Zahnerosion Die Obstfalle

Früher empfahlen Zahnärzte: "nach jedem Essen Zähne putzen". Dieser lange Zeit gültige Rat kann für Obstliebhaber fatale Folgen haben. Kolumnist Frederik Jötten machte eine schmerzhafte Erfahrung.

Obst zum Nachtisch: Die Fruchtsäure aus Weintrauben, Orangen und Co. sollte man nicht in das Zahnfleisch einarbeiten
Corbis

Obst zum Nachtisch: Die Fruchtsäure aus Weintrauben, Orangen und Co. sollte man nicht in das Zahnfleisch einarbeiten


Gesund leben zu wollen, kann sehr ungesund sein. Ich bin aufgewachsen mit dem Slogan: "Nach jedem Essen Zähne putzen" und habe mich daran gehalten - bis vor ein paar Jahren. Als Schüler verschwand ich mit der Zahnbürste auf dem Schulklo, als Zivi auf der Diensttoilette. Es gibt sogar ein Foto, das beweist, dass ich mir in einem Überlandbus in Costa Rica die Zähne putzte (man konnte die Fenster öffnen, sodass ich ausspülen und rausspucken konnte). Es erschien mir wichtig, dass ich sofort nach dem Essen putzte, um den fiesen Karies-Bakterien keine Chance zu geben, meine Zähne anzugreifen.

Leider gab es da aber noch den anderen Gesundheitstipp, möglichst viel Obst zu essen. Auch diesbezüglich war ich sehr strebsam und aß vor oder nach jeder Mahlzeit mindestens eine Portion Obst - Orangen, Äpfel, Erdbeeren, alles was das saisonale Angebot hergab. Während des Studiums war ich dann ein paar Jahre nicht beim Zahnarzt. Bei meinem ersten Termin danach fand sich trotz meiner, wie ich dachte, vorbildlichen Zahnpflege an mehreren Stellen Karies. Außerdem waren die Zähne sehr empfindlich geworden - sie schmerzten bei heißen und kalten Getränken, bei süßen und sauren.

Zu viel des Guten

Erst später fand ich raus, dass sich die beiden Gesundheitstipps "nach jedem Essen Zähne putzen" und "bei jeder Mahlzeit Obst" nicht besonders gut vertragen hatten. Die Fruchtsäure hatte den Zahnschmelz aufgeweicht, und ich hatte ihn mir unmittelbar danach mit der Zahnbürste herunter gerieben. Damit war das Gegenteil von dem eingetreten, was ich bezweckt hatte - meine Zähne gesund zu halten. Inzwischen lautet die Empfehlung der Zahnärzte anders - statt nach jedem Essen heißt es jetzt: "Morgens und abends Zähne putzen."

Seitdem ich das mache und zwischen Obstverzehr und Zähneputzen mindestens eine halbe Stunde Zeit vergehen lasse, hatte ich kein Karies mehr - und meine Zähne reagieren auch nicht mehr empfindlich auf heiße und kalte Getränke.

Strategien gegen die Fruchtsäure

Viel Obst esse ich immer noch - dieser Gesundheitsratschlag erscheint mir über jeden Zweifel erhaben zu sein. Außerdem schmeckt es mir auch. Was tun, um die Zähne zu schonen? Ich habe gelesen, dass sich säurehaltige Lebensmittel neutralisieren lassen, wenn man direkt dazu etwas Neutralisierendes zu sich nimmt. Seitdem versuche ich zum Beispiel, bei Orangen parallel ein Glas Milch zu trinken. Nicht ganz einfach, gleichzeitig Flüssigkeit und feste Nahrung im Mund zu verarbeiten. Aber was soll ich machen? Ich kann es mir nicht leisten, noch mehr Zahnsubstanz zu verlieren! Und angeblich hilft es kaum noch, wenn man die Milch erst nach dem Verzehr des Obstes trinkt.

Zusätzlich kaue ich nach jedem Essen Kaugummi (natürlich zuckerfrei) - er regt den Speichelfluss an, der dem Zahnschmelz wieder Mineralien zuführt. Ich hoffe nur, dass nicht bald rauskommt, dass Kaugummis schädlich sind, sonst habe ich ein Problem.

ZAHNPUTZSTRATEGIEN - FRAGEN AN DEN EXPERTEN

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insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
ridgleylisp 26.09.2014
1. Die einfachste Methode!
Ich haben mir angewöhnt meinen süßen "Nachtisch" zuerst zu essen, weil ja gerade die Süße für die Zähne das Nachteiligste ist. Das stößt manchmal gesellschaftlich auf Verwunderung - dafür habe ich aber jetzt auch 90% weniger Zahnprobleme!
wolke4 26.09.2014
2. Obst ist kein Gemüse
Obst ist gesund, aber man soll nicht den ganzen Tag Obst essen. Obst enthält nicht nur Fruchtsäure sondern auch reichlich Fruchtzucker. Viel Gemüse, abwechselnd von verschiedenen Sorten und ein wenig Obst am Tag, das ist die optimale Mischung.
ruhepuls 26.09.2014
3. Viel Obst ist keineswegs gesund
Zwar wird immer empfohlen, viel Obst und Gemüse zu essen, aber es zeigt sich immer mehr, dass es das Gemüse ist und nicht das Obst, das besondere gesundheitliche Vorteile hat. Das auch damit zu tun, dass heutige Obstsorten auf Süße gezüchtet sind. Und Süße bedeutet nun mal (Frucht-)zucker. Fruktose fördert nicht nur Karies, sondern auch die Einlagerung von Fetten in der Leber. Außerdem ist er natürlich auch eine Kalorienbombe.
karschmi 26.09.2014
4. Ohne Kariesbakterien gibt es auch kein Karies
Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass Zucker bzw. mangelndes Zähneputzen automatisch zu Karies bzw. Löchern in den Zähnen oder Zahnverlust führt. Sofern sich keine entsprechenden Bakterien im Mund befinden, kommt es nicht zu Karies oder Parodontose. In manchem Mundmillieu haben diese Bakterien keine Überlebenschance. Zudem ist Karies eine Infektionskrankheit, die per Speichel übertragen wird. Man wird nicht damit geboren. In der Regel erbt man es als Kind über den Löffel, den Mutti abgeschleckt hat, oder irgendwann beim Küssen.
Herr Hold 26.09.2014
5. Richtig
Ich öffne nicht nur Nußschalen, sondern drehe auch Schrauben damit ein, ziehe Nägel aus der Wand etc. Macht den Zähnen nichts aus.
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