Zähneknirschen Flachland im Mund

Woher kommen die abradierten Zahnhöcker? Kolumnist Frederik Jötten hat noch nie mitbekommen, dass er nachts mit den Zähnen knirscht. Da hilft nur eins: Videoüberwachung!

Viele Menschen knirschen nur nachts während des Schlafes
Corbis

Viele Menschen knirschen nur nachts während des Schlafes


Seit Jahren streite ich mit meinem Zahnarzt. Er behauptet, dass ich mit den Zähnen knirsche. Gehört hat er das natürlich noch nie - er meint, ich mache das im Schlaf. Allerdings hat noch kein Mensch, mit dem ich je das Bett geteilt hätte, etwas davon mitbekommen. Deshalb glaube ich ihm nicht so recht. Vielleicht sind die Knirsch-Schienen, die Zahnärzte in meinem Freundeskreis häufig verschreiben, vor allem eine gute Einnahme-Quelle?

Andererseits hat mein Zahnarzt durchaus Argumente. Bei unserer ersten Diskussion zu dem Thema zeigte er mir ein Gebiss-Modell aus Kunststoff, auf dem jeder Zahn Höcker hatte. Dann gab er mir einen Spiegel: Auf meinen Zahnreihen herrschte Flachland. "Sie haben die Höcker durch das Reiben der Zähne abradiert", sagte er.

Ein harter Schlag für jemanden, der alles tut für seine Zähne - Zahnseide, Fluoridgel, Mineralisierungspausen für die Zähne zwischen dem Essen, professionelle Zahnreinigung. Natürlich sagte ich Ja zur Knirsch-Schiene aus durchsichtigem Kunststoff. Wenn ich seitdem "Gute Nacht" sage, lispele ich - zum Glück kam es meistens gelispelt zurück, denn die Frauen, mit denen ich seitdem liiert war, hatten ebenfalls Knirsch-Schienen.

Keinerlei Bewegungen, keinerlei Geräusch

Es ist der Abend vor der nächsten Kontrolluntersuchung. Ich will mir neue Argumente für den Streit mit dem Zahnarzt verschaffen, die "Knirschtheorie" kann mich einfach nicht überzeugen. Also baue ich neben meinem Bett die Video-Kamera auf. Ich lasse das Licht an und drücke ich auf "Record", bevor ich die Schlafbrille aufsetze.

Der nächste Morgen, Film ab. Ein seltsamer Typ trinkt einen letzten Schluck Wasser und legt sich dann schlafen. Durch Jahrzehnte Krimi schauen, denke ich sofort: "Ohoh - da passiert gleich was Schlimmes, gleich steht jemand in der Tür…." Aber nein, der Typ schläft einfach. Manchmal dreht er sich von der einen auf die andere Seite. Wahnsinn, wie viel Zeit in der Nacht, im ganzen Leben einfach nichts passiert. Vor allem passiert aber nichts an meinem Kiefer: keinerlei Bewegungen, kein Geräusch. Das wird ein Triumph, wenn ich meinen Zahnarzt widerlege!

Eine halbe Stunde später begrüßt er mich mit den Worten. "Und, wie geht es Ihrer Knirsch-Schiene - schon total durchgekaut?"

"Sie sagen immer, dass ich knirsche - aber niemand hat das bestätigen können…"

"Wer ist dieser Niemand?"

"Freundinnen, mit denen ich das Bett teilte, Freunde, mit denen ich in einem Zelt geschlafen habe."

"Es kann sein, dass ihre Mitmenschen das nicht mitbekommen, weil sie heimlich knirschen - so." Er reibt mit geschlossenem Mund die Zähne aneinander, man hört nichts.

Nur vom Vater übertrumpft

"Wenn ich es Ihnen sage: Nach meinem Vater sind Sie einer meiner aktivsten Knirscher", sagt er. "Er behauptet auch, er knirscht nicht. Ich habe ihm vor vier Wochen eine Titan-Krone eingesetzt - das härteste Material, das es gibt. Er hat sie schon zerkaut, am Samstag muss ich sie erneuern."

"Könnte es nicht sein, dass meine Höcker so abgerieben sind, weil ich mir zu häufig und zu heftig die Zähne putze? Immerhin putze ich sie mir viermal am Tag."

"Die Zahnhälse könnten Sie damit abradieren, aber nicht die Kauflächen. 100 Prozent - Sie knirschen."

Was soll man da noch sagen? Ich bin der lautlose Knirschmagier - ich gehe zum Zirkus!

Mein Zahnarzt erzählt mir, dass ich durch das Knirschen laufend Zahnsubstanz verliere. Vielleicht passiert es auch am Tag, unbewusst, ohne dass ich es merke?

Ich bräuchte einen Sensor im Mund, der ständig meinen Kauflächendruck misst, dann könnte man rausfinden, was wann passiert und gegensteuern. Bis es so etwas gibt, lispele ich auch tagsüber. Ich gehe jetzt keinen Meter mehr ohne Schiene.

