Wir machen uns mal frei: Die Walkie-Talkie-Methode

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Corbis

Telefonierende Geschäftsleute: Handys lassen uns krank aussehen

Mobiltelefone machen uns depressiv oder psychopathisch - zumindest auf den ersten Blick. Kolumnist Frederik Jötten hat herausgefunden, wie man die schlimmsten Handy-Krankheiten verhindern kann.

Es gibt Menschen, die sicher sind, dass Handys krank machen. Das ist umstritten. Sicher ist allerdings: Sie lassen uns krank aussehen. Oft begegnete ich am Wochenende, wenn ich mit der letzten oder ersten U-Bahn nach Hause fuhr, auffällig viele niedergeschlagene Menschen, vornübergebeugt, den Kopf zum Boden gerichtet. Wie fertig müssen diese Leute sein, wo ich doch schon ziemlich kaputt war, aber immerhin noch geradeaus blicken konnte?

Dann bemerkte ich, dass diese niedergeschlagenen Menschen immerhin noch so fit waren, Kurznachrichten zu schreiben. Als ich mein Spiegelbild später kurz in der Fensterscheibe sah, saß ich genauso zusammengekauert in der U-Bahn. Leider, denn was ich am frühen Morgen mit dem Handy abschickte, bereute ich meistens am nächsten Tag.

Mikrowelle für die grauen Zellen

Irgendwann sah ich Männer im Anzug wild gestikulierend, redend durch die Straßen gehen und dachte: Elegant gekleideter Psychopath! Bis mir auffiel, dass die Herren mit einem Headset telefonierten. Natürlich legte ich mir auch das zu und laufe seitdem psychopathisch durch die Straßen. Ich bekomme nämlich vom Telefonieren mit meinem Handy einen pochenden Schmerz unter der Stirn.

Ich spüre förmlich wie die elektromagnetischen Strahlen mein Gehirn kochen. Da wirke ich doch lieber wie ein Wahnsinniger. Allerdings: Den Kopfhörer immer im Anschlag zu haben, ist ziemlich umständlich und sieht beknackt aus.

Eine Zeitlang versuchte ich also, das Headset-Kabel erst bei einem Anruf ins Handy zu stecken. Natürlich war es nie aufzufinden, wenn ich es gebraucht hätte. Dann wickelte ich es ums Handy - aber wenn es klingelte, schaffte ich es meistens nicht, das Kabel rechtzeitig zum Annehmen des Anrufs zu entwirren, so dass die Anrufer wieder auflegten.

Zum Glück sah ich neulich einen jungen Mann, tätowiert, gebräunt, Bodybuilder-Arme, der sein Telefon wie ein Funkgerät benutzte: Er hielt es vor den Mund, als er sagte: "Ich fahre da jetzt vorbei und checke das ab!" Sein Gesprächspartner krächzte aus dem integrierten Lautsprecher: die Freisprechanlage! Jetzt telefoniere ich auch mit der Walkie-Talkie-Methode. Das ist auf jeden Fall gesünder als das Handy am Ohr zu halten - und sieht immerhin nur nach der Wichtigtuer-Krankheit aus.

Mobilfunk: Frequenzen, Strahlung und Wärme
"Handy-Strahlung"
Das Wort sorgt zuweilen für Beunruhigung, vor allem unter Physik-Unkundigen. Mobiltelefone (und die zugehörigen Sendemasten) bauen hochfrequente gepulste elektromagnetische Felder auf. In Deutschland werden in GSM-Handynetzen Frequenzen um 900 und 1800 Megahertz verwendet. Mobiltelefonie ist nicht die einzige Technologie, die solche Felder erzeugt. Auch schnurlose (DECT-)Telefone tun das.

Über mögliche gesundheitliche Folgen der Mobilfunktechnik wird unter Laien viel gestritten. Tausende wissenschaftliche Studien beschäftigen sich damit - bislang ohne einen Beleg für eine Schadwirkung liefern zu können. Hinlänglich bekannt ist jedoch, dass Handys für eine leichte Erwärmung von wenigen Grad Celsius am Kopf sorgen können. Unter Insidern ist dies auch als Wollmützeneffekt" bekannt.
SAR-Wert
Der Messwert SAR beschreibt, wieviel Energie in einem elektromagnetischen Feld übertragen wird. Die Abkürzung steht für "spezifische Absorptionsrate". Anhand dieser Einheit kann man leicht nachvollziehen, welche Messwerte hier miteinander verbunden werden: W/kg steht für Watt pro Kilogramm. Die Energie (in Watt) wird im Körpergewebe (in Kilogramm) vor allem in Wärme umgewandelt.

Die spezifische Absorptionsrate wird bestimmt, indem man sechs Minuten lang die Erwärmung des Körpergewebes misst und einen Mittelwert bildet. Man geht davon aus, dass nach längerer Zeit ein Gleichgewicht zwischen Wärmezufuhr und -abgabe entsteht.

Die Hersteller von Mobiltelefonen geben als SAR-Wert für die jeweiligen Modelle die Maximalwerte an. In den vergangenen Jahren ist der SAR-Wert von Handys kontinuierlich gesunken.
Strahlungsarme Geräte
Entsprechend einer Empfehlung der Strahlenschutzkommission liegt in Deutschland der Grenzwert für die SAR eines Handys bei 2 W/kg. Das basiert auf einer Leitlinie der Internationalen Kommission zum Schutz vor Nichtionisierender Strahlung (ICNIRP).

