Ein rätselhafter Patient: Herzschlag im Ohr

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Gequält von einem Geräusch im Ohr läuft eine Patientin von einem Arzt zum anderen. Ein Tinnitus-Verdacht bestätigt sich nicht. Was also ist Ursache ihres Leidens? Erst eine Ultraschalluntersuchung bringt die Mediziner auf die richtige Spur.

Der Hausarzt findet nichts und der HNO-Arzt auch nicht. Der nächste Internist ist ebenso ratlos wie sein kardiologischer Kollege, auch der Orthopäde hat keine zündende Idee, und die Diagnostik des Neurologen bleibt ohne eindeutiges Ergebnis: Keiner weiß, warum die 72-jährige Frau, die in Hamburg einen Arzt nach dem anderen konsultiert, Ohrgeräusche hat.

Seit über einem Jahr plagt das Pochen im linken Ohr die Patientin. Es ist genauso schnell wie ihr Herzschlag, pulsiert mal mehr und mal weniger laut, bei Ruhe aber ist es immer da. Vor allem in der Nacht kann die Frau nicht schlafen, sie fühlt sich matt und gequält.

Dabei sind die Mediziner nicht untätig: Der eine lässt ein Computertomogramm vom Kopf machen, der andere eine Kernspinaufnahme. Die Radiologen vermuten, es könne sich um eine "gering ausgeprägte Labyrinthitis" handeln, also um eine unspezifische Entzündung des Innenohrs, wie sie mitunter beim Tinnitus vorkommt. Auf die Frage, ob es außergewöhnliche Gefäße im Kopf der Frau gebe, antworten sie: "Keine Gefäßanomalie. Keine Fistel."

Der nächste niedergelassene Neurologe gibt sich mit diesen Befunden nicht zufrieden. Die Frau hat keinen typischen Tinnitus, der schwierig zu therapieren und nur selten komplett zu beheben ist. Diese Patientin hat ein pulssynchrones Ohrgeräusch. Längst nicht jedem Mediziner ist dieses Phänomen bekannt: Ein direkt im Ohr gehörter Herzschlag spricht für eine sogenannte Durafistel. Dabei handelt es sich um eine Verbindung zwischen den Arterien im Kopf, die das Gehirn mit sauerstoffreichem Blut versorgen, und den venösen Abflüssen, die im Gehirn innerhalb der harten Hirnhaut unter der Schädeldecke verlaufen.

Sehen, hören, schmecken: ganz normal

Normalerweise gibt es eine solche Verbindung nicht, mitunter entsteht sie durch einen Unfall, manchmal aber auch ohne erkennbaren Grund. Das Problem dabei: Eine solche Fistel kann gefährlich werden, wenn sich der hohe Blutdruck aus den Arterien auch in den Venen aufbaut und das Blut nicht schnell genug abfließt. Eine Hirnblutung droht.

Weil der Arzt dieses Krankheitsbild vermutet und die bislang angefertigten Aufnahmen für eine endgültige Beurteilung nicht ausreichen, schickt er die gequälte Patientin zur weiteren Abklärung in die neurologische Abteilung der Hamburger Asklepios-Klinik Wandsbek. Die Mediziner dort finden neben den subjektiven Beschwerden keine krankhaften Veränderungen: Die Frau kann normal sehen, hören, riechen und schmecken, sie hat keine Kopfschmerzen oder Lähmungen, die für einen pathologischen Vorgang im Gehirn sprechen würden.

Die Ärzte machen nun den entscheidenden Schritt: Sie untersuchen den Kopf der Frau per Ultraschall - und finden heraus, dass die linke Hinterhauptsarterie ungewöhnlich stark durchströmt ist. Wie der Neurologe Christian Arning und seine Kollegen im Hamburger Ärzteblatt berichten, ist dieser Befund typisch für eine Durafistel.

Endlich frei vom Dröhnen im Ohr

Nun klären die Radiologen mit einer genaueren Röntgenuntersuchung, ob die Verdachtsdiagnose stimmt: Sie spritzen der Patientin Kontrastmittel und beobachten im Röntgen, ob sich die Substanz durch die Füllung der linken Hinterhauptsarterie auch im benachbarten Venenabfluss verteilt, dem sogenannten Sinus sigmoideus.

Beide Bilder zeigen dunkel die Hinterhauptsarterie (Bild A von vorne, Bild B von der Seite). Die Pfeile deuten jeweils auf den nur unscharf zu erkennenden Sinus sigmoideus, in den das Kontrastmittel über zahlreiche kleine Fistelverbindungen gelangt. Damit ist die Verdachtsdiagnose Durafistel bestätigt. Zur Großansicht
Bernd Eckert

Beide Bilder zeigen dunkel die Hinterhauptsarterie (Bild A von vorne, Bild B von der Seite). Die Pfeile deuten jeweils auf den nur unscharf zu erkennenden Sinus sigmoideus, in den das Kontrastmittel über zahlreiche kleine Fistelverbindungen gelangt. Damit ist die Verdachtsdiagnose Durafistel bestätigt.

Die Gefäßdarstellung bestätigt die Verdachtsdiagnose Durafistel. Die Therapie ist vor allem abhängig von der Blutungsgefahr, aber auch vom Leidensdruck der Betroffenen.

