1500 Kilometer mit Mönchen durch Indien Laufen bis zur Erkenntnis

Misha G. Schoeneberg reiste zwei Monate mit buddhistischen Mönchen zu Fuß durch Indien, 1500 Kilometer weit. Ein Interview über Puffreis-Schnitten, Armutsporno und merkwürdige Selbsterkenntnis.

Misha Schoeneberg/ Aod Chumpon

Ein Interview von David Bedürftig


Zur Person
  • Gunnar Bernskötter
    Misha G. Schoeneberg, Jahrgang 1959, ist Südostasienwissenschaftler, offizieller Übersetzer der Songs von Leonard Cohen und ehemaliger Tourmanager der Band Ton Steine Scherben. Seinen zweimonatigen Marsch durch Indien hielt er in seinem Buch Siddhartha Highway fest.

SPIEGEL ONLINE: Herr Schoeneberg, wie geht es Ihren Füßen?

Schoeneberg: Unglaublich gut. Auf meiner langen Reise hatte ich nicht eine Blase. Aber nach Nächten auf irgendwelchen Feldern in Westbengalen plagten mich oft Rückenschmerzen. Ich dachte: "Verdammt, wie kommst du aus der Sache raus?"

SPIEGEL ONLINE: Sie sind mit 220 buddhistischen Mönchen aus Thailand 1500 Kilometer durch Indien und Nepal gelaufen - worum ging es bei diesem zweimonatigen Marsch?

Schoeneberg: Ich bekam 2015 eine Einladung über einen befreundeten Mönch aus Thailand, als einziger Nicht-Thai auf dieser Pilgerreise mitzulaufen. Das war eine Art Ehrung für mein Engagement als Südostasienwissenschaftler. Drei Ziele verfolgten die Mönche mit dem Pilgermarsch, der an wichtigen religiösen Stätten vorbei führte: Die Harmonie der Welt, die Ehrung ihres Königs und die Verbesserung des eigenen Karmas. Pilgern ist im Buddhismus keine Pflicht.

SPIEGEL ONLINE: Warum dann dieser enorm lange Marsch?

Schoeneberg: Buddha wollte nicht verehrt werden, er war ja ein Mensch. Sein Wunsch war es laut den Lehrreden des Thai-Mönchs Buddhadasa Bhikku: "Wenn ihr etwas zu meiner Ehrung tun wollt: Lauft! Laufen reinigt den Körper und klärt den Geist." Das machten wir dann also. Etwa 42 Kilometer und 50.000 Schritte pro Tag - die Thai-Mönche haben das mit ihren iPhones gezählt.

SPIEGEL ONLINE: Jeden Tag einen Marathon? Puh!

Schoeneberg: Wir standen um drei Uhr morgens auf und um vier Uhr ging's los. Die Zelte wurden glücklicherweise auf Lkw für uns zum nächsten Nachtplatz befördert. Viele Mönche liefen barfuß, der letzte Schrei unter ihnen waren allerdings Birkenstock-Sandalen. Ich marschierte in meinen zehn Jahre alten Nike Asphalt Runnern, die haben super gehalten. Um 7.30 Uhr gab's dann eine Puffreis-Schnitte und um 12 Uhr Mittag. Danach durften wir nicht mehr essen.

SPIEGEL ONLINE: Das hört sich anstrengend und nicht unbedingt gesund an. Wie achtet man auf so einer körperlich herausfordernden Tour auf die Hygiene?

Schoeneberg: Die indische Crew hat uns zum Glück täglich mit drei Litern Trinkwasser pro Person versorgt. Wasser zum Waschen gab es nur, wenn zufälligerweise ein Brunnen oder Wasserfall in der Nähe war. Den zweiten und dritten Tag in die verschwitzten, stinkenden Klamotten zu steigen, war gruselig. Am vierten Tag war's dann egal. An den heiligen Stätten haben wir in buddhistischen Klöstern genächtigt. Bei meiner ersten Dusche, nach 17 Tagen ohne, habe ich geheult vor Freude.

