Zyklus-Apps Sag mir, wann ich schwanger werde

Ob in den USA, in China oder in Deutschland: Zyklus-Apps werden immer beliebter. Sie helfen ihren Nutzerinnen schwanger zu werden oder unterstützen sie bei der Verhütung. Auch die Forschung profitiert von der Entwicklung.

Von Sarah Mühlberger

Corbis

Wann sind die fruchtbaren Tage einer Frau? Sollte man eher vor oder nach dem Eisprung Sex haben, um die Chance auf Empfängnis zu erhöhen? Kann das Gewicht die Fruchtbarkeit beeinflussen? Solche Fragen hat ein Forscherteam der Yale University 1000 Frauen im Alter von 18 bis 40 Jahren gestellt. Das Ergebnis der im Januar veröffentlichten Studie: Rund 40 Prozent der Frauen wissen zu wenig über den weiblichen Zyklus.

"Dass eine so fundamentale Information wie die, wann eine Frau schwanger werden kann, nach wie vor kein Allgemeinwissen ist, finde ich absolut unglaublich", sagt Ida Tin. Sie will Abhilfe schaffen: Die Dänin ist Gründerin und Geschäftsführerin eines Berliner Start-Ups, das die Zyklus-App Clue entwickelt hat. Es gehe nicht nur darum, zu sehen, wann die nächste Periode einsetzt, erklärt Ida Tin ihre Vision. Clue wolle Frauen helfen, ihren individuellen Zyklus besser zu verstehen.

"Der Körper ist ja keine Uhr"

Die App basiert auf einem Algorithmus, der Muster in den Zyklus-Daten der Nutzerin erkennt. Zu den Daten gehören nicht nur Zeitpunkt und Dauer der Menstruation, sondern auch Angaben zu Stimmung, Schmerzen oder Ausfluss. Je mehr Daten eine Nutzerin eingibt, desto genauer ist die Prognose. Allerdings verschiebt sich bei nahezu allen Frauen irgendwann mal der Zyklus, sodass der Eisprung früher oder später als vom Smartphone errechnet stattfindet.

"Der Körper ist ja keine Uhr", sagt Ida Tin. Auch deswegen sei Clue, momentan zumindest, nicht zur Verhütung geeignet. Ihre Firma arbeitet allerdings an einer Hardware, mit der die App eines Tages "die Genauigkeit eines Labortests beim Arzt" erreichen will. Dann wäre das Smartphone auch für Frauen mit unregelmäßigem Zyklus eine ernst zu nehmende Alternative zur hormonellen Verhütung. Bisher sind Zyklus-Apps jedoch, so praktisch sie sind, als Verhütungsmethode kaum sicherer als die Papier-und-Stift-Variante der natürlichen Familienplanung.

Daran wird sich auch so schnell nichts ändern, glaubt der Frauenarzt Kai Bühling, der die Hormonsprechstunde am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf leitet. Den eigenen Körper exakt zu vermessen und etwa zu unterscheiden, welche Stimmungen zyklusabhängig sind und welche nicht, hält Bühling für unmöglich. "Die Einflussfaktoren sind einfach zu vielfältig, um sie allein auf den Hormonhaushalt zurückzuführen."

Empfängnis statt Verhütung

Viele Apps haben ohnehin ein anderes Ziel als Verhütung: Sie wollen bei der Empfängnis helfen. Die App "Glow", vor Kurzem bei den Webby Awards als beste mobile App ausgezeichnet, wirbt mit 10.000 Schwangerschaften nach sechs Monaten, allerdings ohne die Gesamtzahl der Nutzer zu nennen. Die Anwendung errechnet für jeden Tag des Zyklus die Wahrscheinlichkeit, schwanger zu werden.

Der Gründer des Unternehmens Ovuline, Paris Wallace, behauptet, dass die Nutzerinnen seiner App Ovia zwei- bis dreimal schneller schwanger werden als andere Frauen, im Schnitt nach 60 Tagen. Ovia will die Nutzerinnen nicht nur über den optimalen Zeitpunkt für Geschlechtsverkehr informieren, sondern vergleicht auch die eigenen Symptome mit den Eingaben anderer Nutzer in derselben Zyklusphase.

Das riesige Datenvolumen, das auf diese Weise entsteht, ist auch für die Forschung interessant. Die große Zahl der App-Nutzerinnen und deren detaillierte Selbstbeobachtung schafft eine einzigartige Datensammlung. Ovia etwa sei Teil der größten Fortpflanzungs-Studie der Welt, berichtet Wallace, der mit Harvard-Forschern zusammenarbeitet.

Neue Innovation

Auch die Berliner App Clue kooperiert mit Wissenschaftlern. Die Bandbreite der Anfragen reiche "von Menstruationstassen-Herstellern bis zur NASA", sagt Gründerin Tin. Die Forschung zur Verhütung voranzubringen sei eines ihrer wichtigsten Ziele, "denn seit der Einführung der Antibabypille gab es in diesem Bereich kaum nennenswerte Innovation".

