Wirtschaftskrise Sparzwang verleidet den Griechen das Rauchen

In Griechenland ist die Raucherquote so hoch wie in keinem anderen OECD-Land. Das öffentliche Rauchverbot wird ignoriert, doch die Wirtschaftskrise zeigt Wirkung: Immer weniger Griechen greifen zur Zigarette. Das senkt das Krebsrisiko - und entlastet den Staatshaushalt.

Raucher in Athen (Archiv): Rauchen überall, trotz Rauchverbots
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Raucher in Athen (Archiv): Rauchen überall, trotz Rauchverbots

Von , Thessaloniki


Es ist eine nahezu unmögliche Aufgabe, im Sommer in einem Café in Thessaloniki einen Platz im Freien zu finden. Vor einigen Wochen durchkämmte ich mit Freunden die Cafés der Innenstadt, auf der Suche nach einem Sonnenplatz. Eine Bedienung, die unsere Verzweiflung bemerkte, bot uns einen Platz im Inneren an.

"Wir haben eine Klimaanlage", lockte sie uns. Als ich ihr sagte, dass wir lieber auf einen Tisch im Freien warten würden, weil einige von uns rauchten, lächelte sie und antwortete: "Kein Problem. Setzt euch, ich hole euch einen Aschenbecher." Eine Minute danach hatte der Aschenbecher das "Rauchen verboten"-Schild auf dem Tisch im Café ersetzt.

Es gibt kaum eine Taverne, Bar, ein Restaurant oder Café in Griechenland, in dem das strikte Anti-Raucher-Gesetz beachtet würde, laut dem das Rauchen an allen geschlossenen öffentlichen Orten verboten ist. Die Worte des früheren griechischen Gesundheitsministers Andreas Loverdos von 2011 - "Die Griechen haben ihre letzte Zigarette drinnen genossen" - sind in Rauch aufgegangen.

"Eine nationale Blamage"

Das zur Schau gestellte Ignorieren des Gesetzes überrascht die meisten Griechen nicht. Erfahrungsgemäß werden hier die meisten Regeln gemacht, um sie zu brechen. Einer allerdings kann sich darüber aufregen: Panagiotis Behrakis, Dozent an der Harvard University in den USA und Kopf der griechischen Anti-Raucher-Kampagne. Behrakis macht die Politik verantwortlich, die mit der Tabakindustrie unter einer Decke stecke. Er klagt, es sei Privatsache der Griechen, das Rauchverbot durchzusetzen, der Regierung fehle es an politischem Willen dazu.

"Griechenland ist das einzige Land Europas, in dem schwangere Frauen von allen Arten der Unterhaltung ausgeschlossen sind", so Behrakis. Über die Zustände in der griechischen Gastronomie klagt er: "Es ist nicht hinnehmbar, dass mehr als 100.000 Arbeitnehmer unter Bedingungen wie bei Minenarbeitern im 15. Jahrhundert arbeiten. Das ist eine nationale Blamage."

Die Zahlen geben Behrakis recht. Das Gesetz klingt drakonisch: Wer trotz Rauchverbots qualmend erwischt wird, dem drohen Strafen bis zu 500 Euro, Unternehmen gar bis zu 5000 Euro. Doch die Zahl der Kontrollen stürzte in den ersten drei Monaten des Jahres um 86 Prozent ab, verglichen mit 2011. Die gezahlten Strafen fielen ebenso dramatisch um 92 Prozent.

Kontrollieren müsste das Rauchverbot die Polizei, doch deren anfänglicher Enthusiasmus ist gezügelt. Beobachter machen die beharrliche Lobbyarbeit der Gastronomie- und Unterhaltungsbranche dafür verantwortlich. Thessalonikis Bürgermeister Giannis Boutaris steht im Ruf, ein Modernisierer zu sein. Er hat 2011 sogar öffentlich zugegeben, das Rauchverbot zu sabotieren: "In unserem Bemühen, den Unternehmen zu helfen, drücken wir ein Auge zu. Wir brechen das Gesetz wissentlich. Zudem ist es ein Gesetz, das nicht vollstreckbar ist."

