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Debatte um OP-Zahlen: "Die Anspruchshaltung ist unglaublich gewachsen"

Sind die Patienten selbst schuld daran, dass in Deutschland immer mehr operiert wird? Der Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses fordert von den Bürgern ein Umdenken. Sie müssten akzeptieren, wenn Ärzte von einem Eingriff abraten.

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DPA

Skalpell beim Schnitt: "Weniger ist oft mehr!"

Berlin - Operieren Ärzte in Deutschland zu viel? Bei der Suche nach den Ursachen für die ständig steigenden Operationszahlen geraten jetzt die Patienten in die Kritik. Josef Hecken, Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), sieht die Bürger in der Pflicht, eine andere Haltung gegenüber ärztlichen Empfehlungen einzunehmen.

"Die Anspruchshaltung ist unglaublich gewachsen. Das muss man genau überprüfen", sagte Hecken der "Berliner Zeitung". "Aber es sind doch nicht immer die Krankenhäuser, die aus Geldgründen Eingriffe vornehmen wollen. Es sind häufig die Patienten, die Behandlungen einfordern. Viele halten doch ihren Arzt inzwischen für unfähig, wenn er von einem Eingriff abrät und einfach nur ein paar Tage Bettruhe verordnet. Häufig werden nur die Vorteile einer Behandlung gesehen und die Risiken völlig ausgeblendet. Da muss ein Umdenken stattfinden. Denn: Weniger ist oft mehr!"

Hecken ist als Vorsitzender des G-BA der Vertreter des obersten Gremiums der Selbstverwaltung von Ärzten und Krankenkassen im Gesundheitssystem.

Deutschland weltweit an der Spitze

Am Freitag war die Antwort der Bundesregierung (PDF hier) auf eine parlamentarische Anfrage der Linksfraktion (PDF hier) bekannt geworden, nach der die Zahl der Operationen in Deutschland seit 2005 um mehr als ein Viertel gestiegen ist. Demnach gab es im Jahr 2005 rund 12,13 Millionen Operationen. 2011 waren es bereits 15,37 Millionen. Gemessen an der Bevölkerungszahl liegt Deutschland damit weltweit an der Spitze.

Ärztepräsident Frank-Ulrich Montgomery vertrat die Meinung, aus den Statistiken lasse sich bestenfalls herauslesen, dass in Deutschland viel operiert werde - "aber nicht belegen, dass zu viel operiert wird". So sei der Anstieg der Rückenoperationen hoch, weil sie bis vor zehn Jahren noch kaum gemacht worden seien, sagte Montgomery den "Ruhr Nachrichten". Man könne aber nicht ausschließen, dass auch einmal ein Patient zu viel operiert werde, räumte er ein. "Es gibt Anreizsysteme, die nahelegen, dass auch aus ökonomischen Gründen operiert wird." Die Ärzte seien aber durch Qualitätskontrollen bemüht, dies zu verhindern.

Operationszahlen in Deutschland
Jahr Operationen
2005 12.129.075
2006 12.617.955
2007 13.288.291
2008 13.677.709
2009 14.360.493
2010 14.937.120
2011 15.373.497
Quelle: Statistisches Bundesamt, DRG-Statistik. Anzahl der Operationen nach Kapitel 5 des Operationen- und Prozedurenschlüssels (OPS) bei vollstationären Patientinnen und Patienten in Krankenhäusern; nach: Antwort der Bundesregierung auf Kleine Anfrage der Fraktion DIE LINKE (PDF).
Aus der Statistik sticht besonders die Zahl der Wirbelsäulen-OPs hervor: Dem Bericht zufolge hat sie sich in dem Zeitraum mehr als verdoppelt - von 326.962 auf 734.644. Ähnliche Statistiken hatte der AOK-Krankenhausreport Ende 2012 enthalten. Der AOK-Bericht war zu dem Fazit gekommen, dass ein großer Teil der Operationen offenbar ohne medizinische Notwendigkeit durchgeführt wird.

Die Linke führt die Entwicklung auf das deutsche Fallpauschalensystem und eine chronische Unterfinanzierung der Krankenhäuser zurück. "Da werden sinnlose Anreize zum Schneiden gesetzt, während die Mittel bei Heilung und Prävention fehlen."

Der CDU-Bundestagsabgeordnete und Gesundheitspolitiker Jens Spahn erklärte: "Ohne Zweifel wird in Deutschland mehr operiert als in anderen europäischen Ländern." Bis Jahresende wolle man aus einer Studie wissen, ob hierzulande zu viel operiert werde und, falls ja, warum. "Klar ist jedenfalls", so Spahn, "jeder muss sich darauf verlassen können, dass er nur operiert wird, weil es medizinisch nötig ist, und nicht, um den Umsatz zu steigern. Denn jede OP zu viel ist ein unnötiges Risiko für den Patienten."

SPD: Verpflichtende Zweitmeinungen

Der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Bundestag, Karl Lauterbach, sieht zwei Möglichkeiten, um die steigenden OP-Zahlen in den Griff zu bekommen: Er plädiert für eine verbindliche Zweitmeinung. Der Patient sollte in jedem Fall darüber informiert werden, dass er sich die Meinung eines zweiten Arztes einholen kann, ob die vorgeschlagene Operation wirklich sinnvoll ist. Diese Zweitmeinung soll es bei planbaren Eingriffen geben, etwa an Hüftgelenk, Knie oder Bandscheibe.