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) aus Salzgitter listet auf seiner Website mehr als tausend Mobiltelefone auf. Alle liegen unter dem gesetzlichen SAR-Wert von 2 W/kg. Bei den 1470 aktuell produzierten Handys (Stand Juli 2012) liegen die SAR-Werte laut BfS zwischen 0,102 W/kg und 1,71 W/kg am Kopf bzw. 0,003 W/kg und 1,85 W/kg am Körper. Mehr als ein Drittel der aktuellen Modelle liegen unter 0,6 W/kg und erfüllen demnach das Kriterium für das Umweltzeichen "Blauer Engel".
Ergebnisse von Langzeit-Studien
Dänische Wissenschaftler gaben Ende 2011 weitgehend Entwarnung: Sie konnten in einer Langzeitstudie keinen Zusammenhang zwischen der Nutzung von Mobiltelefonen und dem Risiko ausmachen, an einem Hirntumor zu erkranken. Für die Untersuchung, die im "British Medical Journal" veröffentlicht wurde, hatte sie die Daten von 358.000 Handy-Nutzern über 18 Jahre hinweg ausgewertet. Ein "leichtes bis mittleres Risiko" könne bei extremen Vieltelefonierern oder Menschen, die bereits seit mehr als 15 Jahren mit dem Handy kommunizieren, aber nicht ausgeschlossen werden.

Auch in der internationalen Interphone-Studie, für die Wissenschaftler Hunderttausende Menschen in ganz Europa beobachtet haben, zeigte sich kein Zusammenhang zwischen Telefoniergewohnheiten und Krebs.

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insgesamt 19 Beiträge
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1. Aussenwirkung...
axiom 27.07.2012
... ist völlig egal. Meine Freisprecheinrichtung ist getarnt an meiner Brille. Im Quartier halten mich 50% für einen "Psycho". Das entspricht ziemlich genau dem Anteil der "intellektuell Herausgeforderten" mit welchen ich nicht wirklich etwas zu tun haben will. Perfekt! Sobald eine Projektion von Daten auf meiner Brille möglich ist, und ich mit Handgesten die Programme steuern kann werden weitere 25% Prozent, welche eine Freisprecheinrichtung gerade mal verstanden haben, mich für einen sinnlos fuchtelnden "Psycho" halten... Die verbleibenden 25% reichen mir als potentieller Sozialkontakt völlig aus.
2. Ein heisser Tip aus meiner Kindheit...
Takana 27.07.2012
Zitat von axiom...abschalten.
3. Es gibt auch seriöse wissenschaftliche Ergebnisse...
spon-facebook-10000150727 27.07.2012
Vorab, ich bin Biophysiker, gehöre also nicht zu den Physik-Unkundigen. Dass elektromagnetische Strahlung schaden kann, ist unbestritten. Denken Sie an Sonnenbrand nach UV-Strahlung oder Schäden durch Röntgenstrahlung. Diese Strahlung erzeugt freie Radikale im Körper. Handys und DECT Telefone hingegen erzeugen keine Radikale. Es scheint aber durchaus Menschen zu geben, die eben genau auf diese elektro-magnetischen Felder reagieren. Rund 35% von über 600 Patienten die an multipler Chemikalien Unverträglichkeit erkrank sind (De Lucas et al 2012), geben an, dass sie auf diese Felder reagieren. Ich würde mich hüten, eine derartige Anzahl von Betroffenen als Hypochonder oder Spinner hinzustellen. Ich habe keine Kenntnis von „tausenden von wissenschaftlichen Studien“ die nicht gefunden haben wollen. Es gibt durch sehr widersprüchliche Ergebnisse, geben Sie einfach den Suchbegriff EMF in Pubmed ein. Es liegen durchaus sehr seriöse wissenschaftliche Ergebnisse vor, die eben eine Wirkung von EMF experimentell nachweisen. Allerdings halte ich das Risiko für einen gesunden Erwachsenen für nicht übermäßig hoch, bei kleinen Kindern sehe ich das durchaus als kritisch an.
4.
Th.Tiger 27.07.2012
Zitat von sysopMobiltelefone machen uns depressiv oder psychopathisch - zumindest auf den ersten Blick. Kolumnist Frederik Jötten hat herausgefunden, wie man die schlimmsten Handy-Krankheiten verhindern kann. Wir machen uns mal frei: Handys lassen uns krank aussehen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,844814,00.html)
Ein interessierter Blick auf den in der Öffentlichkeit Telefonierenden bewirkt manchmal Wunder. Wenn man schon zwangsweise am halben Zwiegespräch beteiligt wird, könnte auch gezieltes Nachfragen förderlich sein.
5.
fagus 27.07.2012
Zitat von sysopMobiltelefone machen uns depressiv oder psychopathisch - zumindest auf den ersten Blick. Kolumnist Frederik Jötten hat herausgefunden, wie man die schlimmsten Handy-Krankheiten verhindern kann. Wir machen uns mal frei: Handys lassen uns krank aussehen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/0,1518,844814,00.html)
Nominiert für den sinnfreisten Artikel des Jahres.
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Frederik Jötten

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