Zika-Ausbruch in Französisch-Polynesien Eins von hundert Ungeborenen entwickelte Mikrozephalie

Wie groß ist das Risiko, dass eine Zika-Infektion ein ungeborenes Kind schädigt? Eine Auswertung des Ausbruchs in Französisch-Polynesien liefert eine Schätzung.

Brasilianerin mit ihrem mit Mikrozephalie geborenen Kind
REUTERS

Brasilianerin mit ihrem mit Mikrozephalie geborenen Kind


Etwa eine von 100 Frauen, die sich im ersten Schwangerschaftsdrittel mit Zika infiziert haben, erwartet ein Baby mit Mikrozephalie: Auf diesen Schätzwert kommt ein Forscherteam nach Auswertung von Daten des Zika-Ausbruchs in Französisch-Polynesien, der von Oktober 2013 bis April 2014 dauerte.

Das Risiko für Schäden beim Ungeborenen sei zwar geringer als etwa bei einer Röteln-Infektion während der Schwangerschaft, schreiben die Wissenschaftler im Fachmagazin "Lancet". Es sei jedoch ein bedeutsames Problem, da sich während eines Zika-Ausbruchs wie derzeit in Lateinamerika große Teile der Bevölkerung anstecken. In Französisch-Polynesien etwa haben während des Ausbruchs schätzungsweise zwei Drittel der Menschen die Infektion durchgemacht.

Das Risiko in Brasilien könnte deutlich größer sein

Unklar sei allerdings, ob das Mikrozephalie-Risiko bei Epidemien in anderen Regionen dem für Französisch-Polynesien gleicht, betonen die Forscher. Es könnte zum Beispiel aufgrund genetischer Faktoren verändert sein.

Die nicht an der Studie beteiligte Epidemiologin Laura Rodrigues von der London School of Hygiene and Tropical Medicine schätzt den Wert von einem Prozent als zu niedrig angesetzt ein. "Ein Prozent wäre eine gute Nachricht", sagt Rodrigues. Aber es erscheine mit Blick auf die Entwicklung in Brasilien nicht völlig plausibel. Sie schätzt, das Risiko liege näher an zehn Prozent.

Bei Mikrozephalie werden die Babys mit zu deutlich kleinen Schädeln geboren, oft ist dies mit Entwicklungsverzögerungen und geistigen Beeinträchtigungen verbunden. Neben genetischen Ursachen können verschiedene Umweltfaktoren wie Infektionen oder Alkoholkonsum der Mutter eine Schädelfehlbildung verursachen.

Die Forscher um Simon Cauchemez vom Institut Pasteur in Paris analysierten rückblickend Daten des Zika-Ausbruchs in Französisch-Polynesien.

Acht Mikrozephalie-Fälle seien im Verlauf der Epidemie erfasst worden. Fünf der Schwangeren hätten abgetrieben, drei der Babys seien zur Welt gekommen. Sieben der Fälle fielen demnach in eine vier Monate lange Zeitspanne um das Ende des Ausbruchs herum.

Diese Daten nutzten die Forscher für eine Risikobewertung anhand mathematischer Modelle. "Unsere Analyse stützt stark die Hypothese, dass eine Zika-Infektion im ersten Schwangerschaftsdrittel mit einem erhöhten Mikrozephalie-Risiko verbunden ist", so Cauchemezt. Demnach bekämen von 100.000 im ersten Trimester infizierten Schwangeren etwa 95 ein Baby mit der Schädelfehlbildung.

WHO warnt: Zika gefährlicher als angenommen

Es sei biologisch plausibel, dass das Risiko vor allem im ersten Trimester der Schwangerschaft hoch sei, erklärt Rodriges in einem Kommentar zur Studie.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte kürzlich gewarnt, dass das Zika-Virus gefährlicher als bisher angenommen sei. "Die geografische Verbreitung ist weiter, die Risikogruppe größer und zu den Übertragungswegen gehört neben Mückenstichen auch Geschlechtsverkehr", sagte WHO-Direktorin Margaret Chan. Schwangeren wird daher davon abgeraten, betroffene Gebiete zu bereisen.

Der Erreger sei nach aktuellen Erkenntnissen nicht nur eine Ursache für Mikrozephalie, sondern spiele wohl auch bei anderen neurologischen Störungen eine Rolle, hieß es von der WHO. Zu den möglichen Folgen einer Infektion bei Schwangeren zählten zudem der Tod des Fötus, eine Verschlechterung der Plazenta (Mutterkuchen) und Wachstumsstörungen beim Ungeborenen.

Am Mittwoch meldete Kuba den ersten Fall einer Zika-Infektion, die sich im Land ereignete: Eine 21-Jährige aus Havanna sei erkrankt, die das Land zuvor nicht verlassen hatte.

wbr/dpa/AP



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