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Mythos oder Medizin: Soll man Zecken rausdrehen oder rausziehen?

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Gemeiner Holzbock auf einer Zeckenzange: Bis zu 30 von 100 Zecken tragen Lyme-Borrelien in sich Zur Großansicht
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Gemeiner Holzbock auf einer Zeckenzange: Bis zu 30 von 100 Zecken tragen Lyme-Borrelien in sich

Pilzzeit ist Zeckenzeit: Schon ein Biss der Parasiten kann gefährlich werden. Damit sie keine Krankheiten übertragen, sollte man die Tiere schnellstmöglich aus der Haut entfernen. Wie aber geht das richtig?

Geht der Sommer, hängen die ersten Zecken in den Kniekehlen unachtsamer Spaziergänger. Von April bis Juni und meist noch mal im Oktober haben die Parasiten Hochsaison. Wo es warm und feucht ist, fühlen sie sich wohl: Mit zwei Mundwerkzeugen ritzen sie die Haut ihrer Opfer auf und schlürfen über Tage Blut aus dem verletzten Gewebe.

Die meisten Menschen bemerken die Verletzung nicht, denn die Zecke betäubt die Stelle mit ihrem Speichel. Dieser enthält außerdem Stoffe, die das Blut am Gerinnen hindern und eine Entzündung unterdrücken. Gefährlich sind Zecken aber vor allem, weil sie über den Speichel Viren und Bakterien übertragen können.

Am häufigsten geben sie in Deutschland Erreger der Lyme-Borreliose an den Menschen weiter. Im Gegensatz zu den Viren, die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) auslösen und vor allem in Süddeutschland vorkommen, gibt es diese Erreger landesweit. In den meisten, aber nicht in allen Fällen, zeigt sich die Lyme-Borreliose durch einen roten Ring um die Bissstelle der Zecke.

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Wer die Infektion rechtzeitig entdeckt, kann sie mit Antibiotika behandeln. Breiten sich die Erreger jedoch ungehindert im Körper aus, kann es zu Gelenkbeschwerden sowie vorübergehenden Lähmungen und Entzündungen im Gehirn kommen. Im Gegensatz zu FSME gibt es keine Impfung gegen Borreliose.

Gefährlicher Klebstoff-Tod

Grundsätzlich gilt: Die Zecke sollte möglichst schnell aus der Haut verschwinden. Ideen, wie das klappen könnte, gibt es viele. So wird teils geraten, den Parasiten mit ein paar Tropfen Öl, Klebstoff oder Benzin abzutöten. Empfehlenswert ist das allerdings nicht.

"Es gibt Substanzen, die den Speichelfluss der Zecke anregen und dadurch das Infektionsrisiko erhöhen", sagt Dania Richter, die die Übertragung von Borrelien durch Zecken an der TU Braunschweig erforscht. Bei Klebstoffen und Öl lasse sich das nicht ausschließen. Zudem sterben die Tiere unter der Giftglocke sehr langsam.

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"Je länger eine infizierte Zecke saugt, desto wahrscheinlicher überträgt sie Lyme-Borrelien auf den Menschen", sagt Richter. Solange die Zecke im Unterholz herumlungert, sitzen die Erreger inaktiv in ihrem Darm. Mit dem ersten Tropfen Blut, der bei ihnen ankommt, beginnen sie sich jedoch zu vermehren und im Körper der Zecke auszuschwärmen, unter anderem in die Speicheldrüsen.

Abwehr mit Gefühl

In Versuchen, in denen Forscher infizierte Zecken auf Nager gesetzt haben, dauerte es je nach Studie zwölf bis 48 Stunden, bis die Borrelien im Wirt angelangt waren. "Wer seinen Körper morgens und abends gründlich nach Zecken absucht, ist, was eine mögliche Übertragung von Lyme-Borrelien angeht, auf einer ziemlich sicheren Seite", sagt Richter.

Beim Entfernen ist vor allem Gefühl gefragt. Am besten ist es, die Zecke mit einer spitzen Pinzette oder einer Zeckenkarte zu greifen, notfalls gehen auch die Fingernägel. Drehen wird nicht empfohlen, egal in welche Richtung. Das Robert Koch-Institut (RKI) sowie die amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention raten dazu, die Zecke möglichst sanft und gerade aus der Haut zu ziehen. Manche Experten vermuten, dass Herausdrehen den Speichelfluss des Spinnentiers anregt.

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Mythos oder Medizin: Welche Gesundheitstipps stimmen wirklich?

