Baby-Infizierung in Charité: Experten fordern Impfzwang für Ärzte

Von Julia Merlot

In Berlin hat ein Arzt einen Säugling vermutlich mit Masern infiziert. Verhindern lassen sich solche Fälle nicht, denn selbst für Mediziner gilt keine Impfpflicht. Den Krankenhäusern bleibt nur, auf die Vernunft ihrer Angestellten zu hoffen.

Hochansteckende Krankheiten: "Nicht geimpfte Mediziner handeln fahrlässig" Zur Großansicht
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Hochansteckende Krankheiten: "Nicht geimpfte Mediziner handeln fahrlässig"

"Ich bin ziemlich sauer", sagt Marcus M. Es war Ostersonntag als M. und seine Frau die gemeinsame Tochter zur Erste-Hilfe-Stelle der Charité im Virchow-Klinikum brachten. Zwei Wochen später erkrankte das damals gut zehn Monate alte Mädchen an Masern. Wahrscheinlich wurde es von einem Arzt angesteckt.

Schon bei der Anmeldung in der Rettungsstelle hätten die Eltern darum gebeten, ihre Tochter besonders vor Infektionen zu schützen, weil diese kurz zuvor am Herzen operiert worden war, erzählt M. "Dennoch erschien zur Behandlung ein nach eigener Aussage stark erkälteter Arzt." Zufällig erfuhren die Eltern später, dass dieser zum Zeitpunkt der Behandlung Masern hatte, ohne es zu wissen.

Der Fall wirft Fragen auf: Warum war der Mediziner nicht geimpft? Und was können Kliniken tun, um solche Fälle zu verhindern?

Keine Impfpflicht für Ärzte

"Nicht viel", sagt Johannes Hübner, Infektiologe am Haunerschen Kinderspital der Universität München. "Dass so etwas wie an der Charité geschieht, ist in keiner deutschen Klinik ausgeschlossen." Grund dafür: Hierzulande gibt es keine Impfpflicht - auch nicht für medizinisches Personal, Ärzte, Pfleger, Rettungsassistenten oder Physiotherapeuten. "Für uns auf Station ist der Impfstatus der Mitarbeiter aus Gründen des Datenschutzes manchmal eine Black Box."

Kliniken können ihren Ärzten Impfungen lediglich anbieten und die Angestellten auf Risiken hinweisen. Das geschieht beispielsweise über das Intranet oder beim Betriebsarzt, der auch darauf achtet, dass die Angestellten gesund bleiben. "Bei jedem Mitarbeiter prüfen wir regelmäßig den Impfstatus und holen fehlende Impfungen nach, falls der Angestellte einverstanden ist", erklärt Harald Bias von der Berliner Charité.

Als Grundlage dienen den meisten Betriebsärzten die Impfempfehlungen der Ständigen Impfkommission (Stiko) am Robert Koch-Institut (RKI). Für den erkrankten Charité-Mediziner sahen die keine zwingende Masernimpfung vor: Wer vor 1970 geboren sei, habe mit 95-prozentiger Sicherheit bereits Masern gehabt und sei dadurch immunisiert, so die Stiko.

Uni-Klinik München kontrollierte Kinderärzte

"In diesem Punkt kann man der Charité nichts vorwerfen", sagt Kinderarzt Hübner. Auch sein Arbeitgeber, die Uni-Klinik München, richtet sich bei seinen Empfehlungen nach den Vorgaben der Stiko. Als in diesem Frühjahr in mehreren deutschen Großstädten vermehrt Masern auftraten, ging die Klinik aber noch einen Schritt weiter: "In der Kinderklinik haben wir mit Einverständnis der Mitarbeiter den Impfstatus von jedem Arzt überprüft", sagt Hübner. Das sei aufwendig und nur auf Initiative der Abteilungsleitung möglich gewesen. Jeder Arzt habe den Betriebsarzt schriftlich von der Schweigepflicht entbinden müssen.

