World Health Summit in Berlin "Eine Menge Gerede, aber keine Handlung"

Was Davos für die Wirtschaft ist, soll Berlin für die Gesundheit sein. Rund tausend Teilnehmer diskutierten auf dem World Health Summit, wie man weltweit für eine bessere Medizin sorgen kann. Doch bisher mangelt es an internationalen Lösungsansätzen.

Ärzte in weißen Kitteln: Globale Gesundheitsprobleme wurden auf dem World Health Summit diskutiert
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Ärzte in weißen Kitteln: Globale Gesundheitsprobleme wurden auf dem World Health Summit diskutiert


Wie kann man die Gesundheitsversorgung weltweit verbessern? Auf der Suche nach Antworten auf diese Frage haben sich in den vergangenen drei Tagen auf dem World Health Summit in Berlin zahlreiche Vertreter aus Medizin, Politik und Wirtschaft getroffen. Im Zentrum des Gipfels für Gesundheit steht die Zusammenarbeit zwischen den Nationen sowie den verschiedenen Disziplinen.

Dass Gesundheitsforschung nicht nur wichtig für die eigene Branche ist, sondern auch für andere Bereiche wesentliche Beiträge leisten kann, zeigte etwa Gary Slutkin von der University of Illinois in Chicago. Der Epidemiologe ist Mitbegründer einer ungewöhnlichen Initiative zur Bekämpfung von Gewalt. Seine Grundthese: Gewalt kann als ansteckende Krankheit verstanden werden. Das hat tiefgreifende Folgen für die Prävention: "Der Faktor, der am stärksten darüber entscheidet, ob jemand gewalttätig wird, ist ob er selbst Gewalt erfahren hat", sagt Slutkin.

Gewalt ist demnach also ansteckend - und kann mit Strategien aus der Medizin bekämpft werden, so Slutkins Schlussfolgerung. In Chicago erzielte sein Ansatz bereits erste Erfolge: Wird dort jemand etwa mit einer Schusswunde in ein Krankenhaus eingeliefert, überprüft spezielles Personal, ob die Angehörigen möglicherweise Rache am Täter üben könnten und führt besänftigende Gespräche mit ihnen.

Gewalt ist ansteckend wie eine Krankheit

Die Sozialarbeiter behandeln Gewalt durchgängig wie eine Krankheit, auch was die Sprache angeht. Statt etwa "kriminell" sagen sie "betroffen". In einigen Vierteln führte die Methode bereits zur Verringerung von Gewalt. Mittlerweile nehmen auch andere Städte an der Initiative "Cure Violence" ("Heilt die Gewalt") teil.

Während die interdisziplinäre Arbeit offenbar Fortschritte macht, bemängeln Teilnehmer des World Health Summit, dass die internationale Kooperation hinterherhinkt. Dabei sind zahlreiche medizinische Probleme globaler Natur.

Wie etwa die zunehmende Resistenz von Bakterien gegen Antibiotika: Durch den unkontrollierten Einsatz der Wirkstoffe in einigen Regionen entstehen Keime, gegen die Antibiotika nichts mehr ausrichten können. In Israel etwa hatte man es in den letzten Jahren mit einem besonders tödlichen Krankheitserreger zu tun. 2005 wurden resistente Keime aus dem Ausland eingeschleppt, die dann in israelischen Krankenhäusern wüteten.

Die Behörden entwickelten einen aufwendigen Reaktionsplan, erzählt Mitchell Schwaber, Direktor des National Center for Infection Control in Tel Aviv. Betroffene sowie das behandelnde Personal wurden isoliert; seitdem werden zudem Menschen registriert, die die Keime übertragen. Müssen sie ins Krankenhaus, werden sie gesondert behandelt. "Versuchen Sie das nicht zu Hause", scherzt Schwaber. Besser sei es, für eine solche Krise vorbereitet zu sein - und Resistenzen vorzubeugen.

Neue Antibiotika sind vorerst nicht in Sicht

Doch auf neue Antibiotika zu hoffen, ist momentan kaum aussichtsreich. "Seit fünfzehn Jahren wurde keine neue Antibiotikaklasse entdeckt", sagt Otto Cars, Infektionsforscher von der Uppsala University. "Der Teufelskreis von Entwicklung, übermäßigem Einsatz und Resistenz, der funktioniert nicht mehr."