Auch wenn man die Anatomie der Zecke beachtet, ergibt gerades Herausziehen Sinn. "Statt einem Gewinde haben die Mundwerkzeuge der Zecke Widerhaken", erklärt Richter. Um diese zu lösen, könne es helfen, die Haut beim Herausziehen mit den Fingern leicht anzuspannen. Auch vorsichtiges Ruckeln ist erlaubt (grafische Darstellung).

Die Angst, dass der Kopf der Zecke beim Entfernen stecken bleibt und dadurch Erreger in die Wunde gelangen, ist übrigens unbegründet. "Welcher Kopf?", sagt Richter. "Zecken haben gar keinen." Was gelegentlich stecken bleibt, sind die Mundwerkzeuge. Das ist aber in der Regel unproblematisch.

Zecken richtig entfernen
1. Greifen: Die Zecke mit einer spitzen Pinzette oder einer Zeckenzange möglichst weit vorne (dicht an der Haut) greifen. Niemals Druck auf den vollgesogenen Körper ausüben.
  • 2. Entfernen: Die Zecke durch gefühlvolles Ziehen aus der Haut lösen. Leichtes Rütteln oder Hin- und Herdrehen ist erlaubt, größere Drehbewegungen in eine Richtung aber vermeiden.
  • 3. Desinfizieren: Die Wunde desinfizieren und kontrollieren, ob Teile der Zecke stecken geblieben sind.
  • 4. Beobachten: Bildet sich ein roter Ring um die Wunde, der wächst oder wandert, sofort zum Arzt gehen. Ein Foto oder eine Umrandung der Rötung mit Kugelschreiber kann helfen, die Veränderungen zu erkennen. Die Rötung wird in der Regel eine bis sechs Wochen nach dem Zeckenbiss sichtbar.
Ist ein Teil der Zecke stecken geblieben, stößt der Körper den kleinen Fremdkörper meist selbständig ab, so ähnlich wie bei einem Holzsplitter. Entzündet sich der Zeckenbiss aber, sollte ein Arzt die Zeckenreste entfernen.

Schafe gegen Borreliose

Wie viele Menschen jährlich in Deutschland an Borreliose erkranken, ist unklar. Während FSME-Fälle meldepflichtig sind (siehe Grafik), gibt es zur Häufigkeit von Borreliose nur für einige Bundesländer offizielle Daten. Laut RKI tragen je nach Region bis zu 30 von 100 Zecken den Erreger in sich.

Wie viele Zecken mit Lyme-Borrelien infiziert sind, unterscheide sich mitunter über sehr geringe Distanzen, erklärt Richter. Eine besondere Rolle dabei spielen Ziegen, Schafe und Kühe: "Lyme-Borrelien überleben nicht nur nicht in Wiederkäuern", sagt Richter. Infizierte Zecken verlieren sogar die Erreger, wenn sie an Wiederkäuern saugen.

Wie genau das funktioniert, ist noch unklar. Bei einer zweijährigen Studie in Baden-Württemberg trafen Richter und ein Kollege auf einer Wiederkäuer-Weide im Schnitt aber auf nur eine infizierte Zecke in zwei Stunden - auf benachbartem Brachland waren es in der gleichen Zeit mehr als 50.

Übrigens: Der Gemeine Holzbock, die Zeckenart, die in Deutschland Menschen befällt, lebt in der Laubschicht im Wald, im Unterholz oder auf schattigen Wiesen. Dort wartet er auf Grashalmen und Sträuchern, bis ein Tier oder Hosenbein vorbeikommt, an dem er sich festhalten kann. Von Bäumen fallen lassen sich Zecken nicht.

FAZIT: Egal in welche Richtung, Zecken sollten nicht aus der Haut gedreht werden. Besser ist gefühlvolles Ziehen. So behält die Zecke die Borreliose-Erreger mit größerer Wahrscheinlichkeit in sich und kommt vollständig aus der Haut.

