Zecken Schmieren gegen die Borreliose

Wer viel Zeit in der Natur verbringt, der trägt beinahe zwangsläufig Zecken nach Hause. Die Blutsauger übertragen Borreliose-Bakterien, gegen die es keinen Schutz gibt. Ärzte erproben in einer Studie jetzt ein Gel, das die Erreger direkt nach dem Zeckenstich stoppen soll.

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dapd

An kreativen Hausmitteln gegen Zecken mangelt es nicht. Wer gestochen wird, bestreicht die blutsaugenden Milbentiere wahlweise mit Zahnpasta, Kleber oder Harz - in der Hoffnung, sich so vor gefährlichen Krankheitserregern zu schützen. Bisher zeigte leider keine dieser improvisierten Therapien Erfolg. Experten raten ganz im Gegenteil dringend dazu, Zecken nach dem Stich sofort zu entfernen und auf alle weiteren Maßnahmen zu verzichten.

Das könnte sich bald ändern. In Dutzenden Kliniken und Arztpraxen erproben Mediziner derzeit ein antibiotisches Gel, das vor Borreliose schützen soll. Zusammen mit der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) gehört die Borreliose zu den Infektionskrankheiten, die Zecken auf den Menschen übertragen. Während Ärzte gegen die FSME impfen können, gibt es bisher noch keine wirksame Abwehrmaßnahme gegen Borreliose. Nach dem Stich kann man nur abwarten, ob die Bakterien übertragen wurden - bei 60.000 Menschen ist das in Deutschland jährlich der Fall. Erst wenn die Krankheit sich mit Fieber und Gelenkschmerzen bemerkbar macht, manchmal Monate später, greifen Ärzte zum Antibiotikum.

Ein neues Gel bekämpft die Bakterien direkt an der Einstichstelle

Das neue Gel soll die Behandlung so weit vorziehen, dass die Infektion gar nicht erst ausbricht. Zunächst wird die Zecke korrekt entfernt, anschließend das Gel einmassiert. "Die Erreger der Borreliose bleiben in den ersten Tagen nach der Übertragung in der Haut direkt um die Zeckenstichstelle", erklärt Reinhard Straubinger vom Institut für Infektionsmedizin und Zoonosen der Ludwig-Maximilians-Universität München. "Das Gel wirkt, bevor die Bakterien sich im Körper ausbreiten." Gekoppelt an einen Trägerstoff dringt das Antibiotikum Azithromycin in die tieferen Hautschichten vor und bekämpft dort die Erreger.

Im Tierversuch zeigte sich noch bis zu fünf Tage nach dem Zeckenstich ein schützender Effekt. Eine groß angelegte klinische Studie soll nun auch die Wirkung beim Menschen zweifelsfrei nachweisen. Mitmachen kann jeder, der von einer Zecke gestochen wurde. Im nächstgelegenen Studienzentrum erhält er das antibiotische Gel, das er mehrfach auftragen muss, anschließend kontrollieren ihn Studienärzte noch mehrere Wochen lang. Sollte der Erfolg aus den Tierversuchen sich bestätigen, hätten Ärzte damit endlich auch einen Schutz vor der Borreliose in der Hand.

Solange das Anti-Zecken-Gel aber noch nicht in der Apotheke zu kaufen ist, bleibt nur eines: Verhindern, dass die unliebsamen Tierchen überhaupt auf den Körper gelangen. Dazu eignet sich lange Kleidung immer noch am besten. Ob die erhältlichen Schutz-Sprays und Lotionen Zecken wirklich zuverlässig abschrecken, ist nämlich fraglich. Im Jahr 2008 erteilte die Stiftung Warentest 12 von 20 geprüften Mitteln die Note "mangelhaft". Wer in Baden-Württemberg, Bayern oder einem anderen FSME-Risikogebiet lebt, kann sich gegen die viralen Erreger impfen lassen. Die Ständige Impfkommission (STIKO) des Robert-Koch-Instituts empfiehlt die FSME-Schutzimpfung in den gefährdeten Gebieten für alle Personen, die mit Zecken in Kontakt kommen könnten - Waldarbeitern, aber auch Joggern und passionierten Wanderern. Dabei sollte man aber nicht vergessen: Eine FSME-Impfung schützt nicht vor Borreliose.

