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10. Januar 2013, 16:31 Uhr

Wann kommt die Pille für ihn?

Der verhütete Mann

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Die Pille hat's in sich. Wegen schwerer Nebenwirkungen laufen derzeit Klagen gegen Pharmakonzerne. Stellt sich die Frage: Warum ist Verhütung eigentlich noch immer Frauensache? Die Pille für den Mann muss endlich her.

Auch die Pille hat ihre Risiken und Nebenwirkungen. Kürzlich verklagten 30 Französinnen den Antibabypillen-Hersteller Bayer auf millionenschweren Schadensersatz. Sie machen das Präparat Meliane für die Hirnschläge, Thrombosen und Lungenembolien verantwortlich, die bei ihnen aufgetreten waren. Zuvor schon hatte es eine Klagewelle in den USA gegeben, infolgedessen Bayer eine Entschädigung von 107 Millionen Euro gezahlt hatte.

Die Pille war eine Revolution für die Frauen - und übrigens auch für uns Männer. Aber eine, die ihren Preis hat. Und den zahlen offenbar nur die Frauen. Stellt sich die Frage: warum eigentlich? Warum ist Verhütung, Jahrzehnte später, immer noch überwiegend Frauensache?

Das Problem ist, dass wir Männer wenig Alternativen haben. Kondome gibt es zwar schon seit Jahrhunderten. Doch obwohl seit ihren ersten Prototypen aus Schafsdärmen oder alten Socken die Materialtechnik glücklicherweise Fortschritte gemacht hat, sind sie noch immer keine verlässliche Option. Das jedenfalls zeigen Auswertungen von Paaren, die sich nur auf Gummis verlassen. Obendrein sind sie ungeliebte Spaßbremsen.

Zweite Möglichkeit: Vasektomie. Die Durchtrennung der Samenleiter ist allerdings eine Lebensentscheidung und nicht zuverlässig reversibel.

Das Problem: Keiner will sie

Die Pille für den Mann muss her. Geforscht daran wird schon lange. Angekündigt wird sie seit Jahrzehnten. Immer wieder gibt es Mäusestudien, die nahelegen, dass sie jetzt doch wirklich und endlich bald kommt, die Pille für ihn. Das Mäuseüberbevölkerungsproblem könnte man damit schon längst lösen.

Doch es sieht nicht danach aus, dass sie jemals kommt. Der Grund: Keiner will sie wirklich. Die Pharmakonzerne nicht, die Mediziner nicht und auch wir Männer nicht.

Eigentlich könnte sie schon längst da sein. Denn die Pille für den Mann, ein Kombipräparat aus Testosteron und Gestagen, wirkt, wie 2011 eine große Studie der WHO zeigte. Allerdings wurde die Studie abgebrochen - angeblich hatte die Pille zu viele Nebenwirkungen. Es heißt, dass zehn Prozent der Männer über Depressionen klagten. Wie viele Männer tatsächlich darunter litten, ob diese Nebenwirkung in der multizentrischen Studie weltweit einheitlich diagnostiziert wurde und warum auch viele Probanden über Stimmungsschwankungen klagten, die nur ein Scheinmedikament erhalten hatten, ist noch unklar. Bis heute sind noch immer nicht alle Daten der Studie vorgelegt worden. Für die Entwicklung der Männerpille war das ein schwerer Schlag. Experten glauben sogar: Es war der finale.

Zudem gibt es noch die finanziellen Interessen einzelner Gruppen, denen sie zuwiderläuft: Gynäkologen, Urologen und Pharmakonzerne haben an ihr kein Interesse. Aber auch wir Männer wollen sie offenbar nicht wirklich. Depressionen? Kennen Frauen von ihrer Pille seit Jahrzehnten als eine der möglichen Nebenwirkungen. Ebenso wie Gewichtszunahme, Libidoverlust, Zwischenblutungen und, ach ja, Thrombosen, Lungenembolien und Hirnschläge.

Trotzdem nehmen Frauen die Pille. Und wir Männer jammern. Der Grund, warum wir in diesem Punkt offenbar solche Weicheier sind: Verhütung ist für uns keine existentielle Angelegenheit. "Eine Frau kann an einer Schwangerschaft sterben", sagt Eberhard Nieschlag, ehemaliger Direktor des Instituts für Reproduktionsmedizin der Universität Münster. "Männer müssen im schlimmsten Fall Alimente zahlen."

Warme Hodenbäder sind auch keine Lösung

Dabei waren die Männer in den Achtzigern schon mal weiter. Der Schweizer Beat Schegg und sein linker Männerclub wollten 1984 zeigen, dass Verhütung nicht allein Frauensache sein sollte. Die Linksrevolutionäre machten sich vorübergehend unfruchtbar, indem sie ihre Hoden in warmem Wasser badeten. Hohe Temperaturen tun der Entwicklung von Spermien nämlich nicht gut. Ab 35 Grad sinkt die Spermienproduktion in den Hoden ab.

Schegg und seine Kollegen konstruierten sich Stühle mit eingelassenen Wannen, in denen sie mit Tauchsiedern Wasser auf exakt 45 Grad Celsius erwärmten und darin ihre Hoden badeten. Auf dieser - spöttisch auch Eierkocher genannten - Konstruktion mussten die tapferen Hodenbader drei Wochen lang täglich eineinhalb Stunden aushalten.

Eine anstrengende und heikle Prozedur: "Die Haut an Penis und Oberschenkeln musste man schützen, die wäre sonst verbrannt", sagte Schegg 2007 dem Schweizer Blatt "20 Minuten". Die gezielte Erhitzung erreichten sie mit einer Spezialunterhose und Gewichten an den Hoden, die bewirkten, dass sie nicht obenauf schwammen. Es war ein demonstrativer Akt: gegen das Patriarchat, gegen die Unterdrückung der Frau, gegen die Spermatogenese.

Das Resultat: Die Spermienzahl sank für sechs Wochen praktisch gen null. Das jedenfalls behauptet Schegg, der seine Spermiendichte ständig überprüfte. Ob Hodenbaden aber wirklich zielführend ist, ist wissenschaftlich umstritten. Spätere Versuche in den USA hätten laut Eberhard Nieschlag ergeben, dass bei dieser Methode die Spermienzahl nicht ausreichend sinkt.

Dennoch: Es war ein Anfang, der zeigt, dass wir Männer leidensfähig sind. Wenn wir nur wollen.

Für Mobilnutzer: Lesen Sie im Experten-Interview mehr über die Pille für den Mann.

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