Eine möglicher Lösungsansatz sei es, den Einsatz von Antibiotika international stärker zu kontrollieren. Derzeit werden in vielen Ländern Antibiotika ohne Rezept verkauft und unsachgemäß etwa bei Erkältungen eingesetzt, sagt Cars. Man brauche eine neue Dimension von internationaler Zusammenarbeit, ähnlich den Bestrebungen in Sachen Klimawandel.

Doch viele Teilnehmer am World Health Summit bemängeln, dass globale Zusammenarbeit in der Medizin anderen Bereichen hinterherhinke. Dabei müsste es umgekehrt sein, sagt Detlev Ganten. Gesundheit solle wie ein Trojanisches Pferd eingesetzt werden, um in Krisenregionen auch andere Bereiche der Zivilgesellschaft voranzutreiben, sagt der Initiator des Gesundheitsgipfels.

Dieser findet mittlerweile zum fünften Mal statt. Ob die Initiative ein Erfolg gewesen sei, fragt sich Richard Horton, Chefredakteur des Medizinjournals "The Lancet", und zitiert dazu seine elfjährige Tochter, die er bereits öfter auf den Kongress mitgebracht habe. "Eine Menge Gerede, aber keine Handlung", sei die Antwort des Mädchens gewesen. Die Kritik scheint einen wunden Punkt zu treffen.

Hier träfen sich Menschen, die sich normalerweise nicht treffen, erwidert Ganten, das sei schon ein Erfolg an sich. Einig aber sind sich die Teilnehmer darin, dass mehr getan werden muss: "Einander Power-Point-Präsentationen zu zeigen", sagt Otto Cars, "das reicht nicht."



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insgesamt 5 Beiträge
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ReneMeinhardt 23.10.2013
1. Wenn irgendwann gar keine Antibiotika mehr
wirken, muss man anfangen mit Logik an die Medizin ranzugehen. Hoffentlich erlebe ich das noch in meinem Leben. ich fürchte nicht.
Niamey 23.10.2013
2. Geldverschwendung und Umweltverschmutzung
Zitat von sysopDPAWas Davos für die Wirtschaft ist, soll Berlin für die Gesundheit sein. Rund tausend Teilnehmer diskutierten auf dem World Health Summit, wie man weltweit für eine bessere Medizin sorgen kann. Doch bisher mangelt an internationalen Lösungsansätzen. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/world-health-summit-in-berlin-eine-menge-gerede-aber-keine-handlung-a-929626.html
Diese genazen Gipfel bringen rein gar nichts. Sie kosten ein Schwei.... Geld und verpesten die Umwelt weil zehntausende von Menschen im Zeitalter der Videokonferenzen sich um den Erdball wälzen. Davos, Cancun und Berlin, alles Müll!
badpritt 23.10.2013
3. Kirmes
Der WHS ist der Versuch der Großverdiener, ihre Einkommensquellen zu sichern. Keinerlei Grundverständnis von sozialen Ursachen, Lichtjahre von evidenzbasierter Praxis und besserer Organisation entfernt. Ganz alte Welt mit riesigem Brimborium. Peinlich
gesundheitsethiker 23.10.2013
4. Wo waren eigentlich die Patienten auf dem Gipfel
Solange die Patienten nicht als Partner und Handelnde in einen solchen Gipfel aktiv einbezogen werden, sind solche Gipfel eher zum Scheitern verurteilt.
tiansworld 24.10.2013
5. Ganz einfach...
Schon der gute alte amerikanische Landarzt A.T. Still, seines Zeichens Entdecker der (klassischen) Osteopathie hat es auf den Punkt gebracht: Wenn die Rahmenbedingungen eines Organismus stimmen heilt er sich von selbst. Und was sind die wichtigsten Rahmenbedingungen? Bildung, sauberes Wasser, gute Ernährung, ordentliche Schlafhygiene, ein ordentlicher Job und Respekt. DAS wäre eine Kausalbehandlung. Allerdings gibt es da nicht viel für die Medizinindustrie zu verdienen. Da schaut man dann doch lieber immer wieder auf die bösen, bösen 'Stressoren' (Bakterien) und wie man sie 'heroisch' bekämpfen kann. Schließlich gilt es einen (Halb)götterstatus aufrechtzuerhalten. Einige meine lieben Kollegen sollten - anstatt solche Selbstbeweihräucherungstreffen zu veranstalten - anfangen vom Sockel zu steigen und das zu tun, was wirklich nötig ist: Das System ändern! (z.B. die KV zu bekämpfen!)
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