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Mikrozephalie: Brasilien verschleppt den Zika-Beweis

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Mit Mikrozephalie geboren: Eine Brasilianerin badet ihre vier Monate alte Tochter Luana Vieira Zur Großansicht
REUTERS

Mit Mikrozephalie geboren: Eine Brasilianerin badet ihre vier Monate alte Tochter Luana Vieira

Zwischen Zika-Virus und Fehlbildungen bei Kindern gibt es offenbar einen Zusammenhang, doch noch fehlt Forschern der letzte Beleg. Das liegt auch an den zögerlichen Behörden in Brasilien.

Die Welt schaut auf Kinder, die mit einem viel zu kleinen Kopf geboren werden. Weil sich die Fälle der Fehlbildung in Brasilien häufen, rief die Regierung bereits im November den Gesundheitsnotstand aus. Vergangene Woche folgte die Weltgesundheitsorganisation (WHO).

In der Wahrnehmung vieler Menschen ist die Fehlbildung eng mit dem in Lateinamerika grassierenden Zika-Virus verbunden. Länder raten Schwangeren von Reisen in Zika-Gebiete ab, für Brasilien scheint der Überträger des Virus, die Gelbfieber-Mücke, der Staatsfeind Nummer eins.

Dennoch betonen Medien und Experten immer wieder, dass der endgültige Beweis für einen Zusammenhang zwischen dem Virus und den kleinen Köpfchen noch aussteht. Wie kann das sein?

Erste Hinweise aus Französisch Polynesien

Forscher entdeckten das Zika-Virus bereits vor mehr als 60 Jahren in Uganda, anschließend galt es lange als harmlos. Leichtes Fieber, ein Hautausschlag, rote Augen, mehr war nicht zu fürchten - dachte man. Bis Mediziner Ende 2014 den ersten Hinweis auf eine Gefahr für Ungeborene dokumentierten.

Das Virus hatte kurz zuvor Französisch Polynesien erreicht, innerhalb eines halben Jahres infizierte sich rund jeder Zehnte der knapp 300.000 Bewohner. In den folgenden Monaten brachten 17 Frauen Babys mit einem deutlich zu kleinen Kopf zur Welt, normal sind null bis zwei Fälle pro Jahr. Keine der Mütter konnte sich an eine Erkrankung erinnern, schreibt das Robert Koch-Institut. Bei vier Frauen entdeckten die Forscher jedoch Antikörper gegen Flaviviren im Blut, zu denen das Zika-Virus zählt. Mehr Frauen untersuchten sie nicht.

Der Verdacht auf das Virus erhärtete sich deshalb erst, als der Krankheitserreger kurze Zeit später das bevölkerungsreiche Brasilien erreichte. Innerhalb weniger Wochen erkrankten im Norden des Landes Tausende Menschen, die meisten entwickelten auch hier nicht mehr als leichtes Fieber, gerötete Augen und Hautausschlag. Mit kurzer Verzögerung jedoch kamen in den Kreißsälen immer mehr Babys zur Welt, die einen auffällig kleinen Kopf hatten. Ihre Diagnose: Mikrozephalie.

Infektionen eine der häufigsten Ursachen

Mittlerweile sprechen mehrere Tausend Mikrozephalie-Verdachtsfälle für einen Zusammenhang zwischen dem Virus und den kleinen Köpfchen. Neben der zeitlichen und örtlichen Verbindung ist auch aus einem anderen plausibel, dass die Viren zu der Fehlbildung führen: Infektionen während der Schwangerschaft, etwa mit Röteln oder Herpes-Viren, zählen zu den häufigsten Ursachen für eine Mikrozephalie. Hinzu kommen Verkalkungen im Gehirn der Babys in Brasilien, die bei Schäden durch Herpeserreger ebenfalls auftreten.

Anfang Februar eilten Experten der WHO zu einer Notfallsitzung zusammen, um die Daten zu diskutieren. Ist das Virus wirklich der Übeltäter? Oder übersahen alle etwas, das die Fehlbildungen ebenfalls erklären könnte? Sie wurden nicht fündig. Die Experten entschieden sich, zum internationalen Kampf gegen das Virus aufzurufen, ließen aber trotzdem ein wenig Raum für Zweifel: Der Zusammenhang zwischen Zika und Mikrozephalie sei sehr wahrscheinlich, aber nicht belegt, lautete ihr Fazit.

