Sommerzeit Steigt das Infarktrisiko durch die Zeitumstellung?

Zu Beginn der Sommerzeit kommen 20 Prozent mehr Menschen mit einem Infarkt in die Klinik als an anderen Tagen, berichtet eine Krankenkasse. Entspricht dies wirklich dem Stand der Forschung? Der Faktencheck.

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Uhren in einem Park in Düsseldorf
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Uhren in einem Park in Düsseldorf


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Dieses Jahr passiert es am Ostersonntag: Die Uhren werden nachts um zwei Uhr eine Stunde vorgestellt, die Sommerzeit beginnt durch den nächtlichen Diebstahl von 60 Minuten.

Die Zeitumstellung erfreut sich keiner großen Beliebtheit, viele meinen, das alle halbe Jahr stattfindende Ritual sollte abgeschafft werden. In einer Umfrage im Auftrag der Krankenkasse DAK-Gesundheit hielten drei von vier Befragten die Zeitumstellung für überflüssig.

Die Krankenkasse berichtet zudem von mehr Herzinfarkten nach der Zeitumstellung. "Während normalerweise täglich im Schnitt 45 Personen einen akuten Herzinfarkt erleiden, sind es an den drei Tagen nach der Umstellung auf Sommerzeit 54 - ein Anstieg von 20 Prozent. Männer und Frauen sind etwa gleich betroffen", heißt es.

Droht wirklich erhöhte Infarktgefahr?

Die DAK-Gesundheit vergleicht die Zahl der Krankenhauseinweisungen wegen Herzinfarkts an den ersten drei Werktagen nach der Zeitumstellung - Montag, Dienstag, Mittwoch - mit den durchschnittlichen Krankenhauseinweisungen mit der Diagnose Herzinfarkt über das gesamte Jahr gesehen.

Nur: Montags erleiden ohnehin deutlich mehr Menschen einen Infarkt als an anderen Wochentagen - das belegen verschiedene Studien. Vergleicht man also Montag bis Mittwoch mit dem Durchschnitt gesamter Wochen, bewirkt allein das eine Verzerrung. Auch andere Faktoren, die das Ergebnis verfälschen können, wurden anscheinend nicht berücksichtigt.

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Wo steht die Forschung?

Verschiedene Forscherteams haben sich der Fragestellung schon angenommen, unter anderem liegen Analysen aus Schweden, Kroatien, den USA - und aus Deutschland - vor. Sie kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen.

In Deutschland untersuchten Inge Kirchberger vom Klinikum Augsburg und ihre Kollegen 25.499 Herzinfarktfälle, die sich in Augsburg und Umgebung zwischen 1985 und 2010 ereigneten. Sie analysierten sowohl Krankenhausdaten als auch Todesfälle von allen Menschen im Alter von 25 bis 74 Jahren. Dabei versuchten sie, den Zeitpunkt des Einsetzens der Symptome zu ergründen: Schließlich können diese vor der Zeitumstellung begonnen haben, aber der Patient erst danach in die Klinik gekommen sein. Und die Forscher bezogen Wetterdaten (Temperatur, Luftdruck, Luftfeuchtigkeit) in die Analyse mit ein, weil diese das Infarktrisiko beeinflussen.

Im Fachblatt "BMC Public Health" berichteten sie 2015: In den ersten drei Tagen sowie in der ersten Woche nach der Zeitumstellung gab es keinen eindeutigen Anstieg bei der Zahl der Herzinfarkte. Allerdings deutete sich an: Bei Männern ist das Herzinfarkt-Risiko in den ersten drei Tagen der Sommerzeit vermutlich um etwa 15 Prozent erhöht. Auch bei Menschen mit Herz-Kreislauf-Problemen, die bereits ACE-Hemmer einnehmen, scheint das Risiko direkt nach der Sommerzeit-Einführung anzusteigen.

In Schweden stellten Forscher fest, dass sich in der ersten Woche der Sommerzeit etwa vier Prozent mehr Infarkte ereignen, als man normalerweise erwarten würde. Auch hier stieg das Risiko bei Menschen, die bereits Herzmedikamente einnahmen, stärker an, berichteten die Forscher 2012 in "Sleep Medicine".

