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Zahnimplantat-Pannen: Schrauben schief, Geld futsch

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Implantate: Der teure Zahnersatz Fotos
Dr. med. Thomas Barth, Dentale Leipzig

Implantate bieten viele Vorteile. Doch falsch positionierte Schrauben im Kiefer können Patienten finanziell und gesundheitlich ruinieren. Drei Fälle, drei Leidensgeschichten - und Tipps für eine seriöse Planung.

Erst kommen Schrauben in den Kiefer, dann werden daran die künstlichen Zähne befestigt: 34.000 Euro hatte der Zahnarzt gesagt, sollten die Implantate angeblich kosten, die Paul D. sich 2009 in Hannover einsetzen ließ. Für die Aussicht auf schöne Zähne kratzte er die Familienersparnisse zusammen.

Doch die Behandlung geriet gesundheitlich und finanziell zum Fiasko. Gleich 20 der künstlichen Zahnwurzeln bohrte der Zahnarzt in den Kiefer, viel zu viele und laut Sachverständigengutachten in viel zu kurzer Zeit. Bei 16 entzündete sich das Gewebe, sie mussten wieder raus. Auch der Kostenvoranschlag, laut D. erst Wochen nach Behandlungsbeginn verschickt, war ein Schock: "74.000 Euro nur für die Implantate und das Provisorium."

Paul D. hatte sich keine zweite fachliche Meinung eingeholt, keinen Rat von der Krankenkasse. Die Abrechnungsgesellschaft des Zahnarztes verklagte ihn, weil er so viel Geld nicht hatte, das Verfahren endete mit einem Vergleich. Paul D. lebt nun von Hartz IV. Er könne, sagt er, nicht mehr arbeiten und nur Püriertes essen.

Titanschraube im Kiefer

In der Werbung werden Implantate als perfekter Zahnersatz angepriesen. Auf den im Kiefer sitzenden Titanschrauben lassen sich künstliche Zahnkronen, aber auch Brücken oder Prothesen befestigen. Gesunde Nachbarzähne müssen nicht beschliffen werden, und da die Schraube in den Knochen einwächst, fühlt sich der Zahnersatz fast wie ein echter Zahn an. Doch es gibt auch Nachteile: Implantate sind teuer und erfordern einen chirurgischen Eingriff mit Risiken. Laut Bundeszahnärztekammer kann der Nerv im Unterkiefer verletzt werden, im Oberkiefer die Nasen- oder Kieferhöhle.

Das widerfuhr Oliver S. Er flog für preiswerte Implantate nach Ungarn. 14 Schrauben bohrte man in seinen zahnlosen Kiefer - zehn oben und vier unten. Eine ragt in die Kieferhöhle, mehrere in die Nase und in die Nasennebenhöhle. Zwei weitere drücken auf den Unterkiefernerv - siehe folgendes Foto:

Röntgenbild des Kiefers von Oliver S: Fehlpositionierung mehrerer Implantate Zur Großansicht
Bonsmann

Röntgenbild des Kiefers von Oliver S: Fehlpositionierung mehrerer Implantate

Oliver S. hatte danach starke Schmerzen, konnte kaum essen. Nur die Hälfte der Implantate hat er noch, und auch die müssen alle raus. Bezahlt hat er 15.000 Euro, inklusive Prothesen. Das ist günstig. In Deutschland kostet ein Implantat samt Zahnersatz meist mindestens 2.000 Euro. Die Kosten für Operation, Labor, und Material variieren je nach Anzahl, Aufwand und gewähltem Modell. Implantate sind eine Privatleistung. Nur für den Zahnersatz zahlen die Krankenkassen einen Festzuschuss.

Auch bei Josef B. ging es schief. In einer Sitzung zog sein badischer Zahnarzt ihm mehrere Zähne, machte Knochenaufbau, setzte vier Implantate und fügte ein Provisorium ein, das aber nach wenigen Stunden brach. Ein Gutachter stellte 2013 fest, dass die Implantate in ein stark parodontal geschädigtes Gebiss eingesetzt worden waren.

Hohes Entzündungsrisiko

Drei Fälle von eklatanter Fehlbehandlung - drei Leidensgeschichten. Wie oft beim Setzen von Implantaten etwas schiefgeht, kann niemand genau sagen. Zwar ist die Therapieform hierzulande seit 30 Jahren anerkannt. Doch weder das Einsetzen noch ein Verlust werden systematisch erfasst.

Nimmt man die Verkaufszahlen der Industrie als Basis, kommen Patienten in Deutschland auf rund eine Million Implantate pro Jahr. Verloren gehen jedes Jahr vermutlich mehr als 140.000, schätzt Wilfried Wagner von der Uniklinik Mainz. Dies gelte aber für alle Implantate und nicht nur für neu gesetzte. "Man darf heute davon ausgehen, dass im ersten Jahr nach der Implantation zwei bis drei Prozent verloren gehen oder entfernt werden müssen, nach fünf Jahren etwa fünf Prozent und nach zehn Jahren etwa zehn Prozent."

Fehler in Diagnostik und Planung

Was Gutachter wie den Kieferchirurgen Martin Bonsmann stört, sind die "vermeidbaren Katastrophen", verursacht durch handwerkliche Fehler. Zu viele Implantate auf einmal, zu tief, zu weit vorn oder mit falschem Abstand zu den Nachbarzähnen gesetzt, was Zahnersatz unmöglich macht oder den Kieferknochen zerstört. Ursachen dafür sind Fehler in Diagnostik, Planung oder bei der OP.

