Mikrozephalie in Brasilien "Er wird nie ein normaler Junge sein"

In Brasilien müssen sich jetzt viele Familien auf ein Leben mit einem behinderten Kind einstellen - vermutlich hat das Zika-Virus bei den Neugeborenen Mikrozephalie ausgelöst. Wie gehen sie damit um?

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Die Ventilatoren an der Decke schaffen kaum Erleichterung. In brütender Hitze sitzen Mütter und Väter mit ihren Säuglingen im Wartezimmer des Krankenhauses Irmã Dulce im brasilianischen Salvador. Mateus hält seinen Sohn im Arm. Der kleine Pietro kam vor zwei Monaten zur Welt - mit einem ungewöhnlich kleinen Kopf. Mikrozephalie lautet die Diagnose, wie bei allen anderen Kindern auch, die an diesem Tag in die Klinik gekommen sind.

Seit Herbst wurden in Brasilien mehr als 4000 Babys mit Verdacht auf Mikrozephalie geboren. Der sprunghafte Anstieg dieser Fehlbildung wird auf die Ausbreitung des Zika-Virus zurückgeführt. Letzte wissenschaftliche Beweise für einen Zusammenhang stehen zwar noch aus, die WHO spricht jedoch von ernst zu nehmenden Indizien und hat den globalen Notstand ausgerufen.

Nicht nur der Kopf, sondern auch das Gehirn der betroffenen Kinder ist deutlich verkleinert. Sie sind häufig geistig behindert und auch in ihrer körperlichen Entwicklung beeinträchtigt. Viele Familien in Brasilien müssen sich nun auf das Leben mit einem behinderten Kind einstellen.

"Ich hatte so viele Träume"

Pietros Mutter Kleisse war im fünften Monat schwanger, als sie sich vermutlich mit Zika infizierte. "Ich ging zum Arzt, und der sagte mir, dass keine Gefahr für das Baby bestehe", erzählt die 24-Jährige. "Aber als Pietro am 22. November geboren wurde, erfuhren wir, dass er nie ein normaler kleiner Junge sein würde."

Ausbreitung des Zika-Virus
"Die Diagnose schlug bei mir ein wie eine Bombe", sagt Pietros Vater Mateus, während er sein Kind wieder und wieder küsst. "Ich hatte so viele Träume - dass er Sport macht, gesund und stark ist." Nach der Geburt habe sie nur geweint, sagt die Mutter. "Inzwischen habe ich mich beruhigt, aber ich mache mir Sorgen um seine Zukunft. Wird er jemals laufen und sprechen können?"

Seit sich die Fälle von Mikrozephalie häufen, hat die Abteilung für Kinderneurologie in Salvador mittwochs eine Sprechstunde für Betroffene eingerichtet. In der ersten Woche im November wurden sechs Babys zur Sprechstunde gebracht, zwei Wochen später waren es 19 - inzwischen gibt es Wartelisten. Es sei sehr wichtig, die intakten Bereiche des Gehirns der Säuglinge mit Mikrozephalie so früh wie möglich zu stimulieren, sagt die Leiterin der Station, Janeusa Primo.

"Teuflische Mücken"

Auf den ersten Blick wirkt Pietro gesund. Doch bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass sein Kopf und auch der kleine Körper ungewöhnlich starr sind. "Mücken haben uns immer gestochen, aber erst jetzt gibt es das Problem", sagt Kleisse. "Hätte ich das gewusst, hätte ich mich besser geschützt." Ihr Mann flucht: "Teuflische Mücken". Mateus und Kleisse sind noch dabei, sich an ein Leben mit einem voraussichtlich behinderten Kind zu gewöhnen.

Mateus erzählt von einer Mutter aus der Klinik, die ihr Baby unter Tüchern versteckte. "Sie sagte mir, dass sie sich für ihr Baby schäme", sagt er. "Aber du musst dein Kind lieben. Es wäre auch lieber ohne diese Krankheit geboren. Du muss es einfach lieben." In diesem Moment dreht Pietro das Köpfchen zu seinem Vater. "Das hat er jetzt verstanden", sagt seine Mutter und lacht.

Reuters/SPIEGEL ONLINE

joe/AFP

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