Achilles' Verse Wasser ist zum Waschen da!

Immer wieder saufen sich Freizeitsportler zu Tode, im Irrglauben, dass ganz viel Wasser sehr gesund sei. Falsch. Hobbyläufer Achim Achilles fordert: Weg mit dem Wasserwahn.

Trinkender Athlet: Wie kann man dem Wasserwahn begegnen?
Corbis

Trinkender Athlet: Wie kann man dem Wasserwahn begegnen?


Das Kamel ist ein interessantes Kombi-Viech; die Natur befestigte einen fellgekühlten Tank auf einem etwas dösig dreinblickenden Paarhufer. Wenn nicht gerade Rennen beim Scheich ist, trottet das Wüstentier recht phlegmatisch vor sich hin, dafür tagelang und ohne einen Tropfen zu trinken.

Der gemeine Läufer hat mit dem Kamel viel gemeinsam. Er trottet auch oft vor sich hin und neigt wegen Blutknappheit im Hirn zu einfältiger Mimik. Sein Höcker allerdings ist aufgesetzt. Ein abgeknabbertes und vollgesabbertes Mundstück, das an einem Schlauch über die Schulter baumelt, sorgt für steten Flüssigkeitsnachschub. Trinkrucksäcke sind der Spoiler des Freizeitsportlers, ein Statussymbol für Menschen, die gern irgendwie professionell aussähen.

Große Flaschen und das Buddeltrauma

Wer sich zum Kamelrucksack nicht durchringen mag, trägt Gürtel mit Schlaufen über der schmächtigen Brust, am besten zwei, dramatisch gekreuzt wie im Western. Statt Patronen stecken Fläschchen drin, mit bunten Flüssigkeiten, die allerlei Mangelerscheinungen vorbeugen sollen. Leider gibt es noch keinen Sportdrink, der mit Hirnzellen angereichert ist.

Anfänger wiederum sind an Steißhalftern zu erkennen, mit denen man sehr große Flaschen transportieren kann, würden sie doch nur nicht so unerträglich wippen. Woran erkennt man den absoluten Lauf-Beginner? An der farblich attraktiven Kombination von verkrustetem Blut und Regenbogenbluterguß in der Kreuzbeingegend. Buddeltrauma.

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Achilles' Verse: Die Welt, eine Laufstrecke

Läufer sind wie - der Herr habe ihn selig - Harald Juhnke. Sie glauben an Kraft durch Trinken. Leider Unsinn. Nie hörte man von Sportlern, die in einer von Wasserhähnen geprägten Zivilisation verdurstet wären. Das Gegenteil allerdings geschieht immer häufiger. 14 Todesfälle durch zu viel Wasser sind seit 1981 dokumentiert, berichtet das "Clinical Journal of Sport Medicine". Die Sportler haben sich regelrecht totgesoffen, ganz ohne Alkohol.

Saufen bis zum Umfallen

Ob ein Triathlet in Frankfurt, zwei Football-Junioren in den USA, die während des Trainings aus Angst vor Krämpfen nahezu zehn Liter Flüssigkeit konsumierten, oder eine Yoga-Jüngerin - sie alle haben sich aus lauter Panik vor dem Austrocknen ums Leben getrunken. Selten war der Tod so überflüssig.

Hyponatriämie heißt das Phänomen, wenn zu viel Flüssigkeit die Salzkonzentration im Blut derart senkt, dass Wasser die Zellen aufbläht und den Blutkreislauf bremst. Ein lebensbedrohlich gesenkter Natriumspiegel ist vor allem von Brechdurchfallerkrankungen bekannt. Vorstufen sind Schwindel, Kopfschmerz und Erbrechen, bisweilen auch Verwirrtheit und Schwindel.

Glaubt der Athlet nun fälschlicherweise, die Beschwerden stammten von Wassermangel, säuft er weiter - bis zum Umfallen. Mit Salz und Elektrolyten angereicherte Sportgetränke senken das Risiko kaum.

Noch immer herrscht der von Supermodels verbreitete Irrglaube an das Klumsche Gesetz: Viel Wasser macht schön und ist gesund. Seit Jahren gehört die Eineinhalbliterflasche Edelwasser zur Grundausstattung von Teenagern und Touristen, auch wenn sie nur mal eben um den Block schlendern. Kein Elternabend, der ohne eine aggressiv geführte Debatte über das Grundrecht zu Trinken im Unterricht verginge.

Besser das Zielbier

Alles Quatsch, meint US-Forscher Mitchell Rosner, der mit Kollegen die oben zitierte Studie erstellte. Die Sauf-Doktrin verhindere, dass der Mensch auf seinen Körper lausche. Wer erst trinkt, wenn er Durst verspüre, wird niemals an Dehydrierung eingehen. Selbst zwei bis drei Prozent Verlust an Körpergewicht, etwa während eines Marathons, seien weder lebensbedrohlich noch führten sie zu größeren Leistungseinbußen als Überwässerung. Zumal Dixi-Stopps ebenfalls kostbare Wettkampfsekunden kosten, erst recht, wenn Dutzende weiterer Ausdauertrinker nervös vor den Plastikklos trippeln.

Wie kann man dem Wasserwahn begegnen? Nierenexperte Rosner rät zu Waagen an Wettkampfstätten. Wer verlernt hat, auf den Durst zu hören, lässt sich vielleicht von Zahlen überzeugen. Im Trinkrucksack kann man ja immer noch das Zielbier mitnehmen.

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Zur Person
  • Frank Johannes
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.



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insgesamt 72 Beiträge
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Seite 1
Kommerzienrat 21.08.2015
1. ach ja, und jetzt?
Danke, Herr Achilles, die Sache ist ja nun leider nicht neu. Ich hätte mich über eine launig formulierte Empfehlung oder eigene Erfahrung gefreut. So aber bleibt der Artikel genauso leer wir die Trinkflasche des Wassersüchtigen am Ende der Einheit. Schade.
dj_mirroruser 21.08.2015
2. Dehydrierung?
Der umgangssprachlich verbreitete Ausdruck „Dehydrierung“ resultiert aus der Übernahme des englischen Ausdrucks dehydration für „Dehydratation“. https://de.wikipedia.org/wiki/Dehydratation_(Medizin) Eine Dehydrierung gibt es. Die ist in den meisten Fällen jedoch nicht gemeint: https://de.wikipedia.org/wiki/Dehydrierung
Xunchi 21.08.2015
3. ahja
schon nach der ersten minute keine lust mehr diesen Artikel zu lesen..
hschmitter 21.08.2015
4.
Was ist der Experte und Forscher Rosner eigentlich von Beruf bzw. welche Tätigkeit übt er aus? Niemand wird wohl von Natur aus "Nierenexperte" sein.
Thomas Schnitzer 21.08.2015
5.
Ein Phänomen dass nicht nur Sportler befällt. Wer kennt nicht die Empfehlungen bei Erkältungen viel zu trinken, die natürlich ebenfalls aus Gründen des Elektrolythaushaltes grenzwertig ist. Wir würden nicht mehr merken, dass wir total dehydriert seien, ist auch so ein Satz. Komisch bloß, dass die permanent dehydrierten Innuit dem zum Trotz seit Tausenden von Jahren alt werden. Muss wohl daran liegen, dass die gar nicht wissen, dass sie dehydriert sind.
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