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21. Dezember 2012, 12:03 Uhr

Wir machen uns mal frei

Einmal überflüssig operieren, bitte

Kolumnist Frederik Jötten läuft dauerhaft die Nase, Müdigkeit plagt seinen Körper und auch der Bauch schmerzt. Doch die Rettung naht: Eine teure Operation soll alle Beschwerden wegzaubern. Tatsächlich entpuppen sich das Rundum-Sorglos-Paket als Flop - und der Arzt als guter Vermarkter.

Ich bin schon lange kritisch gegenüber Ärzten, die mir teure Leistungen andrehen wollen. Aber es gibt etwas, für das ich anfällig bin: Theorien, die alle meine Leiden auf einmal erklären, quasi Körper-Verschwörungstheorien - und die Verheißung eines entsprechenden Gegenmittels. Der Gedanke ist einfach zu verlockend, alle Probleme mit einem Eingriff loswerden zu können. Ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt schaffte es, mich mit einem solchen Heilsversprechen umgehend zu einer Operation zu überreden.

Ich war Student und hatte chronischen Schnupfen. Der Arzt schaut mir in Hals, Nase und Ohren. Dann fragte er: "Sind Sie oft müde und abgeschlagen?" Ich nickte heftig. "Verschleimung der Atemwege, belegte Stimme, Bauchschmerzen?" Auch das kannte ich alles nur zu gut! Ich nickte wieder, inzwischen in Panik - was zur Hölle hatte er entdeckt?

"Sie haben eine chronische Sinusitis", sagt er und beugte sich so weit vor, dass er nur noch eine Handbreit von meinem Gesicht entfernt war. "Wissen Sie, was das bedeutet?" Ich schüttelte den Kopf. "Das ist, als ob Sie vor dem Frühstück jeden morgen ein Glas Eiter trinken!" Das saß, ich hätte zu allem ja gesagt, was er mir jetzt zur Therapie vorschlagen würde - und er riet mir dringend zu einer Operation. Meine Nasenscheidewand sei verkrümmt, die Luftzufuhr zu den Nebenhöhlen aus diesem Grund erschwert. "Ich operiere Ihnen die Nase und die Beschwerden können Sie vergessen", sagte er. Zwei Wochen später hatte ich den Termin.

"Auch nach der Operation waren wir manchmal noch müde"

Bis ich merkte, dass der Arzt sich vor allem durch sein Verkaufstalent auszeichnete, dauerte es Monate. Inzwischen empfahl ich ihn einem Kommilitonen. Der rief mich sofort an, nachdem er aus der Sprechstunde gekommen war. "Jetzt bin ich schon so lange müde und abgeschlagen - und seit heute weiß ich endlich warum." "Deine Symptome hören sich sehr nach chronischer Sinusitis an", sagte ich. "Du solltest deine Nasenscheidewand operieren lassen." "Das gibt es doch nicht!", rief er ins Telefon. "Selbst du weißt das und ich rätsele seit Jahren, was los ist mit mir." Ich muss zugeben, ich fühlte mich nach dieser Blitzdiagnose auch schon wie ein Guru - stolz, dass ich mich selbst hatte operieren lassen und jetzt auch noch einem Freund den richtigen Weg weisen konnte.

Als der Kommilitone und ich unsere Operationen hinter uns hatten, kam allerdings die Ernüchterung: Wir waren beide keine Supermänner geworden. Zwar waren unsere Nasen jetzt seltener verstopft. Allerdings hatte ich weiterhin die chronische Sinusitis - und wir beide stellten fest, dass wir manchmal sogar noch müder waren als zuvor.

Trotz der Enttäuschung bin ich auf ganzheitliche Erklärungen für komplexe Beschwerden noch mehrmals reingefallen, zum Beispiel als eine Orthopädin mir erklärte, meine gesammelten Rücken- und Kopf- und Zahnschmerzen durch sensomotorische - und vor allem sauteure Einlagen - kurieren zu können. Natürlich hat es nicht funktioniert, es war überhaupt kein Effekt zu spüren, noch nicht einmal an den Füßen! Inzwischen habe ich gelernt: Wenn mir heute ein Arzt mit Heilsversprechungen kommt, die zu gut klingen, um wahr zu sein, suche ich mir einen anderen.

Für Mobilnutzer: Lesen Sie im Experteninterview mehr zum Thema Patientenrecht und über den Umgang mit ärztlichen Anordungen.

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