Selbsthilfe: Imakile, 45, sitzt mit der sechsjährigen Ajibu im Haus der Stille nahe Bukavu (Demokratische Republik Kongo). Hier treffen sich Frauen, die vergewaltigt wurden. Fast alle sind inkontinent.

Alle Frauen der Gruppe wurden vergewaltigt, fast alle sind inkontinent. Zweimal im Monat treffen sie sich mit Sozialarbeitern der kongolesischen Hilfsorganisation Justice and Peace Commission, um über ihre Sorgen und gesundheitlichen Probleme zu sprechen.

Das Haus, in dem sie zusammenkommen, ist eigentlich nur eine Hütte, wacklige Bänke stehen darin, ein Schreibtisch. An den Wänden steht: Wir wollen Frieden. Und: Wir gehen zusammen. Das Haus gehört der Kirche und steht in einem Dorf rund zwei Stunden von Bukavu entfernt. Die Straßen sind gefährlich dort, niemand weiß, wann die Rebellen den nächsten Überfall planen. Die Frauen der Gruppe müssen ein bis zwei Stunden gehen, um das Haus zu erreichen, und es erfordert Mut, diese Wege zu machen. Die Angst, erneut Opfer zu werden, geht immer mit.

Die Frauen nennen das Haus den Raum der Stille, weil sie darin über alles reden können, dessen sie sich schämen und was sie anderen nie erzählen würden. Weil sie darin weinen und hadern dürfen - und nichts dringt nach außen.

Jeden Montag und Freitag arbeiten sie gemeinsam auf einem Feld, das sie gemeinsam gekauft haben. Von der Ernte nehmen sie sich, was sie brauchen. Was übrig bleibt, wird verkauft, der Erlös in einen Fonds eingezahlt. Braucht eine von ihnen Geld, kann sie den Fonds beleihen. "Wir sind versehrt, wir sind für immer stigmatisiert, aber wir sind nicht allein", sagt K. "Und wir haben verstanden, dass das, was uns passierte, nicht unsere Schuld ist."

Impressum

Text: Andrea Jeska

Videos: Fabian Weiss

Redaktion: Heike Le Ker, Holger Dambeck, Anna Behrend

Bildredaktion: Charlotte Lensing

Videoschnitt: Florian Barth

Dokumentation: Almut Cieschinger, Vasilios Papadopoulos

Schlussredaktion: Friederike Mayer

Programmierung und Grafiken: Chris Kurt, Anna Behrend




Wenn Sie spenden möchten für die Opfer:

Fistula Foundation

Panzi Foundation

Medica Mondiale




Diese Reportage ist Teil des Projekts Expedition #ÜberMorgen.