"Viele Ärzte haben Angst vor diesem Schritt", sagt Lauterbach, "sie argumentieren, es gebe nicht genug Mediziner, die das tun könnten." Das sei aber nicht der Fall. Ausschreiben könnte diese Leistung die jeweilige Krankenkasse. Jene Ärzte, die das zweite Gutachten erstellen, bekämen es vergütet. Unter dem Strich könnten so unnötige Eingriffe vermieden und Kosten eingespart werden.

Zudem sollten sich die Planungen der einzelnen Krankenhäuser stärker am Faktor Qualität orientieren, so Lauterbach. Die Praxis der Mengendeckelung mache dies unmöglich. Jede Klinik verhandelt mit den Krankenkassen ein Budget, das die Zahl der Operationen indirekt festlegt. Für mehr geleistete OPs erhält die Klinik nicht mehr den vollen Erlös.

"Bei Krankenhäusern, bei denen eine gute Qualität belegt ist, müsste diese Deckelung aufgehoben oder gelockert werden", so Lauterbach. Bei Häusern, die weniger gute Ergebnisse mit ihren Operationen erzielen, sollte die Deckelung strenger reguliert werden.

dba/dpa

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1.
bssh 26.08.2013
Es ist unglaublich, die Patienten für die Anzahl der Operationen verantwortlich zu machen. Ich möchte den sehen, der sich gerne operieren lässt.Diesen Herrn Hecken würde ich so schnell wie möglich feuern! Der Patient ist immer in der schlechteren Position. Er ist krank und möchtegeholfen werden. Wie das am besten geschehen kann, kann er nicht oder nur unzureichend beurteilen. Sicherlich erwarten viele ein Rezept so als Zeichen, dass ihnen geholfen wird. Das ist sicherlich eine falsche Entwicklung, aber dass jemand nach einer OP schreit, das habe ich noch nie gehört. Ganz im Gegenteil: viele zögern notwendige Operationen hinaus, aus Angst oder Unwissenheit. In der Regel ist es so, dass jemand zum Arzt geht, ihm zur OP geraten wird. Dann sitzt man da, weiß nicht, ob der Arzt nur verdienen will, was in der heutigen IGEL-Zeit leider zu oft geschieht, oder ob es wirklich nötig ist. Wie soll der Patient das beurteilen können? Vernünftigerweise holt man sich dann eine zweite Meinung an und entscheidet dann. Aber es so zu drehen, als ob der Paient so gerne operiert werden will und den Arzt dazu drängt: das ist eine Unverschämtheit. Außerdem wäre ein Arzt, der sich zu einer unnötigen OP drängen ließe ein sehr schlechter Arzt!
2. Arbeitsdruck als mögliche Ursache
harwin 26.08.2013
Ich vermute das viele Arbeitnehmer wenn sie Schmerzen haben oft eher zur Operation neigen, weil sie Druck haben wieder in der Arbeit funktionieren zu müssen. Sie erhoffen sich eine schnellere Beschwerdefreiheit.
3. OP als Heilsbringer
aus_dem_off 26.08.2013
naja, die Mentalität `da hole ich mir ein neues Kniegelenk/neue Hüfte´gibt es schon, wenn man sich in den richtigen Altersgruppen umhört und dem Beheben von Rückenproblemen mit Gymnastik, Geduld und den richtigen Bewegungsabläufen wird oft auch die Operation vorgezogen (sei es vom Arzt oder Patienten)
4. Leider immer richtiger....
areyoushure? 26.08.2013
Es kommt in den Fächern, in denen eine Operation "drohen" könnte heutzutage in den Praxen immer häufiger vor, dass Patienten durch das Netz vorinformiert, mit einer vorgefassten Meinung über Ihre Diagnose und deren korrekter Therapie zum Arzt gehen. Sollte dieser nicht der gleichen Meinung sein, wird ein neuer Arzt gesucht. Dieses Spielchen wiederholt sich in vielen Fällen, bis endlich jemand entnervt den Wünschen nachkommt oder jemand der gleichen Meinung wie der Patient ist. Für Laien kaum vorzustellen, aber täglich gesehenes Verhalten!
5. Gewonnen!
a.b. surd 26.08.2013
Meine Wette war, dass es in kürzester Zeit jemanden geben wird, der die Verantwortung mal wieder an die weiter gibt, die unter den Problemen leiden. Also: gewonnen! Natürlich gibt es (relative wenige) Menschen, die eigentlich unnötige Behandlungen einfordern und sich auch von Ärzten nicht davon abraten lassen. Aber einmal abgesehen davon, dass das wohl die wenigsten sind, ist das auch überhaupt kein Wunder. Denn erst wird das Volk mit unrealistisch optimistischen Infos derart verarscht, dass sich daraus genau diese Haltung ergibt, und dann sind die so manipulierten plötzlich die Täter. Gleiches erleben wir beim Problem der Mehrfachjobs: Erst versäumen es Regierungen jeder Coleur über jahrzehnte, einen angemessenen Mindestlohn durchzusetzen, und dann erklären sie Mehrfachbeschäftigungen mit gesteigerter Konsumlust. Was daraus spricht, ist für mich nur mit den Worten "Verantwortungsdiffusion", "Arroganz" und "Unverschämtheit" zu beschreiben. Die Tendenz zu vermehrt unnötigen und zweifelhaften Operationen wurde schon vor über 20 Jahren beklagt. Was geschah: Nicht nur nichts, sondern die systematische Umgestaltung des Gesundheitssystems in ein profitorientiertes Unternehmen, in dem sich Beratung nicht mehr lohnt. Einfach mal die Klappe halten, wenn man´s mitgetragen hat, anstatt solche Unverschämtheiten von sich zu geben. Der G-BA hat die Fehlentwicklung der Honorierungen mitgetragen. Das sind die Geister, die man rief!
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