Gründe können aber auch beim Patienten liegen. Bei mangelnder Mundhygiene drohen Entzündungen (Periimplantitis) an den Implantaten. Hans-Joachim Nickenig, leitender Oberarzt der Uniklinik Köln, wirbt seit Jahren für eine Risikoanalyse. Vorsicht sei ebenso angebracht bei Vorerkrankungen wie Diabetes oder Parodontitis, wenig Kieferknochen und starkem Nikotinkonsum. "Dann sollten Implantate nur vom Spezialisten oder gar nicht gesetzt werden."

Welcher Zahnarzt dieses Handwerk gut versteht, ist für Patienten jedoch schwer zu erkennen. Jeder Zahnarzt darf Implantate setzen, der Begriff "Implantologe" ist nicht geschützt, und Zertifikate sind ebenso zahlreich wie unterschiedlich. "Es bedarf mehr als nur ein Loch zu bohren", sagt Karl-Ludwig Ackermann, Lehrer innerhalb der Fortbildungsprogramme der Deutschen Gesellschaft für Implantologie. "Man muss Chirurgie verstehen, Parodontologie und Zahnersatzkunde. Manchmal kann eine nicht-implantologische Lösung sinnvoller und weniger risikobehaftet sein."

Was vor der OP zu beachten ist - Tipps für Patienten
Vier- bis fünfstellig sind meist die Kosten, die Patienten für Implantate zahlen. Es gibt zwar für gesetzlich Versicherte einen Festzuschuss, aber da Implantate als "andersartige Versorgung" gelten, wird der gesamte Eingriff nach der privaten Gebührenordnung (GOZ) abgerechnet. Je nach Aufwand und Schwierigkeitsgrad kann der Zahnarzt einen Steigerungssatz festlegen. Auch deshalb lohnt sich ein Preisvergleich.

Behandlungen im Ausland bergen das große Risiko, dass Patienten bei Fehlern keine Unterstützung erhalten. "Auf jeden Fall sollte man den ausländischen Heil- und Kostenplan vorher bei seiner Krankenkasse einreichen", sagt Christine Heyner von der Unabhängigen Patientenberatung (UPD). "Genehmigt die Kasse den Plan, erhält der Patient auch bei Auslandsbehandlung den Festzuschuss." Zwar nicht fürs Implantat, aber für den eigentlichen Zahnersatz, genannt Suprakonstruktion.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 64 Beiträge
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1. Forever Young
bohrendeworte 22.09.2015
Mmmh. Also ich habe regelmäßig Patientinnen und Patienten, die mir sagen, ich solle "ruhig eine teure Rechnung schreiben", weil die Angehörigen sowieso nur auf das Ableben warteten. Da bieten doch übertriebene und überkonstruierte Implantatarbeiten eine echte Lösung. Bei uns Zahnärzten bekommen die Menschen Zuwendung und Freundlichkeit. Sie wollen das verhindern? Kein Problem: Seien Sie doch einfach freundlich zu Ihren Eltern und Großeltern - dann wird das Geld nicht fünfstellig für Bullshit herausgeworfen.
2. Zahnarzt
JaguarCat 02.10.2015
@1: Na ja, ich kann mir schöneres vorstellen, als stundenlang im Zahnarztstuhl gefesselt zu liegen und nachher nicht zu wissen, ob der Zahnarzt alles richtig gemacht hat. Auch mir Kreuzfahrten geht das Geld ja schnell weg, und man hat seinen Spaß :-)
3. Es ist schon schade, ...
kalanak 02.10.2015
... dass bei einer (vermuteten) Mehrheit seriös arbeitender Zahnmediziner immer nur die schwarzen Schafe im Internet auftauchen. Daher hier in Stichworten eine positive Erfahrung: Erstbesuch bei der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik in München. Dort wurde mir nach Anamnese und Diagnose auch der Spezialist für die Implantate empfohlen. Kosten- und Heilplan erstellt und bei der PV eingereicht. Ablauf: - PA-Behandlung - Zähne ziehen und Kiefer "reinigen" - Provisorium - Knochenaufbau mit Knochenentnahme aus dem Beckenkamm - Implantante - Kronen Gesamtdauer: 20 Monate Kosten: 28.000,-€ (2800 selber bezahlt) 9 Implantate 12 Kronen Passiert: 2005-2007 Seitdem nie wieder auch nur das geringste Problem.
4.
Olaf 02.10.2015
Der Zahnarzt baut Pfusch, die Rechnung wird doppelt so hoch und am Ende ist Patient krank und ruiniert. Ja, klingt nach Deutschland. Ein Glück das wir hier keine amerikanischen Verhältnisse haben.
5. Und wieso recherchiert das SPON nicht für uns?
doctoronsen 02.10.2015
"Welcher Zahnarzt dieses Handwerk gut versteht, ist für Patienten jedoch schwer zu erkennen." Eben. Und jetzt? Warum gibt SPON keine Hilfestellung?
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ZUR AUTORIN
  • Heiko Specht
    Tanja Wolf studierte Geschichts- und Politikwissenschaft und arbeitet seit 2002 als Medizinjournalistin in Düsseldorf. Ihr Schwerpunkt ist die Zahnmedizin. Zudem befasst sie sich mit Früherkennung, Evidenz und Patienteninformation.
  • Homepage der Autorin

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