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Brasiliens Kampf gegen Tigermücken: Staatsfeind Nummer eins

Von und Roland Mühlbauer

Zika-Einsatz in Brasilien: Im Häuserkampf gegen die Tigermücke Fotos
REUTERS

Brasilien geht mit Soldaten gegen die Tigermücke vor, die das Zika-Virus überträgt. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu dem Insekt.

Südamerika leidet unter der Zika-Epidemie, vor allem Brasilien. Dort sollen bereits über 1,5 Millionen Zika-Fälle aufgetreten sein. Das Virus steht im Verdacht, schwere Fehlbildungen bei ungeborenen Kindern auszulösen. Übertragen wird die Krankheit durch den Stich der Ägyptischen Tigermücke, Aedes aegypti, die ursprünglich aus Zentralafrika stammt. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass zu einem geringeren Maß auch Aedes albopictus, die Asiatische Tigermücke, Überträger sein kann.

Seit einigen Monaten brüten die Tigermücken in Südamerika, was die weitere Verbreitung des Zika-Virus stark vorantreiben kann. Das hängt auch vom Wetter in den kommenden Wochen und Monaten ab. Die Weltgesundheitsorganisation WHO befürchtet, dass das Wetterphänomen El Niño die Verbreitung der Mücken weiter fördern könnte - und hat bereits den globalen Gesundheitsnotstand ausgerufen.

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Der Kampf gegen die Mücken wird in Brasilien daher wieder verschärft. Geführt wird er schon lange, denn Aedes aegypti überträgt auch das Chikungunya-Virus sowie das gefährliche Denguefieber, an dem der WHO zufolge jedes Jahr geschätzte 96 Millionen Menschen erkranken. Aufklärungskampagnen zur Mückenbekämpfung sind also Alltag für Brasilianer.

Das Militär zieht nun zusammen mit Experten vom Gesundheitsministerium buchstäblich in den Häuserkampf - als Aufklärer und Larvenjäger: "Man muss in jedes Haus gehen, um die Brutstätten wie Blumentöpfe und weggeworfene Coladosen zu beseitigen", sagt Jonas Schmidt-Chanasit, Leiter der Virusdiagnostik am Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin. "Der Aufwand ist sehr groß, es bringt nichts, aus Flugzeugen heraus großflächig Insektizide zu versprühen."

Für diesen Kampf hat Brasilien eine ganze Reihe von Maßnahmen eingeleitet:

  • 422 Millionen Euro sollen laut Aussagen des brasilianischen Gesundheitsministeriums im Jahr 2016 für ein großes Mücken-Bekämpfungsprogramm ausgegeben werden.
  • 550 Tonnen Insektizide sollen gezielt versprüht werden.
  • 400.000 Schwangere werden mit Mückenschutzmitteln versorgt.
  • An 56.000 Hotels, Bars und Restaurants im ganzen Land wurde ein Maßnahmenkatalog verschickt, um die Tigermücke besser zu bekämpfen.
  • Ab dem 13. Februar sollen 220.000 Soldaten vor Ort die Bevölkerung über wirksame Schutzmaßnahmen aufklären.

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Seuchenalarm: Im Einsatz gegen das Zika-Virus
Die wichtigsten Fragen und Antworten zu den Überträgermücken:

Warum ist es so wichtig, wilde Müllhalden zu vermeiden?

Aedes aegypti hat sich perfekt an die Großstadt angepasst. Im Vergleich zu Anopheles-Mücken, die Malaria übertragen und für die Fortpflanzung sauberes Wasser bevorzugen, brüten Aedes-Mücken auch in schmutziger Brühe. Solche etwa durch Regenpfützen in alten Reifen oder anderen auf wilden Müllkippen entstandenen Brack- und Abwasseransammlungen reichen der drei Millimeter kleinen Tigermücke aus, damit ihre Larven überleben. Die Mückeneier sind zudem sehr widerstandsfähig und können auch länger ohne Wasser auskommen. An den Wänden von Schiffscontainern könnten die Eier theoretisch mehrere Monate überleben.

Wie können die Mücken langfristig bekämpft werden?

Derzeit experimentiert das Biotech-Unternehmen Oxitec mithilfe der Bill and Melinda Gates Foundation auch im Norden von Brasilien mit Mückenmännchen, die im Labor gentechnisch verändert und wieder ausgesetzt wurden. Dazu könnten schon bald Drohnen verwendet werden, die die Tiere im Luftraum eines Gebiets gleichmäßig verteilen. Pflanzen sich die Mücken mit wilden Weibchen fort, sterben die Nachkommen bereits im Larven- oder Puppenstadium, wenn sie nicht ein bestimmtes Antibiotikum bekommen. In Freilandversuchen wurden die Populationen laut der Firma um über 80 Prozent dezimiert. Der Eingriff in das Ökosystem mit gentechnisch manipulierten Tieren stößt auf laute Kritik. Dennoch könnte Oxitec nun eine Option bei der Mückenbekämpfung sein.

Gibt es noch alternative Methoden zu Mückenbekämpfung?