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Klarheit könnte nur eine Studie aus Brasilien liefern. Die Experten des Landes müssten Hunderte betroffene und nicht betroffene Mütter befragen, sie und ihre Kinder untersuchen, Proben sammeln und die Ergebnisse miteinander vergleichen. Wer hatte während der Schwangerschaft das typische Fieber oder einen Hautausschlag? Bei wem lassen sich Virus oder Antikörper nachweisen? Und wer brachte erkrankte Kinder zur Welt?

Geht es nach Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, müsste die entscheidende Studie schon in wenigen Tagen oder Wochen erscheinen. "Wenn wir nicht bald mehr erfahren, wird es peinlich für das Land", sagt er. "Die USA hätten die Daten wahrscheinlich innerhalb einer Woche zusammengetragen." Brasilien gebe jedoch auch selten Proben heraus, um sich unterstützen zu lassen.

Letzte Sicherheit wäre Frage weniger Wochen

Wie schwer sich das Land mit der Analyse tut, zeigt ein Blick auf die aktuellen Mikrozephalie-Zahlen. Bis zum 30. Januar dokumentierten die Behörden mehr als 4700 Verdachtsfälle, überprüft haben Experten erst um die Tausend: 709 verwarfen sie, bei 17 Fällen konnten sie eine Zika-Infektion nachweisen und bei 387 fanden sie Hinweise auf eine Infektion vor der Geburt. Bei mehr als 3000 ist demnach noch unklar, ob die Kinder überhaupt ein zu kleines Köpfchen haben.

So lässt sich bislang noch nicht abschätzen, welche Ausmaße die Verbreitung der kleinen Köpfchen hat - und wie gefährlich das Virus für einzelne Schwangere überhaupt ist. Kommt es etwa nur unter bestimmten Voraussetzungen zu den Fehlbildungen - zum Beispiel, wenn sich die Frauen in einer bestimmten Phase der Schwangerschaft infizieren oder eine bestimmte Immunanlage haben? "Auch das lässt sich nur klären, wenn die Betroffenen untersucht und befragt werden", sagt Schmidt-Chanasit.

Zumindest eine Antwort gibt es jetzt schon: Wie konnte es sein, dass - sollte sich der Verdacht bestätigen - die dunkle Seite des Zika-Virus so lange unentdeckt blieb? Grund dafür sind nicht nur die Hunderttausenden Infizierten, durch die sich selbst seltene Phänomene häufen. Eine Ursache ist auch, dass Menschen nach einer Zika-Infektion immun sind. In Gegenden, in denen der Erreger schon länger zirkuliert, dürften das bei vielen lange vor der Geburt des ersten Kindes der Fall sein. Gefährlich für das Ungeborene ist nur die erste Infektion.

Auch in Lateinamerika wird der Erreger so wohl einen Teil seiner Gefährlichkeit verlieren. Bis dahin müssen Forscher jedoch erst einmal herausfinden, wie groß diese Gefahr überhaupt ist.

Zur Autorin
  • Jeannette Corbeau
    Irene Berres, studierte Wissenschaftsjournalistin, hat sich auf Themen rund um den Körper spezialisiert. Sie ist Redakteurin im Ressort Wissenschaft und Gesundheit bei SPIEGEL ONLINE.

