Wir machen uns mal frei: Einmal überflüssig operieren, bitte
Kolumnist Frederik Jötten läuft dauerhaft die Nase, Müdigkeit plagt seinen Körper und auch der Bauch schmerzt. Doch die Rettung naht: Eine teure Operation soll alle Beschwerden wegzaubern. Tatsächlich entpuppen sich das Rundum-Sorglos-Paket als Flop - und der Arzt als guter Vermarkter.
Ich bin schon lange kritisch gegenüber Ärzten, die mir teure Leistungen andrehen wollen. Aber es gibt etwas, für das ich anfällig bin: Theorien, die alle meine Leiden auf einmal erklären, quasi Körper-Verschwörungstheorien - und die Verheißung eines entsprechenden Gegenmittels. Der Gedanke ist einfach zu verlockend, alle Probleme mit einem Eingriff loswerden zu können. Ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt schaffte es, mich mit einem solchen Heilsversprechen umgehend zu einer Operation zu überreden.
Ich war Student und hatte chronischen Schnupfen. Der Arzt schaut mir in Hals, Nase und Ohren. Dann fragte er: "Sind Sie oft müde und abgeschlagen?" Ich nickte heftig. "Verschleimung der Atemwege, belegte Stimme, Bauchschmerzen?" Auch das kannte ich alles nur zu gut! Ich nickte wieder, inzwischen in Panik - was zur Hölle hatte er entdeckt?
"Sie haben eine chronische Sinusitis", sagt er und beugte sich so weit vor, dass er nur noch eine Handbreit von meinem Gesicht entfernt war. "Wissen Sie, was das bedeutet?" Ich schüttelte den Kopf. "Das ist, als ob Sie vor dem Frühstück jeden morgen ein Glas Eiter trinken!" Das saß, ich hätte zu allem ja gesagt, was er mir jetzt zur Therapie vorschlagen würde - und er riet mir dringend zu einer Operation. Meine Nasenscheidewand sei verkrümmt, die Luftzufuhr zu den Nebenhöhlen aus diesem Grund erschwert. "Ich operiere Ihnen die Nase und die Beschwerden können Sie vergessen", sagte er. Zwei Wochen später hatte ich den Termin.
"Auch nach der Operation waren wir manchmal noch müde"
Bis ich merkte, dass der Arzt sich vor allem durch sein Verkaufstalent auszeichnete, dauerte es Monate. Inzwischen empfahl ich ihn einem Kommilitonen. Der rief mich sofort an, nachdem er aus der Sprechstunde gekommen war. "Jetzt bin ich schon so lange müde und abgeschlagen - und seit heute weiß ich endlich warum." "Deine Symptome hören sich sehr nach chronischer Sinusitis an", sagte ich. "Du solltest deine Nasenscheidewand operieren lassen." "Das gibt es doch nicht!", rief er ins Telefon. "Selbst du weißt das und ich rätsele seit Jahren, was los ist mit mir." Ich muss zugeben, ich fühlte mich nach dieser Blitzdiagnose auch schon wie ein Guru - stolz, dass ich mich selbst hatte operieren lassen und jetzt auch noch einem Freund den richtigen Weg weisen konnte.
Als der Kommilitone und ich unsere Operationen hinter uns hatten, kam allerdings die Ernüchterung: Wir waren beide keine Supermänner geworden. Zwar waren unsere Nasen jetzt seltener verstopft. Allerdings hatte ich weiterhin die chronische Sinusitis - und wir beide stellten fest, dass wir manchmal sogar noch müder waren als zuvor.
Trotz der Enttäuschung bin ich auf ganzheitliche Erklärungen für komplexe Beschwerden noch mehrmals reingefallen, zum Beispiel als eine Orthopädin mir erklärte, meine gesammelten Rücken- und Kopf- und Zahnschmerzen durch sensomotorische - und vor allem sauteure Einlagen - kurieren zu können. Natürlich hat es nicht funktioniert, es war überhaupt kein Effekt zu spüren, noch nicht einmal an den Füßen! Inzwischen habe ich gelernt: Wenn mir heute ein Arzt mit Heilsversprechungen kommt, die zu gut klingen, um wahr zu sein, suche ich mir einen anderen.
- Wie schützt man sich vor unnötigen ärztlichen Leistungen?
Getty Images - Was, wenn ein Arzt oder eine Ärtzin zu kostenpflichtigen Zusatzleistungen rät?
- Bei welchem Verhalten eines Arztes sollte man skeptisch werden?
- Lesen sie im Experteninterview mehr zum Thema Patientenrecht und über den Umgang mit ärztlichen Anordnungen.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
- alles aus der Rubrik Gesundheit
- Twitter | RSS
- alles aus der Rubrik Diagnose & Therapie
- RSS
- alles zum Thema Wir machen uns mal frei
- RSS
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Freitag, 21.12.2012 – 12:03 Uhr
- Drucken Versenden
- Nutzungsrechte Feedback
- Kommentieren | 20 Kommentare
- Wir machen uns frei: Alle Kolumnen
- Frederik Jötten ist Parasitologe, Singer-Songwriter und Reporter. Er schreibt über Gesellschaft, Wissenschaft und Medizin. Mit seinem Körper kennt er sich besser aus als jeder Arzt, behauptet er. Es kommt jedoch immer wieder vor, dass Ärzte seinen Selbstdiagnosen nicht folgen wollen, weil sie entweder keine Ahnung oder ausnahmsweise doch mal recht haben. Musikalben veröffentlicht er unter dem Namen Fred Erikson.
- NEU: Frederik Jötten bei Facebook
- Homepage von Frederik Jötten
- Homepage von Fred Erikson
Über diesen Account erreichen Sie das Ressort und verpassen keinen Artikel:
Follow @SPIEGEL_Gesund- Experteninterview: "Keine Therapie ist oft eine gute Alternative" (21.12.2012)
- Wir machen uns mal frei: Mehr Haut, mehr Vitamin D! (05.12.2012)
- Wir machen uns mal frei: Verpiss dich nicht! (12.12.2012)
- Wir machen uns mal frei: Der Glücksritter (28.11.2012)
- Hypochonder: Herr Doktor, ich habe Rücken, Fuß und Brust! (11.06.2012)
- Neuer Arztreport: Placebo-Politik füllt deutsche Wartezimmer (19.01.2010)
MEHR AUS DEM RESSORT GESUNDHEIT
-
Sprechstunde
Gesundheit von A bis Z: Alles über Krankheiten, Wirkstoffe und mehr -
Gesund geraten
Quiz-Arena: Testen Sie Ihr Wissen über Ernährung, Fitness und Medizin! -
Organspende
Herz, Lunge, Leber und Co.: Welche Organe kann man spenden? -
Seniorenportal
Suche: Betreutes Wohnen, Senioren- und Pflegeheime -
Tools
Service: Berechnen Sie Ihren BMI, Kalorienbedarf und mehr!
