Amalgam-Verbot Kassen zahlen Kunststoff-Zahnfüllungen für Schwangere und Kinder

Ab 1. Juli darf Amalgam bei Schwangeren, Stillenden und Kindern nicht mehr für Zahnfüllungen verwendet werden. Was bedeutet das für die Patienten? Und wie gefährlich ist Amalgam für alle anderen?

Mädchen beim Zahnarzt
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Mädchen beim Zahnarzt


Die EU-Quecksilberverordnung besagt, dass Kinder bis 15 Jahre sowie schwangere und stillende Frauen keine Amalgam-Füllungen mehr bekommen dürfen. Als Alternative sollen für diese Patientengruppen nun die Kosten für eine Kunststofffüllung von den gesetzlichen Krankenversicherungen übernommen werden, teilte die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE mit.

Der KZBV-Vorsitzende Wolfgang Eßer erklärte, dass dafür die Sonderregelung für Amalgam-Allergiker erweitert und eine neue Abrechnungsziffer geschaffen wird. Menschen mit einer nachgewiesenen Amalgam-Allergie oder einer schweren Niereninsuffizienz erhalten bereits heute kostenfrei eine Kunststofffüllung im Seitenzahnbereich.

Rückläufiger Trend bei Zahnamalgam
Nach Zahlen der KZBV ist der Trend bei der Verwendung von Amalgam tendenziell rückläufig. Schätzungsweise 30 Prozent des Gesamtbestandes aller vorhandenen Füllungen seien noch aus Amalgam. Insgesamt wurden 50,8 Millionen Füllungen im Jahr 2016 über die Krankenkassen abgerechnet.
Wird es teurer, wenn der Zahnarzt keine Amalgamfüllung mehr anbietet?
Zahnärzte, die kein Amalgam verwenden, müssen ihren Patienten eine Alternative anbieten, die nicht teurer ist als eine Amalgamfüllung - im Seitenzahnbereich also zuzahlungsfrei. Sonst verstoßen sie laut KZBV gegen ihre vertragszahnärztlichen Pflichten.
Welche Kosten übernimmt die Krankenkasse?
Im sichtbaren Frontzahnbereich übernehmen die gesetzlichen Kassen die Kosten für zahnfarbene sogenannte Kompositfüllungen. Zu den Frontzähnen zählen die Schneide- und Eckzähne des Ober- und Unterkiefers. Im Seitenzahnbereich werden die Kosten für Amalgamfüllungen übernommen. Für Patienten, die aus medizinischen Gründen kein Amalgam erhalten können, werden bei Seitenzähnen Kompositfüllungen gezahlt. Ein solcher Fall liegt vor, wenn ein Patient eine durch einen speziellen Test nachgewiesene Allergie auf Amalgam oder dessen Bestandteile aufweist oder unter schwerer Niereninsuffizienz leidet. Wählen GKV-Versicherte eine aufwendigere Versorgung, müssen sie eine Mehrkostenvereinbarung unterschreiben. Der Zahnarzt rechnet mit der Kasse die Kosten in Höhe der Amalgamfüllung ab, der Patient erhält eine Rechnung über die Differenz. Den Austausch intakter Füllungen bezahlen gesetzliche Krankenkassen nicht.

Nur vorbeugender Gesundheitsschutz

Grundlage für die Änderung ist die sogenannte Minimata-Konvention. Demnach haben sich 90 Länder - darunter auch Deutschland - verpflichtet, die Quecksilberbelastung zu reduzieren. Laut Eßer hat der langsame Ausstieg aus der Verwendung von Amalgam "nicht gesundheitliche, sondern vornehmlich ökologische Gründe". Die Einschränkung für Kinder und Schwangere diene ähnlich wie bei einigen Arzneimitteln dem vorbeugenden Gesundheitsschutz.

Ob Amalgam insgesamt etwa bis 2030 vom Markt genommen wird, prüft derzeit die EU-Kommission in einer Machbarkeitsstudie, die in zwei Jahren vorliegen soll. Florian Schulze, Gründer und Geschäftsführer der "Interessengemeinschaft Umwelt Zahn Medizin", wünscht sich zwar eine quecksilberfreie Zahnmedizin. Er kritisiert aber den "niedrigen Satz" der Abrechnungsziffer in der Gebührenordnung. Das sei "für Zahnärzte nicht rentabel" und könne "dazu führen, dass gerade dann Komposite nicht mit der notwendigen Sorgfalt verarbeitet werden".

Austausch muss nicht sein

Immer wieder fragen sich Patienten, die Amalgamfüllungen haben, ob sie diese entfernen lassen sollten. Laut KZBV ist das nicht notwendig, denn Amalgam sei "der älteste, besterforschte zahnärztliche Werkstoff und wird in den allermeisten Fällen problemlos vertragen". Die Aufnahme von Quecksilber entspreche in etwa der Größenordnung der Quecksilberbelastung durch Nahrung und sei - auch nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen - unbedenklich.