Eine Studie in Kroatien kam dagegen auf ein um rund 29 Prozent erhöhtes Risiko an den ersten vier Werktagen nach der Zeitumstellung im Frühjahr - mit dem stärksten Effekt am Montag und einem stärkeren Anstieg bei Männern, heißt es in "Chronobiology International".

In Finnland wiederum entdeckten Forscher keinen Unterschied in der Herzinfarkt-Rate nach der Sommerzeit-Umstellung im Vergleich zu anderen Wochen, wie sie in den "Annals of Medicine" berichten. Allerdings sei die Rate am Mittwoch nach der Zeitumstellung besonders hoch gewesen.

Forscher aus den USA berichteten ähnliches: Zwar sei die erste Sommerzeit-Woche insgesamt nicht ungewöhnlich, aber am Montag nach der Zeitumstellung kamen 24 Prozent mehr Infarkt-Patienten ins Krankenhaus, schreiben sie in "Open Heart".

Die Datenlage ist also nicht eindeutig. Gut möglich ist, dass klimatische Unterschiede zwischen den untersuchten Ländern dazu beitragen, dass sich ein so uneinheitliches Bild bietet. Ebenso können die jeweiligen Schlafgewohnheiten eine Rolle spielen. Denn der Eingriff in den Schlafrhythmus gilt als jener Faktor, der das Infarkt-Risiko nach der Zeitumstellung erhöhen könnte.

Zusammengefasst: Sicher ist, dass am Ostersonntag (27. März) die Sommerzeit beginnt, wenn die Uhren nachts um zwei auf drei Uhr vorgestellt werden. Nicht sicher ist, ob dadurch an den folgenden Tagen das Herzinfarkt-Risiko steigt.

Zur Autorin
Nina Weber

Nina Weber ist Biochemikerin und Krimiautorin mit einem Faible für kuriose Studien. Sie ist Redakteurin im Ressort Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

  • E-Mail: Nina.Weber@spiegel.de

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insgesamt 224 Beiträge
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Seite 1
AliceHinterDemSpiegel 24.03.2016
1. länger wach
Das schöne an der Sommerzeit ist ja, daß die Abende länger hell sind. Da bleibt man eine Stunde länger im Biergarten bis es dunkel wird. Wer vorgeschädigt ist, verkraftet das nicht und bekommt einen Herzinfarkt (wozu die extra Maß, die dann noch geht, sicher auch etwas beiträgt). Also: Neben dem Wetter bitte auch das Freizeitverhalten nach der Zeitumstellung erfassen für die Studien!
p.schoeffel 24.03.2016
2. Warum brauchen wir
medizinische Ausreden, um einen überflüssigen Unfug abzuschaffen? Irgendeinen Vorteil hat die Zeitumstellung nicht. Sie bringt nur sinnlosen, lästigen Aufwand. Einfach bleibenlassen.
Thomas_USA 24.03.2016
3. Es wurde ja schon so oft gesagt...
Der Wert der Umstellung tendiert gegen Null, Millarden von Menschen sind negativ betroffen und die lausigen Politiker interessiert es nicht....
Münchner MV 24.03.2016
4.
Die Zeitumstellung, der Jetlag des kleinen Mannes. Ich empfinde, rein subjektiv, starke Temperaturschwankungen als deutlich "anstrengender" für das Herz-Kreislauf-System. Diese eine Stunde fällt da, wieder rein subjektiv, doch nicht wirklich ins Gewicht. Wobei man heutzutage doch eigentlich die Sommerzeit belassen könnte. So wäre es in den Wintermonaten wenigstens etwas länger hell.
j.e.r. 24.03.2016
5. Sommerzeit: totaler Blödsinn
in unseren Breitengraden (und noch mehr weiter im Norden). Da wurde etwas von Stromsparen geschwafelt (wobei der Anteil Stromverbrauch für Licht am Abend so gut wie bedeutungslos im Vergleich Gesamtenergieverbrauch) - auch von höherer Lebensqualität weil Spätaufstehen am Abend doch ein wenig länger Sonnenlicht geniessen könnten ..... . Ein staatlich verordneter Blödsinn der abgeschafft werden sollte!
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