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1500 Kilometer durch Indien: Ein Deutscher unter 220 Mönchen

Die Mönche haben ihre Notdurft auch mal am Straßenrand in der Hocke unter ihren Gewändern verrichtet. Wir Europäer haben da viel zu viel Scham und ich bin in Autobahntankstellen oder in die Büsche gegangen, was aufgrund von Schlangen eigentlich zu gefährlich war.

SPIEGEL ONLINE: Indiens Luftverschmutzung gehört zur Schlimmsten der Welt: Wie läuft es sich dort?

Schoeneberg: Die Luft ist dort nicht mehr zu atmen. Wir trugen Atemmasken, liefen durch Landschaften, die vernichtet sind. Die Leute hängen dort in Apathie, haben keine Hoffnung mehr - und ich keine Antworten. Das Ausmaß kann man sich nicht vorstellen, bis man es gesehen hat. 600 Kilometer lange Müllhalden: Einige Orte in Indien zeigen die Katastrophe der Menschheit. Das Problem kommt auch von uns aus dem Westen. Wir sourcen Wirtschaftszweige aus und laden dort giftige Industrieabfälle ab.

SPIEGEL ONLINE: Ein reicher Weißer, der durch verarmte Regionen Indiens reist und darüber schreibt: Klingt nach Armutsporno.

Schoeneberg: Natürlich sah ich mich mit dem Konflikt konfrontiert, ob ich zum Beispiel Bettler oder im Müll lebende Menschen fotografieren sollte. Ich habe dann Fotos gemacht, aber extra keine ästhetischen. Es ging um Belege. Für mich selbst zuerst. Auch um Berichterstattung. Wenn du diese Armut gesehen hast, kannst du sie nicht mehr leugnen.

Ich zittere heute immer noch vor Wut, wenn ich mir die Menschen auf den Bildern anschaue. Natürlich kann ich nicht Millionen Inder retten, aber das Weltwirtschaftssystem samt Outsourcing von Problemen nährt ihre Armut. Wir müssen uns unserer Verantwortung bewusst werden und beispielsweise aufhören, auf Kosten ihrer Gesundheit unsere Kleidung dort billig zu fertigen oder aufhören, die Kohleproduktion vor Ort zu fördern, die für Umweltkatastrophen und viel Elend verantwortlich ist.

SPIEGEL ONLINE: War der Marsch also auch eine geistige Herausforderung?

Schoeneberg: Ich musste mich oft zwingen weiterzulaufen. Aber ich konnte ja schlecht allein auf einem Feld im Nirgendwo zurückbleiben. Die körperliche Herausforderung und die Schmerzen spielten jedoch irgendwann nur noch eine untergeordnete Rolle. Der Marsch wurde zur extremsten Herausforderung für den Kopf.

Die ersten 600 Kilometer waren kompletter Irrsinn nach meinem europäischen Denken, unlogischer Wahnsinn. Wir liefen auf der Autobahn, nachts im Dunkeln und in der Fahrtrichtung. Das war der meistbefahrene Highway Asiens! Für mich war es keine Frage, ob es Tote gibt. Für mich war die Frage: Wann?

SPIEGEL ONLINE: Eine Pilgerreise soll ja eigentlich beruhigend sein und Erkenntnis bringen.

Schoeneberg: Für die Mönche ist Laufen Meditation. Auch ich habe versucht, alles um mich herum zu vergessen. Aber dieses totale nach innen abschalten, nachts auf der Autobahn besonders, ist schon eine hohe Kunst. Manchmal ist mir das vielleicht fünf Minuten lang gelungen. Trotzdem: Es stellte sich ein Lauf-Automatismus ein, der mich schlussendlich gerettet hat.

SPIEGEL ONLINE: Was sahen Sie in Ihrem Inneren, worüber dachten Sie nach?