Die Konkurrenz aus China, eine App namens Dayima, präsentierte bereits erste Erkenntnisse ihrer Datenauswertung. Demnach ist der durchschnittliche Zyklus chinesischer Frauen heute 31 Tage und nicht etwa 28 Tage lang, wie es alte Aufzeichnungen ergeben hatten.

Qualitativ haben die selbst erhobenen Daten einen großen Nachteil, sie sind weniger verlässlich. Quantitativ aber übertreffen sie jede Forschungsstudie: Dayima hat nach zwei Jahren bereits mehr als 40 Millionen registrierte Nutzer. Ovia hat nach eigenen Angaben "Hunderttausende" Nutzer und wächst jeden Monat um 20 Prozent, genaue Zahlen will man - wie auch bei der Konkurrenz von Clue - nicht nennen.

Gesundheitsapps im Trend

Klar ist, dass es einen riesigen Markt für diese Art Technologie gibt. Schon 2012 nutzte jeder fünfte Smartphone-Nutzer Apps rund um die Gesundheit, die Zahlen dürften sich seither noch erhöht haben. An den Apps sind zunehmend auch Investoren interessiert, allein Glow konnte bereits sechs Millionen Dollar einsammeln. Wie viel Geld sich mit den Zyklus-Apps verdienen lässt, wird sich erst noch zeigen. Bislang sind die meisten Angebote kostenlos. Einnahmen könnten Zusatzfeatures oder Hardware-Komponenten bringen.

Auch Dayima-Gründer Chai Ke sucht noch nach einem Geschäftsmodell. Die Frauen in seiner Firma profitieren schon jetzt davon, dass sich ihr Chef intensiv mit dem weiblichen Zyklus auseinandersetzt: Während ihrer Periode haben sie Anspruch auf einen zusätzlichen freien Tag.

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insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
mf_sunnyvale 02.07.2014
1. Hochgradig wissenschaftlich
Aha, "Die App basiert auf einem Logarithmus, der Muster in den Zyklus-Daten der Nutzerin erkennt. Zu den Daten gehören nicht nur Zeitpunkt und" Ich frage mich ob die Autorin dieses Artikels den Unterschied zwischen Algorithmus und Logarithmus kennt? Und wenn nicht ... Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. K. Bonte/Redaktion
thegreyassassin 02.07.2014
2. Wahrscheinlich
basiert die App dann doch eher auf einem Algorithmus... Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. K. Bonte/Redaktion
io_gbg 02.07.2014
3. Es steht da ...
Zitat von sysopCorbisOb in den USA, in China oder in Deutschland: Zyklus-Apps werden immer beliebter. Sie helfen ihren Nutzerinnen schwanger zu werden oder unterstützen sie bei der Verhütung. Auch die Forschung profitiert von der Entwicklung. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/zyklus-apps-helfen-schwanger-zu-werden-und-zu-verhueten-a-974386.html
Da ist wohl jemandem die Tastatur heruntergefallen. Müsste *Algorithmus* heissen. Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. K. Bonte/Redaktion
coyote38 02.07.2014
4. Zyklus-App ...
Kann mir mal jemand erklären, warum um alles in der Welt ein Mann auf die Idee kommen sollte, dass eine Frau erwachsen genug sein sollte, um eine verantwortungsvolle Mutter zu sein, wenn sie sich von einer Smartphone-App erklären lassen muss, in welchen Abständen ... - ... jetzt nicht wirklich, oder ...?
c.PAF 02.07.2014
5.
Zitat von sysopCorbisOb in den USA, in China oder in Deutschland: Zyklus-Apps werden immer beliebter. Sie helfen ihren Nutzerinnen schwanger zu werden oder unterstützen sie bei der Verhütung. Auch die Forschung profitiert von der Entwicklung. http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/zyklus-apps-helfen-schwanger-zu-werden-und-zu-verhueten-a-974386.html
Au weia, ist es echt so schlimm? Erinnert mich irgendwie an den Fall, wo ein Paar einfach keine Schwangerschaft hinbekommen hatte, bis sich nach einer (wiederholten) Beratung herausgestellt hatte, daß sie einfach keinen Sex hatten. Ich höre es schon: "Wir benutzen die App nun schon seit 8 Monaten, aber es klappt nicht. Hilft ein Update?" Bei uns hat es auch nicht sofort geklappt. Wir hatten uns an einem Eisprungrechner orientiert und nach dem berechneten Eisprung die Aktivitäten jedesmal reduziert. Erst eine Messung hat zum Vorschein gebracht, daß trotz normaler Zykluslänge der Eisprung jedesmal fast 1 Woche "Verspätung" hatte. Eine "Äbb" hätte da auch nichts geholfen... Aber als wir das mit der "Verpätung" wußten, hat es schon im Folgemonat geklappt ;) Das beste wäre: weniger planen, mehr poppen...
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