Tropisches Virus Warum wir uns wegen Zika keine Sorge machen müssen

Auch nach Deutschland haben Reisende das Zika-Virus eingeschleppt. Doch Experten geben Entwarnung - Anzeichen für eine Ausbreitung gebe es nicht. Obwohl die übertragenden Mücken in Süddeutschland vorkommen.

Aedes Mücke: Überträger des Virus
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Aedes Mücke: Überträger des Virus


Für die meisten Menschen ist es harmlos - aber Schwangere müssen aufpassen. Denn das Zika-Virus steht im Verdacht, bei Neugeborenen eine Schädeldeformation zu verursachen, die oft mit geistigen Entwicklungsstörungen verbunden ist, die sogenannte Mikrozephalie. Von Brasilien ausgehend hat sich das Virus sehr schnell in Süd- und Mittelamerika ausgebreitet.

Dennoch sehen Experten für Deutschland nahezu keine Gefahr - obwohl eine Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums am Freitag offiziell fünf Fälle bestätigt hat.

"Das Zika-Virus wird sich nicht in Deutschland ansiedeln", sagt der Bonner Virologe Christian Drosten von der Gesellschaft für Virologie (GfV). Es gebe derzeit "keinerlei Anzeichen" dafür, dass das Virus künftig über in Deutschland vorkommende Moskitos übertragen werden könnte. Die wenigen hierzulande bekannten Zika-Infektionen wurden alle eingeschleppt. "Wären die Bedingungen in Deutschland ganzjährig gegeben, wäre Deutschland längst ein Verbreitungsgebiet des Dengue-Fiebers, das sich seit Jahren sehr viel stärker ausbreitet als das Zika-Virus", erklärte der GfV-Experte Drosten.

Ähnlich hatten sich zuvor bereits das Berliner Robert Koch-Institut (RKI) und Tropenmediziner geäußert, die die Gefahr für Deutschland als gering einschätzen. Auch die Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin (DTG) und das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg erwarten keine Verbreitung des Virus durch eingeschleppte Fälle in Deutschland.

Zika-Viren nutzen wie die Erreger des Denguefiebers die Mückenart Aedes aegypti, um sich zu verbreiten. Eine Ansteckung von Mensch zu Mensch ist nicht möglich. Die sogenannte Gelbfiebermücke kommt in Deutschland gar nicht vor. Eine weitere, mögliche Überträgerin, die Asiatische Tigermücke, gibt es nur sehr punktuell in Süddeutschland.

Wo die wilden Mücken wohnen
Das RKI hält die Wahrscheinlichkeit von in Deutschland erworbenen Zikavirus-Infektionen ebenfalls für sehr gering. Dass infizierte Patienten und die Asiatische Tigermücke aufeinandertreffen und das Virus dadurch übertragen wird, sei prinzipiell denkbar, aber auch im Sommer statistisch unwahrscheinlich, erklärte RKI-Experte Klaus Stark.

Diese Situation könnte sich theoretisch in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten ändern, wenn sich die Asiatische Tigermücke flächendeckend in Süddeutschland ausbreite und zugleich mehr Zikavirus-Infektionen importiert würden, fügte Stark hinzu.

Drei bis vier Millionen Kranke

Das besonders für Ungeborene während der Schwangerschaft gefährliche Virus grassiert derzeit vor allem in Südamerika - Brasilien ist mit über eine halbe Million Infektionen bislang am stärksten betroffen. 4180 Fälle von Schädelfehlbildungen (Mikrozephalie) wurden dort gezählt. 68 Babys starben bisher.

Inzwischen wurde es auch in mindestens sieben europäischen Ländern diagnostiziert. Reisende, die binnen drei Wochen nach der Rückkehr aus einem von Zika betroffenen Land Symptome wie Fieber, Kopfschmerzen oder Hautrötungen feststellen, sollten laut RKI einen Arzt aufsuchen und auf die Reise hinweisen. Ein Bluttest kann dann definitiven Aufschluss geben.

Am Montag will die Weltgesundheitsorganisatin (WHO) in einer Dringlichkeitssitzung entscheiden, ob die Ausbreitung des Virus zum internationalen Gesundheitsnotfall erklärt wird. Die WHO geht davon aus, dass der Erreger in den kommenden Monaten drei bis vier Millionen Menschen in Süd- und Mittelamerika infizieren könnte.

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Das Virus führt bei etwa 20 Prozent der Infizierten zu grippeähnlichen Symptomen und ist normalerweise nicht tödlich. Schwangere können die Erkrankung aber auf ihre ungeborenen Kinder übertragen, bei denen es zu den gefährlichen Fehlbildungen führen kann.

Der wissenschaftliche Beweis steht zwar noch aus, aber ein Zusammenhang gilt als sehr wahrscheinlich. Bislang gibt es keinen Impfstoff gegen das Virus und kein Medikament zur Behandlung Erkrankter.

Allerdings wird zumindest an einer Impfung gearbeitet. Laut dem kanadischen Forscher Gary Kobinger könnte ein Mittel, an dem er zusammen mit einigen Kollegen forscht, bereits im Oktober oder November in einer experimentellen Phase für Notfälle eingesetzt werden - ähnlich, wie es auch bei Ebola gemacht wurde.

Wann das Mittel marktfähig sein könnte und in welcher Testphase es derzeit sei, sagt Kobinger, der schon an der Entwicklung eines Ebola-Impfstoffs in Guinea beteiligt war, allerdings nicht.

joe/AFP/Reuters

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