Rätselhaftes Virus WHO beruft Notfallsitzung zu Zika-Epidemie ein

Die Zika-Epidemie hat sich bereits in 20 Staaten in Süd- und Mittelamerika ausgebreitet, nun könnte die Weltgesundheitsorganisation den globalen Notfall ausrufen. Das Virus steht im Verdacht, schwere Fehlbildungen bei Säuglingen auszulösen.

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Im Oktober 2015 berichtete Brasilien erstmals, dass in dem Land ungewöhnlich häufig Säuglinge mit zu kleinen Köpfen geboren werden. Schnell gab es einen Verdacht: Das Zika-Virus könnte für die ungewöhnliche Häufung verantwortlich sein. Der Zusammenhang ist bis heute nicht sicher nachgewiesen, das Virus aber breitet sich aus und hat inzwischen über 20 Staaten in Süd- und Mittelamerika erreicht.

Die Zika-Epidemie verbreite sich "explosionsartig" auf dem amerikanischen Kontinent, erklärte die Chefin der Weltgesundheitsorganisatin (WHO) Margaret Chan am Donnerstag in Genf. Am Montag will die WHO in einer Dringlichkeitssitzung entscheiden, ob die Ausbreitung des Zika-Virus zum internationalen Gesundheitsnotfall erklärt wird. Einige Staaten haben Frauen bereits empfohlen, geplante Schwangerschaften bis auf Weiteres zu verschieben.

Im Fall der Ausrufung eines weltweiten Gesundheitsnotfalls würde die WHO für alle Staaten dringende Maßnahmen zur Vorbeugung von Ansteckungen sowie zur Eindämmung des Erregers empfehlen. Dazu können Vorsichtsmaßnahmen bei Reisen gehören.

Die WHO geht davon aus, dass das Zika-Virus in den kommenden Monaten drei bis vier Millionen Menschen in Süd- und Mittelamerika infizieren könnte. Probleme drohen auch im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen im August: In Rio de Janeiro, wo die Spiele stattfinden sollen, hat die Zahl an Schädelfehlbildungen bei Babys und Embryonen deutlich zugenommen.

Ausbreitung des Zika-Virus
Zugleich warnte die WHO vor Panik. "Zika ist nicht Ebola", sagte Gesundheitsdirektor Marcos Espinal. Die Krankheit wird durch Mücken verbreitet. Der Kampf gegen die Überträger sei daher entscheidend. Brasilien habe dabei bereits gute Fortschritte gemacht. Im Kampf gegen die Ausbreitung der Ägyptischen Tigermücke, die das Virus überträgt, will der Staat bis zu 220.000 Soldaten einsetzen.

Im Zusammenhang mit Ebola wurde der WHO immer wieder vorgeworfen, zu Beginn der Epidemie nicht schnell genug reagiert zu haben. Das soll bei Zika offenbar nicht wieder passieren.

Vorsichtsmaßnahmen vor Karneval

Im Gegensatz zu Ebola ruft Zika bei den meisten Menschen keine schweren Erkrankungen hervor. Bei etwa 20 Prozent der Infizierten führt es zu grippeähnlichen Symptomen wie leichtem Fieber, Kopf- und Gelenkschmerzen sowie Hautrötungen. Viele Infizierte merken so gar nicht, dass sie betroffen sind. Vor der starken Ausbreitung galt das Virus daher auch als eher harmlos.

Video: Zika-Virus in Brasilien - Die Angst der Mütter

Brasilien ist bislang am stärksten betroffen. In dem Land gibt es über eine halbe Million Infektionen. Seit vergangenem Jahr wurden 4180 Fälle von Schädelfehlbildungen (Mikrozephalie) festgestellt - 68 Babys starben bisher. Wie sich nun zeigt, werden sich nicht alle Mikrozephalie-Fälle bestätigen. 700 haben die Behörden bislang überprüft, doch nur bei 270 traf die Diagnose zu.

Zudem gibt es bislang nur zwölf Fälle, wo Schwangere, deren Kinder mit Schädelfehlbildungen geboren wurden, sich zuvor nachweislich mit Zika infiziert hatten. Mikrozephalie führt meist wegen eines zu kleinen Gehirns zu geistiger Behinderung. Dass das Zika-Virus tatsächlich durch die Planzenta auf das Kind übertragen wird, muss allerdings noch nachgewiesen werden.

Brasiliens Staatspräsidentin Dilma Rousseff kündigte für nächsten Dienstag ein Krisentreffen der Gesundheitsminister des südamerikanischen Staatenbunds Mercosur an. Vor dem nächste Woche beginnenden Karneval sollen auch in der Hauptveranstaltungsstätte, dem Sambadrom in Rio de Janeiro, die Moskitos mit Spezialmitteln bekämpft werden, damit keine Gefahr für die Besucher besteht. Es werden bis zu eine Million Menschen zum Karneval erwartet.

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In Rio de Janeiro hat die Zahl an Schädelfehlbildungen bei Babys und Embryonen deutlich zugenommen. Im gesamten Bundesstaat stieg die Zahl seit Januar 2015 auf nun 171, davon 34 bei noch ungeborene Embryonen.

Verbreitung zunächst vor allem in Affen

Zuletzt hatte Honduras etwa tausend Infektionen mit dem Zika-Virus nachgewiesen. Die Behörden untersuchten zudem einen Todesfall, der durch den Erreger verursacht worden sein könnte, wie der stellvertretende Gesundheitsminister, Francis Contreras, mitteilte. In dem mittelamerikanischen Land habe es seit Jahren immer wieder Zika-Infektionen gegeben, hieß es.

Auch registrierte das Nachbarland Nicaragua zwei Erkrankungen, wie das örtliche Gesundheitsministerium mitteile. Betroffen waren demnach zwei Frauen in der Hauptstadt Managua. Den Behörden zufolge war der Zustand der Patientinnen stabil.

In Deutschland wurde laut Robert-Koch-Institut zuletzt bei zwei Reiserückkehrern aus Haiti eine Zika-Infektionen diagnostiziert. Reisende, die binnen drei Wochen nach der Rückkehr aus einem von Zika betroffenen Land Symptome wie Fieber, Kopfschmerzen oder Hautrötungen feststellen, sollten laut RKI einen Arzt aufsuchen und auf die Reise hinweisen. Ein Bluttest kann dann definitiven Aufschluss geben.

Das Zika-Virus ist 1947 erstmals bei einem Affen aus dem Zikawald Ugandas in Afrika festgestellt worden. Es tauchte anschließend vereinzelt auch in Asien und dann stärker 2013 in Französisch-Polynesien auf.


Zusammengefasst: Am Montag will die WHO darüber beraten, das Zika-Virus zum internationalen Gesundheitsnotfall auszurufen. Bis vor wenigen Monaten galt das Virus als relativ harmlos, da es in der Regel nur milde Krankheitssymptome hervorruft. Nun steht es jedoch im Verdacht, schwere Fehlbildungen bei Embryos hervorzurufen, deren Mütter infiziert sind.

jme/dpa/AP/AFP

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