Auch das Robert Koch-Institut rät davon ab, eine intakte Amalgamfüllung gegen eine aus Kunststoff tauschen zu lassen. Insbesondere Schwangere sollten davon Abstand nehmen, da beim Ausbohren einer Amalgamfüllung Quecksilber freigesetzt wird.

Es kann allerdings, so Wolfgang Eßer, im Einzelfall auch eine medizinische Indikation für Amalgam vorliegen, etwa wenn bei Kindern in Vollnarkose viele Füllungen gelegt werden müssen. Oder aus bestimmten Gründen die bei Kunststoff notwendige Trockenlegung nur schwer durchführbar ist.

Auch "Medizin transparent", ein Projekt von Cochrane Österreich an der Donau-Universität Krems, hat sich mit der Studienlage zu Amalgam befasst und kommt zu dem Schluss, dass die im Alltag aus Amalgamfüllungen freiwerdende Quecksilberdosis "deutlich unter den gesundheitsgefährdenden Grenzwerten" liege.

Zudem sei auch die Alternative Kunststoff nicht unproblematisch: "Die zahnfarbenen Füllungen enthalten eine Mischung aus verschiedenen Kunststoffen, deren mögliche Wirkung auf den Körper noch kaum erforscht ist", heißt es bei "Medizin transparent". Nebenwirkungen sind daher durchaus möglich: So stehen Kunststoffe etwa im Verdacht, im Zusammenhang mit der gehäuft auftretenden Kinder-Zahn-Krankheit MIH zu stehen.

KZBV-Chef Eßer hält deshalb neue Entwicklungen für Füllungen für notwendig. Denkbar seien bestimmte verstärkte Zemente, die länger halten als die bislang meist für provisorische Füllungen verwendeten Zemente. Bis dahin gilt: Die beste Füllung ist keine Füllung.



insgesamt 34 Beiträge
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yehoudin 22.06.2018
1. inter oculus quartus...
...sagen mir die zahnärztlichen Kollegen dass medizinisch und technisch Amalgam das Beste sei. Witzig: In großen wohlhabenden Städten findet man kaum einen Kollegen, der die Kassenleistung Amalgam überhaupt anbietet.
jasone 22.06.2018
2. Amalgam sollte man dringend sachgemäß entfernen!
Bei diesem schlecht recherchierten Artikel rollen sich einem ja die Fußnägel hoch. Das Quecksilber ist hochschädlich und Amalgam sollte rundum komplett verboten werden. Das wissen die Ärzte jetzt auch selbst sehr gut. Aber die Verbände haben Angst vor Schadensersatzforderungen, wenn sie es zugeben würden, deshalb aus "ökologischen Gründen". Das ist ein Witz. Allerdings freut mich, dass es zumindest jetzt für Kinder und Schwangere verboten wurde. Da ich gerade selbst eine Schwermetallentgifung bei einer Allgemeinärztin mache, die den ganzen Tag schwere Fälle behandelt, die aus ganz Deutschland kommen, ist es ein Hohn, dass Quecksilbervergiftung durch Amalgam nicht vom Gesundheitssystem annerkannt oder auch nur gesehen wird. Dabei ist Quecksilber sehr an der Entstehung von schweren Krankheiten wie Krebs und MS beteiligt. Für Menschen mit Amalgam in den Zähnen: nur sachgemäß entfernen lassen, egal was Ihr Zahnarzt sagt. Viele kennen sich damit nicht aus. ich habe in der Praxis viele Menschen getroffen, die durch die Quecksilberentgiftung wieder eine bessere Gesundheit hatten und wieder anfangen konnten, das Leben zu genießen.
Rassek 22.06.2018
3. Unsinnig
Wenn die Belastung durch Quecksilber der der Nahrung entspricht, kann ich die der Zähne vermeiden. Ausserdem wird es gefährlich, wenn die Amalgam Füllung raus muss. Dies kann auch durch Wurzelbehandlung des gefüllten Zahnes etc. nötig werden. Da hilft dann auch die "angepriesene Harmlosigkeit" nichts mehr.
equigen 22.06.2018
4. Persönliche Erfahrung: raus damit
Meine Erfahrung ist und bleibt, dass ich vorher jedes Jahr Antibiotika gegen Mandelentzündung brauchte, danach in 18 Jahren nur einmal. Und nicht eine einzige der Kunststofffüllungen ist mittlerweile schadhaft. Allen Unkenrufen zum Trotz. Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen: die Amalgamnutzung soll reduziert werden aus ökologischen Gründen damit die Umwelt Quecksilber -freier ist, aber im Mund ist eine Sondermülldeponie völlig ok. Ja, klar, völlig logisch ... Dass die Zahnmediziner schlafen und bis heute außer Keramikinlays kein nachweislich ungiftiges Material entwickelt haben ist allerdings ein Trauerspiel...
stoffi 22.06.2018
5. Ich dachte
das gibt es gar nicht mehr. Schon seit 40 Jahre bekomme ich , wenn nötig, nur Kunststofffüllungen angeboten.
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