Mysteriöses Zika-Virus Die Angst vor dem zu kleinen Köpfchen

Infektionswelle in Lateinamerika: Kolumbien meldet mehr als 11.000 Zika-Fälle. Das Virus steht im Verdacht, Fehlbildungen während der Schwangerschaft auszulösen. Der Grund: In Brasilien kommen immer mehr Kinder mit einem zu kleinen Kopf auf die Welt.

AP

In Kolumbien haben sich mehr als 11.000 Menschen mit dem Zika-Virus infiziert, das möglicherweise auch für Fehlbildungen bei Babys verantwortlich sein könnte. Seit Oktober vergangenen Jahres seien 11.613 Ansteckungen nachgewiesen worden, teilte das Gesundheitsministerium des südamerikanischen Landes am Samstag mit. Auch die Zahl der Infektionen mit Denguefieber nimmt deutlich zu, in Brasilien ist sie im vergangenen Jahr auf 1,649 Millionen gestiegen. Die neuesten Daten des Gesundheitsministeriums zeigen eine Zunahme um 178 Prozent im Vergleich zu 2014.

Zika stammt ursprünglich aus Uganda - dort wurde es vor knapp 40 Jahren erstmals beschrieben. Übertragen wird das Virus von Aedes-Mücken, zu denen verschiedene Arten zählen und die Krankheiten mit teilweise ähnlichen Symptomen übertragen, etwa das gefährliche Denguefieber, das Chikungunyafieber und Gelbfieber. Eine Infektion mit Zika-Viren, schreibt das Auswärtige Amt, verlaufe häufig ohne oder nur mit milden Symptomen. Es kann aber mit Fieber, Hautausschlag, Muskel-, Kopf- und Gelenkschmerzen einhergehen - und möglicherweise mit Schäden beim ungeborenen Kind. In Kolumbien seien mindestens 459 Schwangere infiziert, so das Gesundheitsministerium.

Im November sollen brasilianischen Forschern zufolge Zika-Genspuren im Fruchtwasser von zwei Schwangeren nachgewiesen worden sein, bei deren Kindern ein zu kleiner Kopf im Ultraschall festgestellt worden war. Ärzte sprechen von einer sogenannten Mikrozephalie. Ein Beweis dafür, dass das Virus dafür verantwortlich ist, ist das aber nicht. Eine Mikrozephalie kann verschiedene andere Ursachen haben: eine Infektion mit Röteln während der Schwangerschaft etwa, Alkoholkonsum während der Schwangerschaft oder Chromosomenveränderungen.

Ein Stich, ein krankes Kind - ein Zusammenhang?

Auch bei Angelica Pereira begann das Unheil mit einem scheinbar harmlosen Moskitostich. Nichts Besonderes in Santa Cruz do Capibaribe im Nordosten Brasiliens. Zunächst juckte der Stich nur, doch einige Tag später erwachte die Schwangere mit leichtem Fieber, Ausschlag und Kopfschmerzen. Nach vier Tagen waren die Symptome verschwunden, alles wirkte wie ein harmloser Infekt.

Ägyptische Tigermücke (Aedes aegypti): Überträger von gefährlichen Krankheiten
DPA

Ägyptische Tigermücke (Aedes aegypti): Überträger von gefährlichen Krankheiten

Dass die Infektion möglicherweise unwiderrufliche Spuren hinterlassen hatte, erfuhr die 20-Jährige erst etliche Monate später - bei der Geburt ihrer Tochter Luiza im vergangenen Oktober. Der Schädelumfang des Kindes lag ganze drei Zentimeter unter dem, was noch als gesund gilt.