Griechen kommen von der Sucht los

Nichtsdestotrotz hat eine beeindruckende Zahl von Griechen das Rauchen aufgegeben. Nach den letzten verfügbaren Daten vom Mai ist die Zahl der im Land verkauften Zigaretten seit 2007 um 40 Prozent zurückgegangen. Der Anteil regelmäßiger Raucher ist in den vergangenen zehn Jahren von 40 bis 45 Prozent auf 31 Prozent gefallen.

Es liegt nahe, dass sich wenigstens einige Griechen das Rauchen schlicht nicht mehr leisten können. Die Raucherquote begann 2007 zu sinken, als die griechische Wirtschaft in die Rezession fiel. Sowohl die Quote als auch die Wirtschaft befinden sich seitdem im freien Fall. Rauchen ist für viele Griechen zu einem Luxus geworden, obwohl Zigaretten in Griechenland immer noch viel günstiger sind als in anderen europäischen Staaten. Die Schachtel internationale Markenzigaretten kostet hier zwischen drei und vier Euro.

Athina Dinopoulou betreibt einen Tabakkiosk in Thessalonikis gutbürgerlichem Vorort Kalamaria. "Selbst begeisterten Rauchern fällt es schwer, Zigaretten zu kaufen. Sie sind einfach zu teuer", sagt sie. Dinopoulou erzählt von ihren besten Kunden. Das Ehepaar kaufte früher für sich und die Schwiegermutter täglich fünf Schachteln Zigaretten. Plötzlich hätten sich alle entschieden, aufzuhören. "Sie sagten mir, es wäre verrückt, monatlich 500, 600 Euro für Zigaretten auszugeben. Mit dem Geld könnten sie alle ihre Rechnungen bezahlen."

Nicht die Krise allein macht die Griechen zu Nichtrauchern

Geschichten wie diese sind gute Nachrichten für Griechenlands belastetes Gesundheitssystem und den Staatshaushalt: Rauchen verursacht 17 Prozent aller Todesfälle bei über 30-Jährigen. Folgekrankheiten sind für knapp neun Prozent aller Krankenhausaufnahmen verantwortlich und damit für Kosten in Höhe von 1,8 Milliarden Euro jährlich - fast acht Prozent aller Ausgaben im Gesundheitswesen. In Wahrheit seien es sogar 3,3 Milliarden Euro oder 1,53 Prozent des griechischen Bruttoinlandsprodukts, rechne man Produktivitätsverluste ein, so die Forscher.

Harvard-Wissenschaftler Behrakis begrüßt zwar den Trend, hebt aber hervor, dass die Wirtschaftskrise nicht der einzige, vielleicht nicht einmal der entscheidende Faktor ist, weshalb eine wachsende Anzahl der Griechen das Rauchen aufgebe: "Die Finanzkrise ist offensichtlich einer der Gründe. Allerdings weisen die Daten auf einen größeren Trend hin, nach dem sich die Haltung der Griechen ändert."

Glaubt man dem Arzt Stavros Vogiatzis, ist die eigene Gesundheit für viele der wichtigste Grund. Vogiatzis leitet seit 2007 das Rauchstopp-Zentrum im Thessaloniker Krankenhaus Papageorgiou, einem von 51 ähnlichen Einrichtungen in ganz Griechenland. Seit 2001 haben die Zentren mehr als 18.000 Rauchern beim Aufhören geholfen, die Erfolgsquote liegt bei 60 Prozent. In Vogiatzis Büro ist immer Betrieb, Dutzende Griechen, die meisten zwischen 40 und 50, fragen ihn täglich um Rat. "Sie kommen hier her, weil sie ihre Gesundheit schützen wollen, nicht ihren Geldbeutel."