Mir kamen die persönlichsten Themen aus den Tiefen meines Ich zugeflogen. Ich begegnete unterwegs sehr vielen Menschen, aber das merkwürdigste Wesen, dem ich begegnete, war ich selbst.



insgesamt 4 Beiträge
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Flying Rain 26.09.2017
1. Hm
Hm was die Verschmutzung usw angeht habe ich zumeist das Gefühl in Asien und Indien gehabt dass es zumeist darum geht innder Formation mitzufliegen. Zwar ganz hinten in der Formation der weltweiten Wirtschaft aber trotzdem wenigstens mitfliegen. Das Indien ein Drecksloch ist kann so ziemlich jeder bestätigen der nicht vollkommen mit einer rosaroten Brillen verschweißt ist und dort schonmal war. Indien ist auch eines der Länder das heutzutage doch eher weniger am Tropf der globalen Wirtschaft hängt und die Regierung ist einfach zu unfähig etwas zu ändern bzw etwas umzusetzen wenn man etwa die Entwicklung von Bangalore in dem letzten 10 Jahren betrachtet. Es muss sich zu aller erst etwas am Mindset der Inder ändern wenn man bedenkt dass dort keinem auch nur ein Fünkchen schlechtes Gewissen entsteht wenn man den Müll einfach an Ort und Stelle fallen und liegen lässt.
fatherted98 26.09.2017
2. Man sollte..
...sich bei solchen Berichten immer vor Augen halten, das Indien ein reiches Land ist, die Atombombe besitzt und wirtschaftlich boomt. Das die Bevölkerung darbt hängt, wie so oft, mit gesellschaftlichen und auch religiösen Verwerfungen zusammen.
olli0816 26.09.2017
3. Die Beschreibung stimmt gut
Auch wenn es jetzt 10 Jahre her ist, denke ich nicht, dass sich irgendetwas zum Guten geändert hat in Indien. Zum einen die viel zu vielen Menschen. Ich habe keine Ecke gesehen, wo kein Mensch war, selbst auf dem Land ist alles dicht bevölkert. Dazu kommt, dass der indische Normalbürger überhaupt kein Auge für seine Umwelt hat, sprich seinen Müll hinwirft wo er will. Ich habe viele Straßen gesehen, wo an der Seite erst ein durchgehender Müllstreifen war und dann die Leute entlanggegangen sind und dann die Häuser kamen. Sonderbarerweise sind aber die Häuser innen recht gepflegt, auch bei ärmeren Menschen. Ein Straßenimbiss, wo die Ratten den Leuten in Dutzenden um die Füße geschwirrt sind. Naja, die sind heilig, wie so fast jedes Tier, was da so rumwuselt. Nur behandeln sie die Tiere nicht so, als wären sie heilig, ganz im Gegenteil. Es wird ja viel von Religion mit Indien verbunden und natürlich gibt es das dort. Viele unterschiedliche heilige Stätten, aber der normale Inder ist da bis auf eine Schicht wie die beschriebenen Mönche ganz anders beschäftigt. Die Armut ist bedrückend, es schlafen viele auf der Straße und es ist überall chaotisch und laut. Ok, ich habe jetzt viele negative Aspekte geschrieben und es gibt auch einige positive. Aber wenn sie sich nicht weiter entwickeln, werden sie an ihrem eigenen Müll und der Überbevölkerung zugrunde gehen. Da helfen auch keine buddistischen Mönche, die hunderte Kilometer auf der Autobahn laufen. Das ist sowieso wahnwitzig, weil der gemeine Autofahrer dort weder Verkehrsregeln achtet noch Autos besitzt, die nach unseren Verhältnissen sicher wären. Ich sage nur, keine Scheibenwischer, 20 Leute in einem orangenen LKW vorne bei lauter indischer Musik, keine funktionierenden Scheinwerfer und Überholen in der Nacht ohne Licht in einer Linkskurve. Alles selbst erlebt. Mahlzeit.
joshuaschneebaum 27.10.2017
4. Das Buch zum Artikel ist klasse!
Habe mir das Buch zum Artikel "Siddhartha Highway" besorgt, es ist ganz große klasse! Es ist viel mehr als "nur" ein herausragender Reisebericht. Es liest sich spannend von der ersten Seite weg. Es macht Spaß, obwohl es voller Wissen ist und mit philosophischen Tiefgang daher kommt. Wirklich empfehlenswert.
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