Bleaching ist für die Zähne das, was der Wasserstoff für die unechte Blondine ist. Am Ende soll hell werden, was vorher dunkel war. Einziger Unterschied: Wasserstoffblondinen handeln gegen ihre Gene, Zahnbleicher gegen ihre schlechten Angewohnheiten. Rauchen, Schokolade, Kaffee, Tee oder Putzfaulheit - all das hinterlässt hässliche Zeugnisse in unseren Mündern. Bei jedem Lächeln werden sie enthüllt. Und irgendwann lächelt niemand mehr zurück.
Hauptverdunkler in meinem Fall ist Kaffee. Circa ein Liter täglich. Sie sagen, wozu brauchst Du Wasserstoff? Trink doch einfach weniger Kaffee! Würde ich tun, aber mein Großhirn und mein Kreislauf fahren ohne 0,5 Liter Espresso morgens nicht richtig hoch.
Man hat die Wahl: Entweder man geht zum Zahnarzt, das kostet in der Regel dreistellige Beträge, natürlich versprechen die, dass die Zähne danach genauso weiß sind wie ihre Kittel (siehe Interview). Die Do-it-yourself-Variante ist weitaus günstiger: Man pappt sich selbst wasserstoffperoxidgetränkte Zahnweißer-Streifen, sogenannte Bleaching-Strips, auf die Zähne. 30 Euro kostet eine Packung. Das ist ein Angebot, das ich nicht ablehnen kann.
In dem knallig aufgemachten Pappkarton befinden sich zwei Fächer, gefüllt mit den in Plastik eingeschweißten Strips. Links "oben", rechts "unten". Morgens und abends sollen die Strips für jeweils 30 Minuten auf die Zähne, 14 Tage lang. Wichtig: Morgens soll der Strip noch vor dem Zähneputzen drauf. Vor dem Zähneputzen? Wie unlogisch. Ich entschließe mich aber dennoch, die Anweisungen minutiös zu befolgen.
Nur der sichtbare Teil der Zähne wird gebleicht
Einfach ist die Applikation der Strips nicht. Die Dinger sind vorgestanzt wie ein Aufkleber. Man muss die kleine, labbrige Folie mit dem Wasserstoffperoxidgel aus der Umrahmung lösen, dann auf die Zähne legen und dann nach hinten umklappen. Das Ganze ist in etwa so stabil und griffig wie Milchhaut mit Uhu drauf. Sind die Strips dann endlich im Mund fühlt man sich wie Marlon Brando in "Der Pate". Mit Wattebäuschen in den Backen spielte er den Vito Corleone.
Allerdings sollten Sie dann nicht Sachen sagen wie "Ich mache ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen kann", sondern am besten die Klappe halten, sonst verrutschen die Strips. Speichel zu produzieren ist auch wenig hilfreich. Sie werden allerdings feststellen, dass man ausgerechnet immer dann am meisten Speichel produziert, wenn man sich das Gegenteil vornimmt. Dem ungeübten Bleacher können noch mehr Fehler unterlaufen. Es werden nämlich nicht etwa die kompletten Zahnreihen von den Strips abgedeckt, sondern nur die vorderen Zähne, die man beim Lächeln sieht. Man hat also pro Strip jede Menge Ausschuss, vor allem bei den Unterkiefer-Streifen, wo man etwa die Hälfte des Strips wegschmeißt. Davon aber kein Wort in der Anleitung.
Hier zeigt sich der so häufig beschworene Mentalitätsunterschied zwischen Deutschen und Amerikanern. Die Zahn-Bleaching-Strips sollen nur die Lächelzähne weißen. Jenseits des Atlantiks interessiert es kein Schwein, wie die Prämolaren und Molaren aussehen, Hauptsache Sie legen ein blendend weißes Fotolächeln hin. Ich in meiner deutscheffizienten Art kam bei meinem ersten Home-Bleaching auf die Idee, mir auch die eigentlich wegzuwerfenden Ausschuss-Rahmungen auf die Unterkiefer-Zähne zu pappen. Die Folge: zusammengeklumpte Milchhautfolie im Mund, verriebener Wasserstoff-Uhu und jede Menge verbotener Speichelfluss.
Wer hat schon 30 Minuten Zeit morgens vor der Arbeit ?
Das zunächst als unbedeutend erscheinende Detail, vor dem Zähneputzen den Morgen-Strip einzusetzen, erweist sich übrigens als logistische Herausforderung. Denn morgens brauche ich ja erst mal 0,5 Liter Espresso. Und danach mein Müsli. Und dann muss ich zur Arbeit. Da zählt jede Minute, 30 davon habe ich einfach nicht übrig. Einzige Möglichkeit: rein mit den Dingern und dann ab zur Arbeit. Prinzipiell kein Problem, auf dem Rad rede ich ja sowieso mit niemandem, außer, wenn ich mal einen Autofahrer anschreien muss - aber genaue Artikulation ist da nicht entscheidend. Nur am Ziel wird's heikel: Dann müssen die Dinger raus und danach muss ich bei der Arbeit auch noch Zähneputzen. Wie stellt man das nur möglichst unauffällig an?
Die Strips ziehe ich mit einem Taschentuch schon auf der Straße raus, im Büro stürme ich direkt aufs Klo. Dort schließe ich mich in der Kabine ein. Die Putzgeräusche übertöne ich mit permanentem Ziehen der Klospülung. Das geht zehn Tage lang gut. Doch dann erwischt mich eine Kollegin mit der Zahnbürste und der Zahnpastatube in meiner hinteren Hosentasche und stellt mich zur Rede:
"Putzt Du Dir denn nicht zu Hause die Zähne?" (ungläubiges Gesicht)
"Doch, eigentlich schon, aber manchmal bin ich einfach sehr spät dran", lüge ich (noch ungläubigeres Gesicht. Pause.)
"Hm, das finde ich jetzt aber schon etwas strange."
Ich sage nichts mehr, weil sie eigentlich recht hat und gehe schnell auf meinen Platz zurück.
Zum Glück ist der Abend-Strip weitaus weniger heikel. Nur dass meiner Freundin gar nicht auffällt, dass ich ihr nur noch sehr einsilbig antworte, gibt mir dann doch etwas zu denken.
Lesen Sie im Experten-Interview, was man über Zahnbleaching wissen sollte.
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