Neurologische Krankheit Zika kann Guillain-Barré-Syndrom auslösen

Das Zika-Virus steht schon länger unter dem Verdacht, eine schwere neurologische Krankheit namens Guillain-Barré-Syndrom hervorzurufen. Französische Forscher wollen jetzt den Beleg dafür gefunden haben.

Nervenzellen (Illustration): Warum erkranken Zika-Infizierte häufiger an einem Guillain-Barré-Syndrom?
Corbis

Nervenzellen (Illustration): Warum erkranken Zika-Infizierte häufiger an einem Guillain-Barré-Syndrom?


Das derzeit in Südamerika grassierende Zika-Virus kann Forschern zufolge eine schwere Nervenkrankheit auslösen, die unter dem Namen Guillain-Barré-Syndrom bekannt ist. Ein Team vom Institut Pasteur in Paris hat nach eigenen Angaben erstmals einen sicheren Zusammenhang zwischen dem Virus, das auch Fehlbildungen bei Babys hervorrufen soll, und der entzündlichen Nervenkrankheit hergestellt.

Grundlage der am Dienstag in der Fachzeitschrift "The Lancet" veröffentlichten Studie sind Daten aus Französisch-Polynesien. In dem französischen Überseegebiet im Südpazifik waren zwischen Oktober 2013 und April 2014 rund 200.000 Bewohner von einer Zika-Epidemie betroffen. Während in den Vorjahren jeweils zwischen drei und zehn Menschen das Guillain-Barré-Syndrom (GBS) entwickelten, stieg die Zahl der Diagnosen von November bis Februar auf 42.

Bei GBS handelt es sich um eine seltene neurologische Krankheit, bei der Lähmungen von den Beinen aufsteigen und mitunter bis zu den Hirnnerven und der Atemmuskulatur fortschreiten. Dann kann nur noch eine intensivmedizinische Behandlung mit Beatmung die Betroffenen retten. Rund 20 Prozent der Patienten behalten schwere Behinderungen zurück, etwa fünf Prozent sterben an der Krankheit.

Antikörper, die das Zika-Virus neutralisieren

Der Erkrankung, die häufig auch mit Gefühlsstörungen und Herzrhythmusstörungen einhergeht, liegt vermutlich ein Autoimmunprozess zugrunde: Etwa 60 bis 70 Prozent der Betroffenen haben kurz zuvor eine Infektionskrankheit durchgemacht. Die Annahme, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Zika-Virus und der Nervenkrankheit GBS gibt, besteht bereits seit Längerem, jetzt liege der "erste Beweis" vor, so die Forscher.

Um einen kausalen Zusammenhang zu prüfen, untersuchten die Forscher nun Blutproben der 42 GBS-Patienten. Alle hatten Antikörper, die das Zika-Virus neutralisieren. Zudem hatten 88 Prozent der Patienten im Krankenhaus von Zika-Symptomen wie Fieber, Gelenkschmerzen oder Bindehautentzündung berichtet. Diese traten im Mittel sechs Tage vor Beginn der neurologischen Beschwerden auf.

In einer Kontrollgruppe gleichen Alters und Wohnorts, die sich wegen anderer Beschwerden in Krankenhäusern meldeten, lag der Anteil nur bei 56 Prozent. Zwar hatten auch 95 Prozent der GBS-Patienten Antikörper gegen das ebenfalls in der Region heimische Dengue-Virus, aber dieser Anteil war in der Kontrollgruppe ähnlich hoch. "Dies ist die erste Studie, die eine Zika-Infektion als Ursache für das Guillain-Barré-Syndrom belegt", schreibt das Team.

Keine voreiligen Schlüsse ziehen

Die Forscher kalkulieren anhand ihrer Daten, dass 24 von 100.000 Menschen, die sich mit dem Zika-Virus anstecken, GBS entwickelten. Damit würde die Infektion das Erkrankungsrisiko, das sonst pro Jahr bei 1 bis 4 von 100.000 Menschen liegt, deutlich steigern. Unklar ist allerdings noch, auf welchem Weg das Zika-Virus das Guillain-Barré-Syndrom auslöst. Die von der aktuellen Zika-Epidemie betroffenen Länder sollten sich notfallmedizinisch auf eine Welle von GBS-Patienten in den kommenden Monaten einstellen, mahnen die Forscher in "The Lancet".

Insgesamt verlief die Krankheit in Französisch-Polynesien etwas milder als gewöhnlich. 16 Patienten kamen auf die Intensivstation, zwölf mussten beatmet werden, keiner von ihnen starb. 24 Patienten konnten nach drei Monaten wieder selbstständig gehen.

In einem begleitenden Kommentar betont David Smith von der University of Western Australia, dies sei "der erste starke Beleg dafür, dass das Zika-Virus das Guillain-Barré-Syndrom verursachen kann". Gleichwohl warnt er vor voreiligen Schlüssen: Man wisse nicht, ob das derzeit zirkulierende Zika-Virus identisch mit dem damaligen sei und ob es in Bevölkerungen anderer Weltregionen ähnliche Folgen habe.

"Bislang fehlte eine Studie, die den Zusammenhang zwischen Zika und GBS sauber belegte", sagt Daniela Huzly vom Universitätsklinikum Freiburg, die nicht an der Untersuchung beteiligt war. Nun sei der Zusammenhang mehr oder weniger gesichert, allerdings müsse das Resultat noch in einer zweiten Studie bestätigt werden. Wichtig sei nun, dass die betroffenen Länder dafür sorgten, Menschen mit Guillain-Barré-Syndrom intensivmedizinisch behandeln zu können, insbesondere mit Beatmungsgeräten.

SPIEGEL ONLINE

Das von Mücken übertragene Zika-Virus grassiert derzeit vor allem in Südamerika. Besonders betroffen ist Brasilien: Die Zahl der Zika-Infektionen wird dort auf 1,5 Millionen geschätzt. Das Virus steht auch im Verdacht, Mikrozephalie bei Babys auszulösen, eine Missbildung des Kopfes. Es gilt damit als besonders gefährlich für Schwangere. Zum Zusammenhang zwischen Zika und Mikrozephalie laufen derzeit ebenfalls wissenschaftliche Untersuchungen.

Für gesunde Nichtschwangere birgt das Virus kaum eine Gefahr. Rund 80 Prozent der Infizierten bemerken nichts von ihrer Ansteckung. Die anderen entwickeln in der Regel nur leichtes Fieber, eine Hautausschlag und gerötete Augen. Wer sich einmal angesteckt hat, ist gegen das Virus immun.

In Frankreich ist kürzlich bekannt geworden, dass sich eine Frau durch ungeschützten Sex mit ihrem aus Brasilien zurückgekehrten Lebensgefährten angesteckt hatte. Texas hatte Anfang Februar eine Infektion durch Geschlechtsverkehr gemeldet.

hei/AFP/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.