Zwei Euro mehr pro Schachtel retten 192.000 Leben

Harvard-Dozent Behrakis glaubt, Griechenland könnte größere Fortschritte machen. Voraussetzung seien ein konsequentes öffentliches Rauchverbot und teurere Zigaretten. "Eine Preissteigerung um zwei Euro würde den Konsum um 20 Prozent verringern und 1,2 Milliarden Euro jährlich an zusätzlichem Steueraufkommen in die Staatskasse spülen", rechnet Behrakis vor. "330.000 Erwachsene wären gezwungen, das Rauchen aufzugeben und 125.000 junge Menschen würden gar nicht erst anfangen, wodurch 192.000 Leben gerettet würden." Kritiker fürchten, dass dann noch mehr Griechen auf den Schwarzmarkt ausweichen, von dem bereits 13,4 Prozent der in Griechenland gerauchten Zigaretten stammen.

Behrakis ist zuversichtlich, dass die jüngeren Generationen sich vom Rauchen abwenden werden. "Griechische Kinder und junge Erwachsene sind sich der Folgen und Gefahren des Rauchens bewusst", sagt er. "Und sie erkennen, dass es eine antiquierte und letztlich dumme Sucht ist."

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wschwarz 03.07.2013
1.
Zitat von sysopREUTERSIn Griechenland ist die Raucherquote so hoch wie in keinem anderen OECD-Land. Das öffentliche Rauchverbot wird ignoriert, doch die Wirtschaftskrise zeigt Wirkung: Immer weniger Griechen greifen zur Zigarette. Das senkt das Krebsrisiko - und entlastet den Staatshaushalt. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/wirtschaftskrise-sparzwang-macht-griechen-zu-nichtrauchern-a-908929.html
na also. Die Krise hat auch was gutes!
larry_lustig 03.07.2013
2. Nur hier in NRW
wollen einige störrische Leute unbedingt in der Kneipe rauchen (oder im Bürgermeisterbüro in Neuss) -obwohl es Sucht und kein Genuss ist -obwohl andere damit geschädigt werden -obwohl es in anderen Ländern (Bayern, Italien, Irland,...) funktioniert
mats123 03.07.2013
3. Ich sage schon seit Jahren, dass ...
Zitat von sysopREUTERSIn Griechenland ist die Raucherquote so hoch wie in keinem anderen OECD-Land. Das öffentliche Rauchverbot wird ignoriert, doch die Wirtschaftskrise zeigt Wirkung: Immer weniger Griechen greifen zur Zigarette. Das senkt das Krebsrisiko - und entlastet den Staatshaushalt. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/wirtschaftskrise-sparzwang-macht-griechen-zu-nichtrauchern-a-908929.html
... die Krisenländer eigentlich nur mit dem Rauchen aufhören müssten und das Geld lieber für ehrliche Steuerzahlungen verwenden müssten, anstatt es den amerikanischen Tabakkonzernen zu schenken: Schon wären die Staatshaushalte in Europa saniert. Maybe will have a stable state budget.
bettyboop2013 03.07.2013
4. optional
Dass Rauchen in Griechenland weit verbreitet ist und Schwangere in Griechenland von allen Freuden ausgeschlossen sind, mag ja jeweils für sich stimmen. Aber beides in einem Rutsch zu erwähnen... Kann man nur hoffen, dass die meisten nur die Überschrift lesen.
ausgetretenes_mitglied 03.07.2013
5. Raucher entlasten die Rentenkassen!
Zitat von sysopREUTERSIn Griechenland ist die Raucherquote so hoch wie in keinem anderen OECD-Land. Das öffentliche Rauchverbot wird ignoriert, doch die Wirtschaftskrise zeigt Wirkung: Immer weniger Griechen greifen zur Zigarette. Das senkt das Krebsrisiko - und entlastet den Staatshaushalt. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/wirtschaftskrise-sparzwang-macht-griechen-zu-nichtrauchern-a-908929.html
Wie kommt der Autor auf den Gedanken, dass mehr Nichtraucher den Staatshaushalt entlasten sollen? Das Gegenteil wird der Fall sein: Raucher leben statistisch gesehen sieben bis zehn Jahre kürzer und entlasten somit die Rentenkasse. Auch die vorgeblich niedrigeren Krankenkassenkosten bei Nichtrauchern sind ein Mythos, leben doch Nichtraucher länger und sind die Kosten im hohen Alter wesentlich höher für die Krankenkassen.
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