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Wirkungslose Mittel: Bei welchem Notfall sollen Bachblüten helfen?

Apotheke: "Von Bachblüten rate ich vehement ab", sagt ein Pharmazeut Zur Großansicht
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Apotheke: "Von Bachblüten rate ich vehement ab", sagt ein Pharmazeut

Bachblüten, Algenextrakte - in Apotheken gibt es viele Produkte, die nicht die versprochene Wirkung haben. Ein Pharmazeut benannte das als "Scheiß des Monats" - es wäre Zeit für eine Neuauflage der Kampagne, meint Frederik Jötten.

Ich stand in der Apotheke und hatte gerade eine Schachtel hochwirksamer Ohrstöpsel bestellt, als mir bewusst wurde, dass es hier auch sehr unwirksamen Hokuspokus gab. "Ich wollte die Bachblüten-Notfall-Tropfen abholen", sagte eine Frau Mitte 30, die neben mir an der Theke stand - und die Pharmazeutisch-technische Assistentin reichte ihr eine kleine braune Flasche herüber.

Bei welchem Notfall zur Hölle sollen Bachblüten helfen? Für die, die damit nicht vertraut sind: Bachblüten sind Pflanzenteile, die der britische Arzt Edward Bach in den Dreißigerjahren nicht etwa nach heilender Wirkung, sondern intuitiv ausgesucht hat. Die Pflanzenteile werden in Wasser eingelegt und in die Sonne gestellt oder gekocht. Diese Flüssigkeit wird 1:1 mit Alkohol aufgefüllt und dann 240-fach verdünnt. Nicht verwunderlich, dass die Wirkung nicht größer ist als der Placebo-Effekt.

Im Notfall hilft: sich weniger Sorgen machen

Ich bin dann doch neugierig, bei welchem Notfall Bachblüten helfen sollen. Im Internet finde ich: "Diese Bachblüten helfen dabei, sich weniger Sorgen zu machen und erhöhen das Selbstbewusstsein. Der Alkoholgehalt wurde zudem reduziert, sodass auch Kinder und schwangere Frauen die Tropfen einnehmen können, ohne Risiken in Kauf nehmen zu müssen."

Es war blöd vom Hersteller, den Alkoholgehalt zu reduzieren, denn der hätte - gesetzt den Fall, man tränke einige Flaschen - wirklich dazu führen können, dass man sich kurzfristig weniger Sorgen macht und ein größeres Selbstbewusstsein hat. Allerdings kosten 50 Milliliter 39 Euro, das wäre teuer geworden. Und Alkoholkonsum ist keine sinnvolle Art, mit seelischen Problemen umzugehen. Auch nicht viel besser ist es allerdings, in psychischen Notzuständen eine wirkungslose Tinktur zu schlürfen anstatt sich mit deren Ursachen auseinanderzusetzen.

Ich frage einen befreundeten Apotheker, wie er es verantworten kann, Kunden so einen Quatsch zu verkaufen. "Von Bachblüten rate ich immer vehement ab - aber wenn die Leute unbedingt wollen, verkaufe ich sie ihnen", sagt er. "Den Menschen, die davon überzeugt sind, dass ihnen Bachblüten helfen, denen helfen sie - zumindest ein bisschen, der Placebo-Effekt ist stark."

Wirkung nicht belegt: Haifischknorpel gegen Arthritis

Ich sehe ein, dass man als Apotheker wenig machen kann, wenn Kunden für den Placebo-Effekt unbedingt viel Geld ausgeben wollen. Man kann nur versuchen, Aufklärungsarbeit zu leisten, damit Menschen ihr Geld nicht für unwirksamen Unsinn ausgeben.

In den Neunzigern kürte ein Apotheker zu diesem Zweck in seinem Schaufenster den "Scheiß des Monats". So zeichnete er Produkte aus, die nicht empfehlenswert waren, weil den Verbrauchern in der Werbung falsche Versprechen gemacht wurden. Prominentestes Beispiel damals: ein teures Haifischknorpelextrakt, das mit Wirkung gegen Arthritis und Osteoporose warb, für die es keinerlei Belege gab. Der Hersteller klagte, doch der Apotheker bekam weitgehend Recht, wenngleich ihm allerdings unter anderem die herabsetzende Formulierung "Scheiß des Monats" untersagt wurde.

Gestern Abend ging ich an meiner Apotheke vorbei, das Fenster war dekoriert mit vollmundig beworbenen Appetitzüglern, von denen hinlänglich bekannt ist, dass man damit nicht langfristig abnehmen kann. Ein paar Häuser weiter die nächste Apotheke - in deren Auslage Spirulina-Tabletten, ein Algenpräparat, von dessen Verzehr die Stiftung Warentest dringend abrät. "Scheiß des Monats" findet sich immer noch in so manchem Schaufenster, es steht nur leider nicht mehr dabei.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 117 Beiträge
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1. der Placebo-Effekt ist stark.
maipiu 10.09.2014
...sagte der Apotheker. Das sollte man nicht unterschätzen. Also warum sollte man den Leuten ihr Himmelreich nehmen, denn als solches wird des Menschen Willen ja gerne betitelt. Und wenn sich mit dem "Scheiß" Apotheken halten lassen, die sonst dicht gemacht würden müssten, profitieren ja nicht nur deren Besitzer. So what?
2. Nicht wahnsinnig sachlich...
peter_gurt 10.09.2014
...aber dafür trifft es diesen Globuli-Wahn auf den Kopf! Aber wie sagen die Schwaben: "Wenns schee macht...!"
3. Ich habe Angst,
ulf.jarisch 10.09.2014
Da verschliese ich mich halt und kritisiere was ich nicht verstehe.
4. Krankenkassen
birnstein 10.09.2014
Noch schlimmer als den Verkauf von völlig wirkungslosem Homöopathiedreck ist die Tatsache, dass viele Krankenkassen mittlerweile diesen Mist bezahlen und wir mit unseren Beiträgen die Scharlatane reich machen.
5. wenns hilft, warum nicht.
pluuto 10.09.2014
Man kreiert eine harmlose Tinktur, vermarktet diese und macht jede Menge Reibach. Solange die blöde Hälfte der Menscheid dieses Zeugs freiwillig kauft und der Steuerzahler nicht belastet wird, geht das in Ordnung.
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