Besuche beim Zahnarzt sind ja eigentlich eher negativ konnotiert. Nicht aber für mich. Für mich sind sie so aufregend wie Achterbahn-Fahren auf dem Hamburger Dom oder die Wildwasserbahn im Phantasialand. Alle zehn Jahre mache ich mir den Spaß. Ich weiß, das ist viel zu selten. Aber Sie müssen wissen - ich kann mir das leisten.
Wie ich das schaffe? Jedenfalls nicht, indem ich mein Leben schokoladenfrei gestalte und zehnmal täglich Zähne putze. Ich hatte einfach Glück im großen Spiel der Evolution. Bei den Genen für guten Speichel habe ich einen Sechser im Lotto erwischt. Ich bin plombenfrei seit 38 Jahren. Karies und Parodontose kenne ich nur aus der Zahnpasta-Werbung. Und Kronen sind für mich Dinge, die Könige auf ihrem Kopf tragen. Würden wir noch in der Steinzeit leben, würden Sie aussterben und ich meine Gene weitergeben. Heute erspart mir mein Erbgut immerhin noch viel Kummer und Pein.
Um Sie zu beruhigen - dafür habe ich in den Kategorien Immunsystem und Rücken richtiges Verlierer-Erbgut zugeteilt bekommen. Ich habe fast das ganze Jahr über Heuschnupfen, muss einen großen Bogen um Katzen, Hunde, Pferde und Milben machen. Und wenn ich länger als zwei Stunden stehe, kriege ich Rücken.
Zwei Zahnarztkategorien: Die Genervten und die Aufschwatzer
Wenn ich ins Zahnarzt-Phantasialand gehe, mache ich das nur, um mir kalkulierten Nervenkitzel zu verschaffen. Ich weiß ja, dass mir dort nicht wirklich etwas passieren kann. Spaß macht es trotzdem. Gerade erst vergangenes Jahr habe ich ihn mir wieder gegönnt. Für gewöhnlich reagieren Zahnärzte auf mich auf zweierlei Weise: Entweder sind sie genervt und bitten mich, nicht wiederzukommen. Oder sie versuchen, mir Angst zu machen und mir Zusatzbehandlungen und überteuerte Zahnreinigungen aufzuschwatzen.
Was für mich unterhaltsamer Nervenkitzel ist, ist für viele andere in meinem Bekanntenkreis bitterer und häufig genug auch noch blutiger Ernst. Wenn sie von den großen Spritzen und den sirrenden Bohrern berichten, die die Männer in den weißen Kitteln in ihre Zahnlöcher rammen, muss ich jedes Mal an den "Marathon-Mann" denken. Dann bin ich der Evolution dankbar für die Gnade meiner guten Gene.
Tatsächlich kann ich nur auf ein einziges schockierendes Zahnarzterlebnis zurückblicken - an dem aber nicht meine Zähne, sondern mein Kieferorthopäde Schuld trägt. Vor 25 Jahren entschied dieser, dass meine vier kerngesunden Weisheitszähne seiner Zahnspange im Weg waren. Hätte ich geahnt, was mich beim Zahnarzt erwarten sollte, hätte ich die Zahnspangenbehandlung sofort abgebrochen.
Das einzige schlechte Erlebnis: Die Weisheitszahn-Qual
Die Zähne saßen so fest, dass der Zahnarzt irgendwann die Zange zu Hilfe nehmen musste und sich mit seinem Fuß gegen meinen Stuhl stemmte, um genügend Kraft beim Ziehen aufzubringen. Irgendwann hatte der völlig erschöpfte Mann zwei Zähne und einen halben Liter Blut aus mir herausgeholt. Für die restlichen beiden hatten weder er noch ich die Kraft, weswegen sie mir bei einem anderen Termin entfernt werden sollten. Dazu kam es dann aber nicht mehr. Zu verbissen war im Wortsinn mein Widerstand.
Doch das ist lange her. Zu lange, denke ich manchmal. Was denn, wenn mich die Evolution irgendwann doch noch im Stich lässt? Ob ich mit 67 noch lernen werde, die Plombe zu lieben? Dann mache ich im Rentenalter eine Erfahrung, die andere mit normalen Genen spätestens mit 13 gemacht haben. Sehr ungern würde ich mich dann im Zahnarztstuhl lächerlicher anstellen als ein Pubertierender. Auch deswegen gehe ich noch ab und zu zum Zahnarzt - um mich wenigstens ein bisschen abzuhärten.
Über meine Luxuszähne rede ich eigentlich nicht so gerne. Im Bekanntenkreis schon gar nicht - zu viele Neider. Und wage ich es mal, auf das abendliche Zähneputzen vor dem Zubettgehen zu verzichten - aus reiner Faulheit natürlich - geht meine Freundin regelmäßig in die Luft, spätestens, wenn ich dann ein "Ich kann es mir ja leisten" bringe. "Zahnarroganz" wirft sie mir dann vor. So einer wie ich wisse den Segen seiner Superzähne ja gar nicht zu schätzen.
Ich versuche daran zu denken. Bei meinem nächsten Zahnarztbesuch im Jahr 2022.
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