Ein rätselhafter Patient Verkrampft beim Hausarzt

Eine 39-Jährige kommt mit krampfartigen Bauchschmerzen in die Notaufnahme. Die Ärzte dort können ihr zwar helfen, jedoch nicht die Ursache klären. So kommt die Hausärztin zu einer besonderen Theorie.

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Plötzliche schwere Schmerzen: Was hat sie ausgelöst?
Corbis

Plötzliche schwere Schmerzen: Was hat sie ausgelöst?


In dieser Rubrik werden in der Regel medizinische Fälle vorgestellt, die in Fachzeitschriften publiziert wurden. Dort finden die Ärzte - mal schnell, mal langsam - mit ausgeklügelter Diagnostik heraus, was genau den Patienten fehlt. In der Praxis gibt es jedoch auch regelmäßig Fälle, die nie so ganz gelöst werden. Um so einen geht es dieses Mal.

Mit schweren Bauchschmerzen kommt die Patientin nachts in die Notaufnahme einer Hamburger Klinik. Sie verkrampft sich und klagt über schwere, rhythmisch auftretende Schmerzen im Bauchbereich. Mit jedem Atemzug tue es weh, dieser Zustand dauere seit drei Stunden an.

Beim Abtasten des Bauchs zeigen sich keine Auffälligkeiten, die Blutwerte der 39-Jährigen sind im Normalbereich, ebenso ihre Temperatur. Akute Entzündungen etwa des Blinddarms oder der Eierstöcke lassen sich damit ausschließen.

Verdauungsbeschwerden habe sie keine, wenige Stunden vor Einsetzen der Beschwerden habe sie mit ihrem Mann und Freunden gegessen, von denen keiner über ähnliche Symptome klage. Sie leidet nicht unter chronischen Krankheiten und ist normalgewichtig. Abgesehen von einer gelegentlichen Tablette Ibuprofen gegen Regelschmerzen nimmt sie keine Medikamente - ihre Tage hatte sie vor knapp zwei Wochen.

Die Ärzte verabreichen ihr ein krampflösendes Medikament, woraufhin die Schmerzen schnell abklingen. Bevor sie die Klinik verlässt, erhält sie den Rat, beim Hausarzt um einen Ultraschall des Bauchraums zu bitten.

Zum ersten Mal bei der neuen Hausärztin

Weil ihre langjährige Hausärztin zuvor ihre Praxis geschlossen hatte, geht die Frau mit dem Befund aus der Notaufnahme deshalb zu einer Ärztin, die erst seit Kurzem in der Nachbarschaft niedergelassen ist.

Diese fragt als Erstes, ob sie schwanger sei oder einen Kinderwunsch habe. Beides verneint die Patientin. Sie bejaht allerdings, dass sie in den vergangenen Tagen gestresst war: Ein möglicher Jobwechsel beschäftige sie, die Entscheidung falle ihr schwer.

Aufgrund dieser Angaben stellt die Ärztin schnell ihre Diagnose: "Sie wollen ein Kind", sagt sie der Patientin. Dass die Frau dies ausdrücklich und mehrmals verneint, lässt sie nicht gelten. Bauchschmerzen seien Kompromissschmerzen, sagt die Medizinerin. Sie habe den starken Verdacht, dass die Frau sich nicht selbst für die Kinderlosigkeit entschieden habe, sondern dazu gedrängt worden sei.

Als erste Therapiemaßnahme empfiehlt sie Besuche auf einem Spielplatz, wo die Patientin Mütter und Kinder betrachten könne, um zu sehen, wie wunderbar es sei, Kinder zu haben. Zusätzlich solle sie mit Müttern in ihrem Bekanntenkreis über deren Erfahrungen sprechen. Als zweite Therapiemaßnahme verschreibt sie ihr einige Stunden Psychotherapie.

Im Ultraschall entdeckt die Ärztin Zysten

Auf Bitten der in diesen Belangen uneinsichtigen Patientin nimmt sie noch den Ultraschall vor. Dabei sieht sie in beiden Nieren diverse Zysten und überweist zur Bestätigung an einen Urologen. Eine mögliche Erklärung für die Bauchschmerzen ist der Befund indes nicht.

In der folgenden Woche bekommt die Frau beim Facharzt eine Entwarnung: Keinerlei Anzeichen für Zysten in den Nieren, alles sieht gut aus. Der Urologe kann nicht erklären, wie seine Kollegin viele Zysten entdeckt haben will. Da die Patientin sehr schlank ist, ist im Ultraschall laut seiner Aussage alles sehr gut erkennbar. Eine Idee, was die Bauchschmerzen ausgelöst haben könnte, hat auch der Urologe nicht.

