Wiederbelebung "Es wäre so einfach, 10.000 Leben zu retten"

In Deutschland traut sich nur eine Minderheit, einen Menschen zu reanimieren. Ärzte, Sanitäter und Politiker wollen jetzt mit einem Zehn-Punkte-Plan die Zahl der Lebensretter erhöhen. Der größte Fehler im Notfall: gar nichts zu tun!

Übung an der Puppe: Leben retten mit einfachen Maßnahmen
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Übung an der Puppe: Leben retten mit einfachen Maßnahmen

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Als Kea den 13-jährigen Felix* reanimiert, denkt sie nicht nach. Sie tut einfach, was sie gelernt hat. Der Junge liegt mitten auf dem Sportplatz der Schule, seine blauen Augen starren leblos in die Luft. Auch die Lippen sind blau angelaufen. Das Wort Herzfehler hat die zu dem Zeitpunkt 16-Jährige aufgeschnappt, als sie im Schulgebäude losrennt, weil aufgeregte Jungen um Hilfe rufen. Ein Freund sei beim Fußballspiel zusammengebrochen. Kea sucht nach Felix' Puls und kann ihn nicht finden, auf ihr Rufen reagiert er nicht. "Ich war so wahnsinnig aufgeregt", sagt Kea, "aber ich habe einfach angefangen."

Kea drückt rhythmisch auf seinen Brustkorb, schnell und fest, das hat sie in den Kursen beim Roten Kreuz gelernt. In der Schule macht sie freiwilligen Sanitätsdienst. Nach 30 Herzmassagen pumpt ein anderes Mädchen mit einem Beatmungsbeutel aus dem Notfallkoffer zweimal Luft in Felix' Lungen, dann ist Kea wieder an der Reihe. Zehn lange Minuten reanimieren sie Felix, dann ist endlich der Rettungsdienst da. Die Sanitäter wuchten den Jungen in ihren Wagen, machen weiter mit der Wiederbelebung. Im Krankenhaus versetzen die Ärzte ihn ins künstliche Koma.

Zwei Wochen später wacht Felix wieder auf. Abgesehen von seinem Herzfehler ist er gesund, ohne die Helferinnen wäre das nicht so.

Schüler sollen Wiederbelebung lernen

Was Kea und ihre Mitschülerin einfach getan haben, traut sich in Deutschland nur eine Minderheit: "In 60 bis 70 Prozent ist mindestens ein Zeuge dabei, wenn ein Mensch einen Herzstillstand erleidet", sagt Bernd Böttiger, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin am Universitätsklinikum Köln. Am häufigsten sind die Betroffenen zu Hause, wo Familienmitglieder helfen könnten. "Aber nur in 17 Prozent der Fälle beginnt ein Zeuge mit der Wiederbelebung."

Das soll sich endlich ändern. Um die Rettungskette in Deutschland zu verbessern, haben sich am Wochenende 52 Experten zu den sogenannten Reanimationsgesprächen im baden-württembergischen Bad Boll getroffen. "Zehn Thesen für 10.000 Leben" lautete ihr Motto, denn die Nothelfer sind davon überzeugt, dass jedes Jahr 10.000 Menschenleben mehr in Deutschland gerettet werden könnten. "Das wäre so einfach", meint Böttiger. "Ein Herzstillstand ist die dritthäufigste Todesursache in Deutschland und im Vergleich zu Krebs und anderen Krankheiten so leicht zu bekämpfen."

Zu den Kernthesen der Nothelfer zählen folgende Punkte:

  • Jeder kann Leben retten: Alle Gesellschaftsschichten und Altersgruppen - vor allem schon Kinder - müssen Laienreanimation lernen.
  • Nur was wir messen, können wir verbessern: Jede Wiederbelebung soll im Deutschen Reanimationsregister erfasst werden - derzeit sind es nur 18 Prozent.
  • Die telefonische Anleitung zur Wiederbelebung soll flächendeckend eingeführt werden.

Laienhelfer sind entscheidend für das Überleben bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand. Der Rettungsdienst ist in Deutschland nach durchschnittlich acht bis zwölf Minuten vor Ort, mitunter dauert es noch länger. Während das Herz auch nach 15 bis 20 Minuten wieder in Gang gebracht werden kann, überleben Gehirnzellen nur drei bis fünf Minuten ohne Sauerstoff. Danach ist das Hirn irreparabel geschädigt.

"Man kann nichts falsch machen"

Warum greifen in Deutschland so viele Menschen nicht ein, wenn ein anderer wiederbelebt werden muss? "Das ist eine stressige Situation", sagt Böttiger. Viele Menschen wissen nicht, wie man es richtig macht, andere haben einfach Angst, etwas falsch zu machen. "Aber man kann nichts falsch machen", sagt Böttiger, "das einzig Falsche ist, nichts zu tun."