Das Risiko, dass es aus den Gefäßen der Patientin ins Gehirn blutet, ist gering, denn der venöse Abfluss ist bei ihr kaum gestört. Weil sie sich aber extrem gequält fühlt durch das Pulsieren im Ohr, wird der Kurzschluss zwischen den Gefäßen in ihrem Kopf verschlossen. Dazu schieben die Ärzte einen Katheter durch ihre Gefäße bis hoch in die Hinterhauptsarterie und verkleben die falsche Verbindung. Danach ist die Patientin beschwerdefrei und erleichtert.

Als das Geräusch ein Jahr später erneut auftritt, muss sie nicht mehr lange nach der richtigen Therapie suchen und ist nach einem weiteren Eingriff wieder befreit von dem störenden Pulsieren.

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1.
cfk.nurnberg 02.06.2013
Ich hatte exakt genau dasselbe Problem wie diese Frau. Ich hatte Probleme beim einschlafen, ständig war dieses Pochen im Ohr. Nach fast 3 Monaten ist es dann aber weg und ich hatte mich daran gewöhnt und manchmal kommt es wieder wenn ich Sport mache, höre ich das Pochen sehr explizit in meinem linken Ohr.
2.
Beka 02.06.2013
Ich bin erleichtert zu sehen, dass es auch andere Menschen gibt, die sich mit diesem Problem herumschlagen. Ich hatte genau das selbe Geräusch vor ca. einem Jahr konstant in meinem linken Ohr. Mein Hausarzt und ein Ohrenarzt haben es als Mini-Tinitus abgetan, und mich zu meinem Leid nach Hause geschickt. Zum Glück ist es inzwischen mit der Zeit fast weg gegangen, und kommt nur noch selten vor, vor allem spät nachts, wenn ich müde bin aber nicht schlafen kann und alles still ist um mich. Als ich es aber konstant hatte, habe ich extrem darunter gelitten, und hatte Angst, dass es nie weg gehen würde - man kann sich nicht konzentrieren, wenn man ein konstantes Pochen im Ohr hat. Ich werde, wenn es wieder verstärkt auftritt, auf diesen Artikel zurück kommen. Ich glaube übrigens, dass es bei mir aufgetreten ist, nachdem ich innerhalb weniger Wochen mehrmals geflogen bin - auf einem Flug habe ich es zumindest das erste Mal wahrgenommen. Ich würde so ein Pochen niemandem wünschen, und danke für diesen Artikel!
3. Durafistel
hpmw 02.06.2013
Diese Symptome hatte ich vor einigen Jahren auch einmal. Untersuchungen haben nichts ergeben. Wenn ich oropax ins Ohr gesteckt habe, war es weg. Konnte sich auch keiner erklären. Dieses pulssynchrone Pochen ist nach einigen Wochen wieder weggegangen. Allerdings sehe ich seit einigen Jahren ein pulssynchrones Flackern, wenn ich gegen hellen Hintergrund schaue. MRT hat keinen Befund ergeben.
4. Kann von außen kommen
radostinsommerwald 02.06.2013
In "Hearing of microwave pulses by humans and animals: effects, mechanism, and thresholds." von Lin JC und Wang Z geht es um den Effekt das Mikrowellenimpulse gehört werden. Wer also 10 Schläge pro Sekunde im Ohr hat, sollte sich überlegen von Wlan auf Kabel umzusteigen. Das gilt umsomehr als das menschliche Gemüt sehr empfindlich auf Gleichschlag reagiert, ähnlich wie eine Brücke auf Anregung mit der immer gleichen Frequenz.
5. Unabhängig vom Medizinischen Befund...
seppiverseckelt 02.06.2013
...der zugegeben Interessant genug ist , bietet die Schilderung dieses Falles für die Medizinisch-Technischen Laien Anlass genug über die Heutigen Möglichkeiten einmal Respektvoll zu staunen ! erstens ist es KEINE Selbstverständlichkeit dass man Heutzutage vermittels Ultraschall Transkraniell -DURCH die Schädelknochen- hineinschallen und die Signale zurückgewinnen und auflösen kann- ein knöchernes Hindernis ist für den Schallfluss schliesslich eine höhere Barriere als weiches Gewebe- ich gehe hier nicht auf Details ein -aber eine solche Medizin-Ingeneiurtechnische Leistung nötigt Respekt ab- SO lange gibt es die Möglichkeit des Intrakraniellen Ultraschalls denn auch noch nicht. Zum Zweiten die wie selbstverständlich erwähnte Möglichkeit, vom Rumpf (meistens von der Leiste aus) mittels Arterienkathedern in den Schädel zu gelangen- auch hier noch nicht allzulange möglich- wenn ichs richtig weiss ab etwa 2006- schliesslich muss man von der Aorta über die Arteria subclavia und einen Abzweig derselben via Zwischenwirbelloch (Foramen Intervertebralis) IN eine der Wirbelsäulenarterien -scharfer Knick nach Oben und via Foramen Magnum mit dieser Arteria Vertebralis hoch zu Arteria Basilaris im Dorsalen Schädelbasisbereich um von dort in richtung des gesuchten Gefässes voranzukommen- die Ärzte welche DIESE Kür Zielsicher erledigen (und auf diese Weise z.b. auch Stents setzen können), haben jedenfalls meinen höchsten Respekt- nur damit einmal darauf hingewiesen wird !
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Zur Autorin
  • Heike Le Ker ist Ärztin, hat in der Neurologie gearbeitet und über Geburtsstress bei Kindern promoviert. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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