Besonders auf Kinderstationen sind ungeimpfte Ärzte ein Risiko, denn Säuglinge sind zu jung für manche Impfungen. Andere Patienten leiden an so schweren Krankheiten, dass keine Impfungen möglich sind oder das Immunsystem ausfällt. In Deutschland werden jährlich ein bis zwei Maserntote registriert, in Nordrhein-Westfalen ist vor wenigen Tagen ein 14-Jähriger an den Spätfolgen der Erkrankung gestorben. Aufgrund schlechter Impfraten erkranken häufig auch Erwachsene.

Arbeitnehmerrechte versus Patientenschutz

Darüber, welche Konsequenzen von offizieller Seite aus Ansteckungsfällen in Krankenhäusern gezogen werden sollten, sind sich Experten nicht einig. "Der Gesundheitsstatus des Arbeitnehmers geht Patienten, Angehörige und Arbeitgeber zunächst nichts an", sagt Moritz Quiske von der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG). Es sei selbstverständlich, dass sich ein Arzt krank meldet, wenn er sich schlecht fühlt. Charité-Betriebsarzt Bias sieht das ähnlich: "Im Rahmen betriebsärztlicher Nachuntersuchungen wird sichergestellt, dass die Krankenhausangestellten bei ihrer Arbeit gesund bleiben." Der Schutz für den Patienten entstehe so automatisch.

An der Arbeitsrealität der meisten Ärzte geht das allerdings vorbei. "Speziell im Notfalldienst haben es Mediziner mit so vielen Keimen zu tun, dass die Krankenhäuser die Stationen schließen müssten, wenn die Mitarbeiter bei jedem Schnupfen zu Hause blieben", sagt Henning Rüden, der die Helios Kliniken, einen der größten deutschen Klinikbetreiber, in Hygienefragen berät. "Die wichtigste Maßnahme ist daher der Mund-Nasen-Schutz", so Rüden. Über die Gesichtsmasken ließen sich selbst Infektionen mit hochansteckenden Krankheiten wie Masern, Windpocken oder Keuchhusten sicher vermeiden. "Vorausgesetzt der Arzt desinfiziert sich nach jedem Patienten die Hände und tauscht die Maske aus."

Zusätzlich würde Rüden aber eine Impfpflicht für medizinisches Personal begrüßen: "Vergleicht man Daten aus der DDR, wo impfen Pflicht war, mit Zahlen aus Westdeutschland, zeigt sich, wie effektiv die Methode ist." Hübner, der Münchner Arzt, sieht das ähnlich: "Mediziner, die sich gegen hochansteckende Erkrankungen wie Masern oder Grippe nicht impfen lassen, handeln fahrlässig", sagt er. "Im schlimmsten Fall stirbt ein Patient."

Der Berliner Säugling ist vorerst über den Berg. Ob das Kind in einigen Jahren von seltenen, aber lebensbedrohlichen Späterkrankungen betroffen sein wird, weiß heute niemand.