ZÄHNEKNIRSCHEN - FRAGEN AN DEN EXPERTEN



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insgesamt 7 Beiträge
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adrianow 14.05.2015
1. Kopfschmerz bei Knirschern
Durch das nächtliche Knirschen kann es sein, das die Kiefergelenksmuskulatur Spannungskopfschmerzen verursacht. Die Kieferm. ist teilweise mit dem 1.Halswirbel verbunden. Dieser wiederum ist Ursprung von verschiedenen Nackenmuskeln. Also bei Kopfschmerzen vielleicht mal zu einem Physiotherapeuten gehen. Dieser Befundet die Kiefermechanik. Nicht nur den Abrieb der Zähne etc. Beste Grüße Adriano
pepe-b 14.05.2015
2. So ein Zufall
Dass es gerade jetzt diesen Artikel gibt, da bei mir erst vor nicht mal einer Woche dieses Problem festgestellt wurde. Leider fokussiert er sich aufs Knirschen. Ich knirsche nämlich nicht, aber ich "presse", sogar tagsüber unbewusst. Das hat zu massiven Verspannungen im Kiefer geführt, die sich dann in heftigen vermeintlichen Ohrenschmerzen geäußert haben. Der HNO fand nix, der Zahnarzt auch nicht. Der äußerte allerdings den Verdacht des "Pressens", empfahl mir einige Lockerungsübungen und gab mir eine provisorische Beißschiene zum Testen. Bereits einen Tag später war ich die vermeintlichen Ohrenschmerzen los! Will sagen: man muss nicht unbedingt knirschen...
tomcek123 14.05.2015
3. Lippenknabbern
Mir hat man auch versichert, ich würde knirschen. Meine Theorie, meine abradierten Schneidezähne würden vom jahrzehntelangen Lippenknabbern kommen, fand mein Zahnarzt jedoch auch interessant. Das klassische Knirschen entspricht meiner Meinung nach eher dem Pressen und belastet kaum die vorderen Zähne, jedoch alles andere (wie weiter oben schon erwähnt).
Immerandersdenker 14.05.2015
4. Seit Jahren mit Schiene
Ich trage so eine Aufbisschiene gezwungenermaßen bereits seit vielen Jahren und bin nun 29. Auch mit Schiene habe ich Verspannungen, Kiefer- und Nackenschmerzen, aber immerhin zerstöre ich nicht mehr meine Zähne. Als zuletzt die Schiene "aufgebaut" wurde (was bedeutet sie wurde obenauf erweitert, um nun auch das Hin- und Herbewegen des Kiefers komplett zu unterbinden), hatte ich diesen Aufbau bereits nach 1 bis 2 Wochen zerkaut. Nun wurde sie bereits ein zweites Mal aufgebaut und es scheint bisher zu halten. Meine Kiefergelenke kann ich damit aber nicht entlasten. Vor 15 bis 20 Jahren hatte ich die ersten Beschwerden, ein kieseliges Geräusch im rechten Kiefergelenk. Früher trug ich eine Zahnspange und bilde mir ein, dass damit alles angefangen hat. Mit der Zeit kamen Verspannungen, Kiefergelenkschmerzen, Ohrgeräusche und morgendlicher Überbiss (auch oder vor allem mit getragener Schiene) hinzu. Jeweils wurden diese Beschwerden schlimmer, wenn ich die Schiene mal einige Tage lang nicht benutzte. Auch ich habe mich eine Nacht lang gefilmt und im Video dann nur selten sehr subtile Kieferbewegungen feststellen könnten, die dafür aber anscheinend sehr kräftig sind. Personen die neben mir schlafen bestätigen mir die Heftigkeit meines Zähneknirschens. Eine meinte sogar mal, ich würde mit offenen Augen schlafen, was mich sehr beunruhigt hat. Ich habe bereits öfter über einen Besuch im Schlaflabor nachgedacht, denn normal ist all das sicherlich nicht mehr.
Klaus die Maus 14.05.2015
5. ein Klischee ist nicht tot zu kriegen
"Vielleicht sind die Knirsch-Schienen, (...), vor allem eine gute Einnahme-Quelle?" So ein Quatsch. Vielleicht sollte der Autor einmal einen Zahnarzt fragen, was eine Schiene kostet und was er daran verdient. Nicht zu vergessen, dass noch Angestellte, Miete, Einrichtung, Strom und Wasser für die Praxis bezahlt werden müssen. Wenn ich mir dann momentan anschaue, was Menschen ohne oder mit nur sehr kurzen Studium als Kindergärtner verdienen, dann frage ich mich, warum junge Menschen sich überhaupt noch auf ein so langes und kostspieliges Zahnmedizinstudium einlassen!
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