Zur Autorin
  • Julia Merlot begeistert sich für Themen rund um Mensch und Tier. Die studierte Wissenschaftsjournalistin ist Redakteurin im Ressort Wissenschaft und Gesundheit von SPIEGEL ONLINE.
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1. Kaufempfehlung
spon_2937981 09.09.2015
Es gibt einen Zeckenentferner aus Metall, der sieht ein wenig aus wie ein Löffel mit Loch. Die Aussparung platziert man 'auf' der Zecke, und durch zurückziehen wird die Zecke durch das Werkzeug aus der Haut 'gehebelt'. Funktioniert super. Gibt es bei 'Manufaktum' (ca. 15-20 EUR). Zeckenkarten hingegen sind Mist.
2. Zeckenschlinge 3 ix
sonnenmilch 09.09.2015
Wir verwenden bei unseren Hund seit 4 Jahren die Zeckenschlinge 3ix, seit der Umstellung auf diese Produkt ist uns nie wieder ein Kopf der Zecke stecken geblieben, auch häkt das Produkt schon seit 4 Jahren. Alle Zecken bei uns Menschen haben wir mit einer zweiten, für uns gekauften, Zeckenschlinge gelöst. Auch hier ging das bei weiten besser wie bei allen andere Produkten davor. Leider ist diese Produkt noch recht unbekannt.
3.
k70-ingo 09.09.2015
Das simpelste Werkzeug ist das beste: die einfache Zeckenzange, die so aussieht wie ein Kuhfuß-Brecheisen für die Puppenstube, erhältlich in jedem Tierbedarfsladen, meist im Zweier- oder Dreierpack in verschiedenen Größen. Gedacht ist das Teil zwar für Hunde und Katzen, aber da es den Zecken egal ist, in welchen Warmblüter sie sich einzecken, sind sie auch am Menschen verwendbar. Die anderen, aufwendigeren Zangen mit Mechanik sind umständlicher zu händeln, insbesondere aufgrund der Tatsache, daß Zecken sich oft an schlecht erreichbaren Körperstellen niederzulassen pflegen.
4. Guter Artikel
Lügenimperium 09.09.2015
Ansonsten wird über Zecken gerne desinformiert. Empfehlenswert ist auch eine Zeckenschlinge. Die Versuche bezüglich Übertragung und Zeit sind kritisch zu betrachten! FSME überträgt sich auch direkt, bei Borreliose kann man es nicht ausschließen und daneben gibt es ca. 50 andere Krankheiten, die die Viecher übertragen können (natürlich nicht alle hier). FSME gibt es pro Jahr ca. 100-500 Fälle, wobei es Frauen mit schweren Verläufen eher trifft aber diese sowieso kaum vorkommen. Auch die FSME Impfung ist in dem Zusammenhang tatsächlich kritisch zu betrachten weil vielleicht die Impfung gefährlicher sein kann ohne dass man es erkennt. Aber egal, in unserem Risikogebiet gab es letztes Jahr keine gemeldete Infektion und mein Impfschutz von vor 25 Jahren ist nach wie vor ausreichend (wurde gemessen da Verdacht einer Infektion). Bei Borreliose hingegen sind die Tests für Kassenpatienten eher als Verschwendung von Zeit und Geld zu bezeichnen (sagt die amerikanische Seuchenschutzbehörde). Hier fehlt es an Standards und v.a. Forschung, LTT/Elispot/Lymespot sind hier klar zu bevorzugen. Infektion gibt es grob geschätzt zwischen 80000-600000 pro Jahr in Deutschland. Oftmals wird sie nicht erkannt und Menschen landen in der Klappse weil niemand was findet. Davon abgesehen wird seltenst auf Coinfektionen untersucht - die meisten Borreliker haben ein kaputtes Immunsystem und mehrere Infektionen! Borreliose ist eher eine Multiinfektionskrankheit, bei der das Immunsystem mittherapiert werden muss! Einen echten Schutz gibt es nicht, lediglich sich nicht stechen zu lassen! Roter Fleck und Bluttests können trotz Infektion alle negativ erscheinen. Nervenwasser zu untersuchen wird ca. 90 Prozent falsch-negativ sein,... Gegen Zecken hilft spezielle Kleidung (Nosilife googeln), teilweise Spray aber eben die klassischen Regeln wie Wege nicht verlassen, nicht ins hohe Gras,... Problematisch ist auch das Absuchen, lieber vom Partner machen lassen an allen Stellen. Dazu die Kleidung am besten sofort vor der Waschmaschine ausziehen und möglichst heiß waschen und trockben bei Verdacht, oder in der Dusche ausziehen und ausschütteln - da erkennt man die Viecher recht gut. Sonst könnten die Zecken tagelang in der Dreckwäsche überleben und nachts ins Bett kommen - da hilft dann das Absuchen beim Heimkommen auch nicht da der Stich viel später stattfindet. Zecken "riechen" zudem die Chemie von Schweiß, ggf. favorisieren sie sogar die Menschen, die schon angeschlagen sind (Übersäuerung, Vergiftung,...). Bei einem Stich würde ich sofort 30 Tage mit ausreichend Doxy therapieren, sonst kann es einen Jahre später richtig aus der Bahn werfen. Die Krankheit ruiniert einen komplett...
5. Ausreißer
noalk 09.09.2015
Der Wert von 546 FSME-Fällen in 2006 ist statistisch wahrscheinlich ein Ausreißer (Nalimov-Test). Es wäre mal interessant zu wissen, warum die Fallzahl in jenem Jahr so hoch war. Hat es vielleicht was mit der Fußball-WM zu tun?
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