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1. Risiken der Impfpflicht
schuetze11 25.06.2013
Zitat von sysopIn Berlin hat ein Arzt einen Säugling vermutlich mit Masern infiziert. Verhindern lassen sich solche Fälle nicht, denn selbst für Mediziner gilt keine Impfpflicht. Den Krankenhäusern bleibt nur, auf die Vernunft ihrer Angestellten zu hoffen. Wie Kliniken Patienten vor Ansteckung durch Ärzte schützen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/wie-kliniken-patienten-vor-ansteckung-durch-aerzte-schuetzen-a-907080.html)
Wenn eine Impfpflicht gefordert wird, stellen sich doch einige Fragen: Ist der Kontaktpartner des Arztes, also der Patient, dann wirklich vor einer Ansteckung zu 100% geschützt? Oder nur zu 95%, oder zu 80% oder 50%? Gilt das für alle Impfstoffe, oder gibt es da Unterschiede? Von der Grippeimpfung hört man manchmal, dass sie relativ nutzlos ist. Man sollte auch die Risiken nicht übersehen: Gefährlich am Impfstoff sind die "Adjuvantien", denn ihre Wirkung beruht darauf, dass sie das Immunsystem angreifen. Was ist, wenn das Immunsystem den Angriff nicht schadlos übersteht? Wie ist der Arzt versichert, wenn er lebenslange Körperschäden davonträgt? Berufsgenossenschaften drücken sich gerne vor einer Entschädigung, so lange es geht, und warten lieber die "biologische Lösung" (Tod des Geschädigten) ab. Ich finde es gut, dass es in Deutschland keine Impfpflicht gibt, auch nicht für Ärzte.
2. die Charité!
Ben Major 25.06.2013
Zitat von sysopIn Berlin hat ein Arzt einen Säugling vermutlich mit Masern infiziert. Verhindern lassen sich solche Fälle nicht, denn selbst für Mediziner gilt keine Impfpflicht. Den Krankenhäusern bleibt nur, auf die Vernunft ihrer Angestellten zu hoffen. Wie Kliniken Patienten vor Ansteckung durch Ärzte schützen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/wie-kliniken-patienten-vor-ansteckung-durch-aerzte-schuetzen-a-907080.html)
Die Charité ist sowieso ein ganz spezielles Krankenhaus, ich würde es eher meiden.
3. Arbeitsvertragliche Regelung
K_K_W 25.06.2013
Zitat von sysopIn Berlin hat ein Arzt einen Säugling vermutlich mit Masern infiziert. Verhindern lassen sich solche Fälle nicht, denn selbst für Mediziner gilt keine Impfpflicht. Den Krankenhäusern bleibt nur, auf die Vernunft ihrer Angestellten zu hoffen. Wie Kliniken Patienten vor Ansteckung durch Ärzte schützen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/wie-kliniken-patienten-vor-ansteckung-durch-aerzte-schuetzen-a-907080.html)
Es wäre kein Problem, das Krankenhauspersonal arbeitsvertraglich zur Impfung zu verpflichten.
4. Impfpflicht für alle
orwyn 25.06.2013
Bei mir wurde vor PJ auf der Kinderstation auch nochmal durchgeimpft bzw. Impfstatus erhoben. Fand ich sinnvoll. Allerdings: wäre es ein geringerer Skandal, wenn ein erwachsener Nicht-Arzt, der die Impfung ablehnt, Säuglinge mit Masern ansteckt? Einfach wenn möglich jeden impfen, bei dem keine Kontraindikation vorliegt (wie Alter, Immunsuppression etc.) Alternativ jeden, der Keimträger ist, haftbar machen für Folge-Infektionen und -schäden. Nachweis der Infektionswege heute über DNA/RNA meist möglich. Dann müssen Impfgegner zumindest für die Folgen ihrer persönlichen Entscheidung, die ein anderes Leben beeinträchtigt hat, einstehen. Wer sonst?
5. Vernunft der Angestellten
uachtaran 25.06.2013
"Den Krankenhäusern bleibt nur, auf die Vernunft ihrer Angestellten zu hoffen." Da können sie lange hoffen. Die sind nämlich leider heutzutage oftmals esoterisch verblödet, weil einige Unis inzwischen von der Kügelchen-Lobby finanzierte Lehrstühle für Homöokus-Pokus und andere Quacksalberei haben.
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  • Julia Merlot studierte Wissenschaftsjournalismus und begeistert sich für Themen rund um Mensch und Tier. Sie ist Redakteurin im Ressort Wissenschaft von SPIEGEL ONLINE.