So funktioniert die Herzmassage
1. Den Brustkorb fest, etwa fünf Zentimeter tief mit einer Geschwindigkeit von 100 Stößen pro Minute eindrücken.
3. Die Mund-zu-Mund-Beatmung, vor der sich viele ekeln, sei bei der Wiederbelebung zweitrangig.
In den Niederlanden beginnen Laien in 65 Prozent der Fälle mit einer Reanimation, in Norwegen sind es einer Studie zufolge sogar 73 Prozent. "Die Leute sind dort einfach besser informiert", meint Böttiger. Die Information und Lehre soll in Zukunft auch in Deutschland schon früh beginnen. Die Experten in Bad Boll, zu denen außer Ärzten und Rettungsdienstpersonal auch Politiker und Krankenkassenvertreter gehörten, sind sich einig, dass ein Erste-Hilfe-Kurs - etwa bei der Führerscheinprüfung - hier nicht zielführend ist.

Untersuchungen haben gezeigt, dass schon Schüler der siebten Klasse in der Lage sind, einen Menschen zu reanimieren. Deshalb soll Wiederbelebung bereits in Schulen trainiert werden. In Mecklenburg-Vorpommern gelingt das bereits, dort lernen die Kinder jedes Jahr zwei Stunden lang, wie eine Wiederbelebung funktioniert. Auch der Notfallmediziner Gernot Rücker von der Universitätsklinik Rostock setzt sich dafür ein, dass die übrigen 15 Bundesländer ebenfalls einen solchen Unterricht einführen - allerdings verkompliziert die föderale Bildungsstruktur diese Bemühungen.

Bis zur Umsetzung ist Eigeninitiative gefragt. Von Schulen, Unternehmen, von jedem Einzelnen. Auch von Jugendlichen. Kea ist mittlerweile 17 und ausgebildete Sanitäterin. Momentan macht sie bei Bernd Böttiger in der Intensivmedizin der Universitätsklinik Köln ein Praktikum. "In der ersten Woche durfte ich schon richtig mit auf die Intensivstation", erzählt sie stolz. Sie möchte gern Medizin studieren, weiß aber noch nicht, ob das mit ihren Noten klappt, "die sind momentan noch nicht so toll", sagt Kea. Der Wille ist da, der Mut auch. Den hat sie bewiesen, als sie Felix das Leben gerettet hat.

*Name geändert

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monolithos 15.01.2014
1. Die Wahrheit über Erste Hilfe
Bevor hier wieder falsche und dumme Kommentare kommen: Nein, man kann niemandem mit erster Hilfe die Wirbelsäule brechen! Maximal eine Rippe, aber das ist das weitaus geringere Übel. Die Alternative ist der Tod. Wenn jemand wegen erster Hilfe im Rollstuhl sitzt, dann nur, weil sie zu lange nicht erfolgt ist. Und nein, man wird auch nicht belangt, wenn man eine Frau wiederbelebt und dabei ihre Bluse aufreißen muss. Entsprechende Gegenbestätigungen aus dem entfernten Bekanntenkreis sind Ammenmärchen! Und nein, erste Hilfe ist nicht Sache des Rettungsdienstes. Der kann das gar nicht, weil er nie als erster am Unfallort ist. Wenn die erste Hilfe nicht geleistet wurde, kann der Rettungsdienst auch nicht mehr viel machen. Die Wahrheit über Erste Hilfe: Jeder kann sie mal brauchen, jeder kann helfen, jeder muss helfen und niemand kann etwas falsch machen, wenn er nur irgendwas tut (am besten natürlich das, was in entsprechenden Kursen gelehrt wird)!
tcgmd61 15.01.2014
2. Automatische Defibrillation
Der Zeitraum bis zur Herzmassage ist wichtig, aber der Zeitraum bis zum ersten Stromstoss (Defibrillation) ist noch wichtiger. In Rochester, Minnesota, ueberleben 58% von Menschen, die auf der Strasse ohne Puls zusammenbrechen, weil flaechendeckend automatische Defibrillatoren zur Verfuegung stehen, die von einigermassen unterrichteten Laien angewendet werden koennen.
Nirvana 05 15.01.2014
3.
So ganz ohne Wertung...Was soll dieser vollkommen irrelevante Kommentar zu diesem Thema beitragen? Erste Hilfe ist wichtig, insbesondere das nötige Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, regelmäßige Auffrischung kann hier sehr viel ausmachen. Entsprechende Programme an Schulen, Unis oder im Betrieb wären mMn ein wichtiger Baustein.
sigmaplus 15.01.2014
4. Herzdruckmassage
Aber wenn ich einem Menschen während der Druckmassage ein oder mehrere Rippen breche, drücke ich doch die gebrochene Rippe in das Herz oder in die Lunge und dann verblutet der (durch meine Schuld)...
Gegengleich 15.01.2014
5. Immer ̶d̶̶e̶̶r̶̶s̶̶e̶̶l̶̶b̶̶e̶ das Selbe!
Na, Hauptsache du rettest dein Leben (nach dem Tod) durch absondern solch überflüssiger Äußerungen.....
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