Schon bald gab es weitere schlechte Neuigkeiten für Luizas Eltern: Die Kleine leide - vermutlich als Folge des zu kleinen Schädels - unter einer sogenannten infantilen Zerebralparese, heißt es. Darunter versteht man Bewegungsstörungen, die durch eine frühkindliche Schädigung des Gehirns (etwa während der Schwangerschaft, der Geburt oder in den ersten Lebensjahren) entstehen. Die Eltern müssten auch mit einer geistigen Behinderung rechnen, so die Ärzte. "Mein Herz hörte fast auf zu schlagen", so Pereira, die als Näherin arbeitet. "Ich dachte sofort an all die Diskriminierungen, die die Kleine im Laufe ihres Lebens würde über sich ergehen lassen müssen."

Die Ärzte halten es für wahrscheinlich, dass der Mückenstich an Luizas viel zu kleinem Schädel schuld ist und Pereira sich mit dem Zika-Virus infiziert hat.

Immer häufiger Schädeldeformationen bei Neugeborenen

Das brasilianische Gesundheitsministerium warnte kürzlich vor voreiligen Urteilen: "Die aktuellen Daten lassen noch keinen eindeutigen Schluss zu, dass es eine Beziehung zwischen der Zika-Infektion und Mikrozephalie gibt", hieß es. Noch wisse man zu wenig über das Virus, so Rodrigo Stabeli vom Oswaldo Cruz Institut (Fiocruz) in Rio de Janeiro. "Aber wir bereiten uns auf das Unbekannte vor." Die US-Gesundheitsbehörde CDC (Centers for Disease Control) teilte am Samstag mit, dass bei einem kranken Baby, das auf Hawaii geboren worden war, eine Zika-Infektion bestätigt wurde. Die Mutter hatte während der Schwangerschaft in Brasilien gelebt.

Dort erlebt die Zahl der Schädeldeformationen bei Neugeborenen gerade einen starken Zuwachs: Im vergangenen Jahr wurden in dem Land bereits mehr als 2700 Kinder mit Mikrozephalie geboren, 2014 waren es nur 150. Brasilien hat aus diesem Grund den Gesundheitsnotstand ausgerufen. Die Gesundheitsämter sind angewiesen, Vorbeuge-, Dokumentations- und Aufklärungsmaßnahmen zu treffen. Auch die CDC rät Schwangeren inzwischen von Reisen nach Lateinamerika und in die Karibik ab.

Außer in Lateinamerika kommt das Virus auch in afrikanischen Staaten und Asien vor. Im Jahr 2014 wurde erstmals eine Zika-Infektion bei einem Deutschen diagnostiziert, der zuvor in Thailand gewesen war. Einige Experten vermuten, dass die Fußball-WM 2014 eine Ursache für das Auftauchen des Virus in Lateinamerika sein könnte. "Die WM hat Menschen aus der ganzen Welt angelockt. Wir glauben, dass es von außen hier angekommen ist", sagte Gúbio Soares vom biologischen Institut der Universität Bahia im brasilianischen Salvador. Aber auch für diese Hypothese fehlen noch Nachweise.

"Wir haben hoffentlich alle aus Ebola gelernt"

Ärzte berichten inzwischen von großer Verunsicherung unter schwangeren Frauen. Die Geburtsmedizinerin Helga Monaco aus São Paulo rät ihren Patientinnen inzwischen, eine Schwangerschaft, wenn möglich, während der Regenzeit, in der die Mücken besonders aktiv sind, zu vermeiden. Die Autoren eines Aufsatzes im "New England Journal of Medicine" empfehlen Maßnahmen wie Klimaanlagen oder Moskitonetze für die Wohnung. Zudem sollte man im Umfeld von Haus und Garten Sperrmüll verhindern - er dient den Mücken oft als Brutstätte.

Wissenschaftler fordern weitere Studien zu dem Virus. "Zika wird definitiv ein wichtiges Thema werden", sagte Trudie Lang, Professorin für Globale Gesundheit an der Oxford-Universität. "Bisher gibt es so wenige Forschungsarbeiten dazu, dass wir nicht mal Aussagen über das Ausmaß der Bedrohung machen können. Aber wir haben hoffentlich alle aus Ebola gelernt."

joe/hei/AP/dpa/Reuters

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