IMPFEN: DIE EMPFEHLUNGEN IM ÜBERBLICK
Impfen
Die Grundimmunisierung gegen Infektionskrankheiten beginnt bei Säuglingen bereits im zweiten Lebensmonat. Lebenslang sollten Eltern und Kinderarzt, später dann Patient und Hausarzt, darauf achten, dass der Impfschutz ausreicht. Impfungen schützen vor allem die Menschen, deren Immunsystem am wenigsten mit Infektionskrankheiten umgehen kann: Kleinkinder, Immungeschwächte und alte Menschen.
Mumps
Wer in Gesundheitsberufen, in Gemeinschaftseinrichtungen oder in Ausbildungseinrichtungen für junge Erwachsene arbeitet, nach 1970 geboren ist und nicht weiß, ob er gegen Mumps geimpft wurde oder nur einmal in der Kindheit geimpft worden ist, der sollte noch einmal geimpft werden. Außerdem jeder, der mit einem Mumpskranken Kontakt hatte und nicht oder nur einmal in der Kindheit geimpft wurde. Dann sollte es schnell gehen: Drei Tage nach dem Kontakt wäre eine Impfung wünschenswert.
Hirnhautentzündung
Zum Schutz vor einer sogenannten Meningitis wird gegen Meningokokken C-Bakterien geimpft. Dafür gibt es im zweiten Lebensjahr einmal eine Impfdosis. Fehlt diese, sollte sie bis zum 18. Geburtstag nachgeholt werden.

Die Stiko empfiehlt außerdem, einen sogenannten viervalenten Impfstoff gegen bestimmte Meningokokken-Stämme (Typen A, C, W-135 und Y) bei Risikopatienten und Reisenden in Länder mit besonders hohem Infektionsrisiko anzuwenden. Der Impfstoff wird jetzt auch für Kinder ab einem Jahr empfohlen.
Windpocken
Auslöser der Windpocken sind Varizellen. Gegen sie gibt es zwischen dem elften und 14. Lebensmonat eine Impfung, entweder gemeinsam mit der Masern-Mumps-Röteln-Impfung oder frühestens vier Wochen danach.

Die Stiko empfiehlt, die gleichzeitige Impfung gegen Varizellen und Masern, Mumps und Röteln mit zwei verschiedenen Impfstoffen an verschiedenen Körperteilen vorzunehmen. Verwendet man einen Impfstoff, der alle vier Komponenten auf einmal enthält, steigt nämlich das Risiko für Fieberkrämpfe fünf bis zwölf Tage nach der Gabe leicht an.

Die Vorsichtsmaßnahme gilt aber nur für die erste Impfung, bei der zweiten im Alter von 15 bis 23 Monaten kann der Vierfachwirkstoff verwendet werden.

Sind Kinder oder Jugendliche nur einmal geimpft worden, sollten sie noch einmal geimpft werden.
FSME
Für die Menschen, die wegen beruflicher Risiken gegen Frühsommer-Meningo-Enzephalitis (FSME) geimpft werden sollten, ist 2012 ein neues Risikogebiet hinzugekommen, der Saar-Pfalz-Kreis im Saarland.
Nachholimpfungen
Erwachsene sollten nachgeimpft werden, wenn ihr Impfschutz gegen Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten oder Kinderlähmung nicht ausreicht. Muss sowieso gegen Tetanus geimpft werden, etwa bei einer Verletzung, sollte gleich der Kombinationsimpfstoff gegen Tetanus, Diphtherie und Keuchhusten verwendet werden.

Wer nach 1970 geboren wurde und in der Kindheit nur einmal gegen Masern geimpft worden ist oder nicht mehr weiß, ob er geimpft wurde, der sollte noch einmal geimpft werden - am besten gegen Masern, Mumps und Röteln gleichzeitig.
Impfkalender
Den Stiko-Impfkalender gibt es jetzt in 15 Sprachen, die Dokumente sind beim Robert Koch-Institut abrufbar.

Quelle: Robert Koch-Institut (RKI) und Ständige Impfkommission beim RKI, Stand: 30. Juli 2012.
Gesetzesänderung in Australien