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1.
Rosmarinus 11.02.2016
Zur Verteidigung der Brasilianer: Der Nachweis einer Zikavirus-Infektion ist meines Wissens so einfach nicht. Sicher geht das über den Direktnachweis des Virus, der ist aber nur vier bis fünf Tage im Blut vorhanden. Indirekte Nachweise über Antikörper ist nicht ganz so sicher, da auch solche gegen andere Flaviviren zu einer falschen Positivmeldung führen können. Gelbfieber ist zum Beispiel auch ein Flavivirus gegen den in Brasilien geimpft wird - vielleicht erschwert das den Nachweis von Zikavirus-Infektionen zusätzlich?
2. Seltsam
wanderer777 11.02.2016
Woher weiss man denn das "in Brasilien inerhalb weniger Wochen tausende an leichtem Fieber und geröteten Augen erkrankten"? Schliesslich geht doch niemand wegen solch leichter Symptome zum Arzt. Welche Informationsquellen wurden hier genutzt?
3. In der FAZ stand das schon besser drin
spon-facebook-10000253305 11.02.2016
Letzte Woche kam in der FAZ: http://www.faz.net/aktuell/wissen/who-will-klarheit-wie-viel-uebertreibung-steckt-in-der-zika-epidemie-14053215.html eine schöne Übersicht über den derzeitigen Stand, wonch das Auftreten eher statistischer Natur ist, als Zika verursacht. so haben die Gesundheitsbehörden z.B. im Herbst die Ärzte darauf hingewiesen auf solche Fälle zu achten (also mehr Aufmerksamkeit) und gleichzeitig die Grenzen für Mikrozephalie angepasst... Sprich, das ist eher Hysterie, als wahrscheinlich ein Zusammenhang
4.
Msc 11.02.2016
Zitat von wanderer777Woher weiss man denn das "in Brasilien inerhalb weniger Wochen tausende an leichtem Fieber und geröteten Augen erkrankten"? Schliesslich geht doch niemand wegen solch leichter Symptome zum Arzt. Welche Informationsquellen wurden hier genutzt?
Mussten sie schonmal in einer Arztpraxis während der Sprechstunde warten? Manche Leute gehen wegen Kratzern und Kopfschmerzen zum Arzt. Und wenn man Eltern mit Kindern heutzutage sieht, da würden einige auch schon mit 0,1°C Fieber zum Arzt rennen.
5. Vielleicht
dr.u. 11.02.2016
Vielleicht ist das (original) Zika-Virus ja gar nicht so schädlich für die Embryoentwicklung. Vielleicht haben wir es mit einer Variante, einer Mutation von Zika zu tun, die diese schrecklichen (Neben)wirkung auf Embryonen hat. Hochinteressant, wenn auch Spekulativ, sind die Ausführungen hier: http://www.theecologist.org/News/news_analysis/2987024/pandoras_box_how_gm_mosquitos_could_have_caused_brazils_microcephaly_disaster.html
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Das Zika-Virus - von der Entdeckung bis zum globalen Notstand
1947: Bei einem Rhesusaffen aus dem Zika-Wald in Uganda wird das Virus erstmals nachgewiesen.
  • 1952: Forscher finden den Erreger bei Menschen in Uganda und Tansania. In den folgenden Jahrzehnten werden jedoch nur vereinzelte Infektionen aus Afrika und Südasien bekannt.
  • 2007: Im Pazifik-Raum häufen sich Infektionen, es kommt zu Fällen auf den Yap-Inseln - damals waren offenbar sogar über 70 Prozent der Bevölkerung im Alter von über drei Jahren betroffen. Seit 2013 gibt es laut Weltgesundheitsorganisation weitere Fälle in Afrika und Amerika.
  • November 2015: Der erste bekannte große Ausbruch nimmt seinen Anfang in Brasilien. Eine Häufung von Schädelfehlbildungen bei Neugeborenen geht nach Ansicht von Fachleuten auf das Virus zurück.
  • Dezember 2015: Nach Angaben des brasilianischen Regierung sind die Verdachtsfälle im Land sprunghaft angestiegen.
  • Januar 2016: Die Behörden in Jamaika und Kolumbien empfehlen, geplante Schwangerschaften aufzuschieben. In Deutschland gab es seit 2013 mehrere Fälle bei zurückkehrenden Reisenden, davon mindestens fünf in Zusammenhang mit dem aktuellen Ausbruch in Lateinamerika.
Februar 2016: Die Weltgesundheitsorganisation erklärt den globalen Gesundheitsnotstand. Es gebe eine starke räumliche und zeitliche Verbindung zwischen Zika und dem Auftreten von Schädelfehlbildungen

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