Feuchtwarme Stellen mögen die Blutsauger am liebsten

Nach einem Streifzug durch Wald und Wiese ist für Kinder, aber auch für Erwachsene zumindest eine gründliche Inspektion fällig: einmal komplett ausziehen und nach Zecken absuchen. Dafür ist es wichtig zu wissen, wie die Tiere aussehen. "Im Erwachsenenstadium sind sie leicht zu erkennen", sagt Reinhard Straubinger. "Auf der Entwicklungsstufe davor, im Nymphenstadium, sind die Zecken aber nur wenige Millimeter groß. Das sollte man sich schon mal angesehen haben, damit man weiß, wonach man sucht." Besonders gerne sitzen die Blutsauger an feuchtwarmen Körperstellen. Achseln, Kniebeugen und die Leistengegend sollte man deshalb besonders gründlich inspizieren.

Wenn trotz aller Vorsichtsmaßnahmen eine Zecke gestochen hat, muss sie so schnell wie möglich entfernt werden. Je länger das Tier saugen kann, desto mehr Zeit bleibt vor allem den Borreliose-Erregern, um unter die Haut zu gelangen. Entscheidend ist dabei, den Körper der Zecke nicht zu zerquetschen: Mit einer speziellen Zeckenkarte oder einer spitzen Pinzette fasst man am besten direkt oberhalb der Haut zu und zieht den unerwünschten Gast vorsichtig heraus.

Als letzte Regel im Umgang mit Zecken gilt: keine Panik. Obwohl jedes vierte bis fünfte Tier in Deutschland die Borreliose-Erreger überträgt, erkranken höchstens zwei von hundert infizierten Menschen. Falls in den Monaten nach dem Zeckenstich eine fiebrige Erkrankung auftritt, sollte man den Arzt darüber informieren - damit er gegebenenfalls die richtige Behandlung gegen Borreliose einleiten kann.



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spon-790427765 11.06.2012
1.
Wieso zeigt der Spiegel eigentlich Infografiken über FSME, wenn er über Borreliose schreibt. Sehr schlecht!! Ich kenne Leute, die sich gegen FSME impfen lassen haben und danach der Überzeugung sind, gegen Borreliose imunisiert zu sein. So etwas passiert dank solcher Berichterstattung.
bobby_mcgee 11.06.2012
2.
Ohne besonderes manuelles Geschick ist das Entfernen von Zecken mittels Pinzette nur im Notfall zu empfehlen. Auch für Grobmotoriker eignen sich hingegen die im Tierbedarfshandel zu findenden "Zeckenhaken", die man - z.B. in der Geldbörse - immer dabei haben kann; Abbildung: http://zeckenhaken.at/images/zeckenhaken2.jpg
sandragu 11.06.2012
3. Risikogebiete vs. Studienzentren
Die Verteilung der Studienzentren ist ein Gag, oder? Passt nicht unbedingt zur Verteilung der Risikogebiete, oder täusche ich mich?
ephas@t-online.de 11.06.2012
4. Schutz vor Zecken-STICHEN
Das Gel hat gute Aussichten, eine weitere gute Zwischenlösung zu werden. Es bleibt zu hoffen, dass das Schmieren nicht zur weiteren Patentlösung zum „Zeckenschutz“ verkommt. Gegen welche weiteren der –zig Mikroorganismen es wirkt, die von Zecken übertragen werden, wäre die nächste Frage. Mit den Tricks der Schädlingsbiologie kann sich jede/r sich im Freiland vor Zecken-STICHEN schützen. Die gehören in die Lehrpläne der Kinder ab dem Kindergarten.
agua 11.06.2012
5. Sie haben Recht
Zitat von spon-790427765Wieso zeigt der Spiegel eigentlich Infografiken über FSME, wenn er über Borreliose schreibt. Sehr schlecht!! Ich kenne Leute, die sich gegen FSME impfen lassen haben und danach der Überzeugung sind, gegen Borreliose imunisiert zu sein. So etwas passiert dank solcher Berichterstattung.
Die Borreliose ist in Portugal gross verbreitet und Touristen denken,dass die Impfung sie schuetzt.Das erste Merkmal ist nach dem Zeckenbiss ein roter Hof um die Bissstelle.Die Zecken sind oft so winzig,dass sie nicht bemerkt werden.Eine falsch behandelte Borreliose kann nach Jahren rheumatische Beschwerden zur Folge haben.ausser dem hier beschriebenen Fieber und den Gliederschmerzen kommt es zu Unterhautblutungen.Viele denken faelschlicher Weise,dass sie eine Grippe haben.Zur Behandlung eignen sich Tetracicline,nicht jedes Antibiotikum ist geeignet!
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