Vier problemlose Schwangerschaften hat die 43-jährige Frau schon hinter sich, alle Kinder konnte sie komplikationslos zur Welt bringen, alle auf natürlichem Weg. Doch jetzt kommt die hochschwangere Frau - es sind nur noch vier Wochen bis zum errechneten Geburtstermin - mit starken Blutungen ins Massachusetts General Hospital in Boston, dem Lehrkrankenhaus der renommierten Harvard Medical School. Diesmal ist nichts in Ordnung.
Schon zwei Mal musste die Patientin in dieser Schwangerschaft wegen Blutungen behandelt werden, allerdings hatte sich das Problem beide Male mit Bettruhe und Medikamenten beheben lassen. Bei den Untersuchungen war den Medizinern bereits aufgefallen, dass der Mutterkuchen der Frau, die Plazenta, in der Nähe des Geburtskanals liegt. Diese im Fachjargon Placenta praevia genannte Fehllage kann eine natürliche Geburt unmöglich machen.
Diesmal sind ihre Ärzte daher alarmiert, berichten der Gynäkologe Jeffrey Ecker und seine Kollegen im Fachmagazin "New England Journal of Medicine". Die schwere Blutung gefährdet Mutter und Kind, ihre Blutwerte sind bereits aus dem Gleichgewicht geraten - die Ärzte planen einen Not-Kaiserschnitt.
Die Lippen werden weiß, die Atmung stockt
Die Patientin bekommt eine Spinalanästhesie, eine regionale Betäubung, bei der die Gebärende keinen Schmerz durch den Kaiserschnitt verspürt, während des Eingriffs aber wach ist. Kurz danach holen die Geburtshelfer einen gesunden Jungen auf die Welt. Sie entnehmen auch die Plazenta, anschließend verschließen sie die Operationswunde.
Plötzlich verlangsamt sich der Herzschlag der Frau: In weniger als einer Minute fällt ihre Herzfrequenz von 81 Schlägen pro Minute - einem normalen Wert - auf zunächst 42 Schläge und schließlich knapp über 30 Schläge pro Minute. Die Patientin klagt über Schmerzen, greift sich an die Brust, verdreht die Augen und wird bewusstlos. Ihre Lippen werden weiß, die Atmung stockt.
Die Anästhesisten reagieren schnell: Sofort legen sie der jungen Mutter einen Beatmungsschlauch in die Luftröhre. Zwar sehen die Ärzte auf dem EKG noch die typischen elektrischen Erregungen des Herzens, und sie hören, wie sie über den Beatmungsschlauch Luft in die Lunge blasen und diese wieder zurückströmt - doch sie können weder einen Puls messen, noch zeigen die Überwachungsgeräte eine funktionierende Atmung an. Das Herz der Patientin steht still.
Das Medizinerteam beginnt mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung, der Reanimation. Gleichzeitig beginnt die fieberhafte Suche nach der Ursache der plötzlichen Katastrophe.
Herzinfarkt? Narkosefolge? Embolie?
Hätte die Frau nicht gerade eben per Kaiserschnitt ein Kind zur Welt gebracht, wäre die wahrscheinlichste Ursache im Herzen der Patientin zu suchen. Allerdings gab es vor der Geburt keine Hinweise auf Herz-Kreislauf-Probleme der Frau, und die gibt es auch jetzt nicht. Denkbar wäre auch ein durch die Spinalanästhesie ausgelöstes Problem. Allerdings ist seit dem Beginn der Schmerzbehandlung schon eine ganze Weile vergangen, so dass ein Zusammenhang mit der Narkose unwahrscheinlich erscheint.
Die behandelnden Ärzte konzentrieren sich daher auf eine andere Komplikation, die Gynäkologen fürchten: Eine sogenannte Embolie, die zu einem plötzlichen Kreislaufstillstand führen kann.
Bei einer Embolie verstopft ein Blutgefäß. Am häufigsten und bekanntesten sind die Folgen von Beinvenenthrombosen: Blutpfropfen in den Blutgefäßen der Beine lösen sich, werden in die Lungengefäße gespült und verstopfen diese - ein solcher Zwischenfall kann schnell tödlich enden. Eine solche Embolie ist bei dieser Patientin unwahrscheinlich. Bei einem Kaiserschnitt könnte auch Luft in die Blutgefäße gelangt sein. Schließlich bleibt eine Fruchtwasserembolie: Während der Geburt kann Fruchtwasser durch die Plazenta in den Blutkreislauf der Mutter gelangen.
Mutter an der Herz-Lungen-Maschine
Fruchtwasserembolien sind extrem selten - es kommt nur bei einer von 10.000 bis zu einer von 100.000 Geburten zu einem solchen Problem. Doch wenn sie auftreten, sterben bis zu 20 Prozent der Patientinnen. Was genau die Fruchtwasserembolie auslöst, wodurch es zu Herzversagen, Lungenversagen und schließlich dem Zusammenbruch des gesamten Kreislaufs kommt, wissen Mediziner bis heute nicht.
Das in den Blutkreislauf der Mutter gelangende Fruchtwasser scheint eine Vielzahl von Reaktionen auszulösen, die einer allergischen Reaktion ähneln und dafür sorgen, dass die Lungengefäße dem Herzen einen so großen Widerstand bieten, dass die Pumpfunktion nach kurzer Zeit versagt. Anschließend kommt es häufig zu Blutungen. Eine Fruchtwasserembolien, schreiben die Harvard-Mediziner, sei "unvorhersehbar und nicht abwendbar".
Nach einer Ultraschalluntersuchung des Herzens noch während der Reanimation legen sich die Ärzte fest: Sie gehen von einer Fruchtwasserembolie aus, nachdem sie keine Hinweise auf andere Probleme der Frau finden können. Um Herz und Lunge zu ersetzen, schließen sie die Patientin an eine Herz-Lungen-Maschine (ECMO), die so lange das Blut mit Sauerstoff anreichert und durch den Körper pumpt, bis die Organe der Mutter sich hoffentlich erholt haben.
Bereits nach einer Nacht auf der Intensivstation können die Ärzte die Herz-Lungen-Maschine wieder ausstellen, das Herz der Patientin schlägt wieder. Nach einer Woche am Beatmungsgerät entfernen die Ärzte auch den Schlauch aus der Luftröhre. In den ersten zehn Tagen nach dem Aufwachen hat die Patientin noch Probleme mit dem Sprechen, doch nach insgesamt einem Monat im Krankenhaus darf sie die Klinik mit ihrem gesunden Baby wieder verlassen.
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