Ja, dabei arbeiten Forscher etwa mit Bakterien der Art Wolbachia. Werden diese in vielen Insekten verbreiteten Keime in Gelbfiebermücken injiziert, übertragen sie das Denguefieber nicht mehr. Warum das so ist, ist noch unklar - erste Freilandversuch brachten aber gute Ergebnisse. "Das ist ein sehr guter Ansatz", sagt Virologe Schmidt-Chanasit. "Vor allem ist es eine natürliche Technik zur Bekämpfung der Krankheit - das ist sehr viel besser als gentechnische Methoden." Aber für beide Methoden gilt: Ob sie dauerhaft geeignet sind, um gegen Aedes aegypti vorzugehen, müssen erst noch Langzeitstudien zeigen. Verwendet wird auch das Bakterium BTI, das Eiweiße produziert. Fressen Mückenlarven diese Eiweißkörper, sterben sie daran.

Warum stechen Aedes aegypti vor allem Menschen?

Von den 10.000 Insektenarten, die gern Blut saugen, haben sich etwa 100 auf den Menschen spezialisiert. Ausgerechnet Aedes aegypti ist besonders erfolgreich bei der Jagd auf uns. Denn eine Studie hat ergeben, dass die Mücken besonders viele Geruchsrezeptoren der Art OR4 besitzen - diese Rezeptoren sind darauf spezialisiert, einen typischen Bestandteil des menschlichen Geruchs zu identifizieren, den Stoff Sulcaton. Im Vergleich zu Hühnern, Pferden, Schafen oder Kühen verströmt der Mensch die vierfache Menge des Stoffs. Die Mücken haben sich also perfekt an den Menschen angepasst.

Wie könnten sich die Menschen in den betroffenen Gebieten schützen?

Da eine Schutzimpfung derzeit nicht in Sicht ist, bleibt nur der klassische Mückenschutz. "Man sollte in den Gebieten langärmelige Kleidung tragen, außerdem entsprechende Mückensprays verwenden - auch tagsüber, da die Tiere auch dann stechen", sagt Virologe Schmidt-Chanasit. Moskitonetze bringen wegen der Tagaktivität der Tiere nur bedingt Erfolg. Richtlinien zu den Verhaltensweisen hat etwa die US-amerikanische Gesundheitsbehörde CDC (Centers for Disease Control and Prevention) veröffentlicht. Vorsicht ist aber bei Mückenschutzmitteln für die Haut bei dem Stoff DEET (Diethyltoluamid) geboten, der in vielen Produkten enthalten ist. Er wirkt zwar sehr effektiv, wird aber gerade Schwangeren, Müttern in Stillzeit sowie Kinder unter drei Jahren nicht empfohlen.

Welche Insektizide werden gegen Mücken eingesetzt?

Häufig werden die Blutsauger mit einem Gemisch aus Diesel und dem Gift Malathion eingenebelt. Auch 2014 hatte das Gesundheitsministerium dieses Mittel gegen Denguefieber verwendet - welche aktuell eingesetzt werden, wurde bisher nicht mitgeteilt. Die Gefahr, die bei Malathion entstehen kann: Verdünnt man das Mittel zu stark, können die Tiere Resistenzen entwickeln - das ist auch schon bei anderen Insektiziden vorgekommen. Weitere Mittel, die von der WHO für den flächendeckenden Einsatz empfohlen werden, sind Deltamethrin, das bei Hunden etwa auch in Flohhalsbändern enthalten ist, oder das Nervengift Cyhalothrin.

Auch das Aufbringen von dünnen Ölfilmen auf der Oberfläche von Brutgewässern kann helfen: Larven und Puppen sterben, weil sie nicht mehr atmen können, und die Eiablage der Tiere wird erschwert. Bewährte Mittel sind etwa Liparol, das ab den Siebzigerjahren als DDT-Alternative eingesetzt wurde.

Videointerview zum Zika-Virus: "In Deutschland muss sich niemand Sorgen machen"

Reuters/SPIEGEL ONLINE

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Zika-Virus in Brasilien: "Mein Herz hörte fast auf zu schlagen"
Das Zika-Virus - von der Entdeckung bis zum globalen Notstand
1947: Bei einem Rhesusaffen aus dem Zika-Wald in Uganda wird das Virus erstmals nachgewiesen.
  • 1952: Forscher finden den Erreger bei Menschen in Uganda und Tansania. In den folgenden Jahrzehnten werden jedoch nur vereinzelte Infektionen aus Afrika und Südasien bekannt.
  • 2007: Im Pazifik-Raum häufen sich Infektionen, es kommt zu Fällen auf den Yap-Inseln - damals waren offenbar sogar über 70 Prozent der Bevölkerung im Alter von über drei Jahren betroffen. Seit 2013 gibt es laut Weltgesundheitsorganisation weitere Fälle in Afrika und Amerika.
  • November 2015: Der erste bekannte große Ausbruch nimmt seinen Anfang in Brasilien. Eine Häufung von Schädelfehlbildungen bei Neugeborenen geht nach Ansicht von Fachleuten auf das Virus zurück.
  • Dezember 2015: Nach Angaben des brasilianischen Regierung sind die Verdachtsfälle im Land sprunghaft angestiegen.
  • Januar 2016: Die Behörden in Jamaika und Kolumbien empfehlen, geplante Schwangerschaften aufzuschieben. In Deutschland gab es seit 2013 mehrere Fälle bei zurückkehrenden Reisenden, davon mindestens fünf in Zusammenhang mit dem aktuellen Ausbruch in Lateinamerika.
Februar 2016: Die Weltgesundheitsorganisation erklärt den globalen Gesundheitsnotstand. Es gebe eine starke räumliche und zeitliche Verbindung zwischen Zika und dem Auftreten von Schädelfehlbildungen


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