In den Monaten danach treten die Bauchschmerzen nicht wieder auf. Schwerwiegende Gründe für die plötzliche Schmerzattacke haben die Ärzte mit ihren Analysen weitgehend ausgeschlossen, das beruhigt die Frau. Sie hakt die einmaligen Beschwerden als rätselhaft ab. Und sucht sich eine neue Hausärztin.

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insgesamt 40 Beiträge
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Seite 1
kanadasirup 22.06.2015
1. Pups
Manchmal sitzt auch nur ein Furz quer wenn der Bauch weh tut. Die Hausärztin ist aber der Hammer. Kinderwunsch verursacht Bauchschmerzen und dann Psychotherapie. Wie kommt so jemand durchs Studium?
lolo.preussler 22.06.2015
2. Bei Verdauungsbeschwerden...
hätte man auf eine Hefe(über)Besiedlung also Candida tippen können. Man hat Schmerzen bei der Verdauung von Kohlehydraten außer bei Lactose. Viele Ärzte kennen das nicht, oder akzeptieren die Diagnose nicht, sondern verschreiben lieber Psychotherapie und schreiben ihren Patienten damit ab.
gumbofroehn 22.06.2015
3.
Zitat von kanadasirupManchmal sitzt auch nur ein Furz quer wenn der Bauch weh tut. Die Hausärztin ist aber der Hammer. Kinderwunsch verursacht Bauchschmerzen und dann Psychotherapie. Wie kommt so jemand durchs Studium?
Vermutlich genau so, wie der Internist in meinem Geburtsort, der bei allen möglichen Beschwerdebildern den Patienten die Bibel in die Hand drückt.
drzimmermann 22.06.2015
4. Facepalm
Eine Patientin kommt in die Notaufnahme mit Bauchschmerzen. Man nimmt ihr Blut ab und tastet den Bauch ab. Dann wartet man auf das Ergebnis aus dem Labor bevor man ihr krampflösende Medikamente gibt und schickt sie dann weg, ohne Ultraschall. Das kann ja dann die Hausärztin machen. Diese stellt dann in freudianischer Tradition den mittlerweile verschwundenen Schmerz gleich auf die Stufe eines nicht verwundenen inneren Konfliktes. Wenigstens macht sie dann einen Ultraschall. Wenn das wirklich so gewesen sein sollte, hat das Krankenhaus mehrere Kunstfehler begangen und die Hausärztin war wohl gerade auf einer Fortbildung zum Thema Psychsomatik. Genügend Kritikpunkte also aus professioneller Sicht. Als Laie kritisieren muss ich diesen "Qualitätsjournalismus". Quellenangabe? Fehlt. War es etwa die Apothekenumschau?
dergroßeradler 22.06.2015
5. Informationsgehalt?
Zitat: "In dieser Rubrik werden in der Regel medizinische Fälle vorgestellt, die in Fachzeitschriften publiziert wurden. Dort finden die Ärzte - mal schnell, mal langsam - mit ausgeklügelter Diagnostik heraus, was genau den Patienten fehlt. In der Praxis gibt es jedoch auch regelmäßig Fälle, die nie so ganz gelöst werden. Um so einen geht es dieses Mal." 1. Der oben zitierte Absatz liest sich, als fände in den Fachzeitschriften die diagnostische Annäherung statt, was ja nicht sein kann. Besser wäre: "Dort beschreiben Ärzte, wie sich den Fällen mit ausgeklügelter Diagnostik annähern ...." 2. Eingestandenermaßen bin ich Laie, dennoch sei die Frage erlaubt, was an dem hier geschilderten Fall "ausgeklügelte Diagnostik" sein soll. Blutwerte und Körpertemperatur bestimmen? Ultraschall des Bauchraumes bei krampfartigen Bauchschmerzen? Ein offensichtlich in die Irre führendes Gespräch bei der nicht zur Hausärztin gewordenen Ärztin? Ultraschall der Nieren zum Ausschluss einer Erkrankung/Zystenbildung dort? Ich hatte mir nach den ersten Zeilen einen Beitrag erhofft, der mir wenigstens etwas Stoff zum Nachdenken gibt, aber leider Fehlanzeige. Hier wurde pompös angekündigt, aber wenig geliefert.
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