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10. August 2012, 13:28 Uhr

Wir machen uns mal frei

Virenschleuder

Von

Im viel zu kühlen Sommer droht schnell eine Virusgrippe. Kolumnist Frederik Jötten fürchtet sich so sehr vor ansteckenden Erregern, dass er einem Freund übertriebene Sicherheitsmaßnahmen aufdrängt. Der Schutzversuch sorgt für erhöhte Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit.

Als ich Daniels Stimme am Telefon hörte, wusste ich sofort, was mit ihm los war. Der Kerl hatte einen Mörder-Schnupfen - und ich hatte versprochen ihn mit dem Auto mitzunehmen: zwei Stunden Fahrt mit einer Virenschleuder! Am nächsten Tag war mein Geburtstag, ich erwartete Besuch von meinen besten Freunden - ich durfte mich auf keinen Fall anstecken.

"Was ist los mit dir?", fragte ich Daniel. "Och, ich hab ein bisschen Schnupfen." "Ein bisschen? Du hörst dich ziemlich übel an! Bist du überhaupt transportfähig?" Daniel erahnte meine Ängste nicht. "Danke der Nachfrage, ist schon in Ordnung. Holst du mich dann morgen um fünf ab?" Ich hätte am liebsten nein gesagt, aber ich murmelte: "Ja, klar." Es ist nicht wirklich gesellschaftlich akzeptiert, jemandem zu sagen: "Sorry, du bist mir zu krank, ich kann dich nicht mitnehmen."

Ich versuchte also den Spagat: Daniel nicht verprellen, gleichzeitig Ansteckung verhindern. Als ich Daniel abholte, gab ich ihm nicht die Hand, sondern reichte ihm eine giftgrüne Maske, so wie Chirurgen sie bei Operationen tragen. Er war sichtlich irritiert. "Was ist das?" "Könntest du bitte die bitte überziehen?", antwortete ich. "Ich will mich nicht anstecken. Ich ziehe auch eine an, sicher ist sicher."

Fuß aufs Gas und nichts wie weg!

Daniel schüttelt den Kopf und band sich das Ding um den Kopf, seine Mutter blickte uns an, als wären wir Außerirdische, als wir vom Hof fuhren. Ich drehte die Heizung auf - die Viren vermehren sich am besten in ausgekühlten Körpern - und chauffierte den Wagen auf die Autobahn. Ein Mercedes überholte uns: die blonde Frau am Steuer sah gelangweilt aus - bis sie uns sah. Sie starrte uns mit weit aufgerissenen Augen an, dann gab sie noch mehr Gas und rauschte davon.

Ein paar Minuten später tauchte hinter uns ein Streifenwagen auf. "Meinst du, die hat die Polizei gerufen?" fragte Daniel hinter seiner Maske. "Meinst du, wir verstoßen gegen das Vermummungsverbot?" fragte ich. Ich sah an Daniels Augen, dass er grinste, er freute sich sehr auf eine Polizeikontrolle. Aber die Beamten fuhren an uns vorbei, wahrscheinlich aus Angst vor den berüchtigten Autobahnvirenschleudern. Übrigens wurde ich nicht krank und an meinem Geburtstag feierte ich sogar ohne OP-Maske meine Party, obwohl Daniel auch kam. No risk no fun, zumindest einmal im Jahr.

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