73-jährige Ultraläuferin "Man muss ertragen, wenn es wehtut"

Sigrid Eichner hat mehr als 1800 Ultra- und Marathonläufe absolviert. Die 73-jährige Berlinerin ist damit Weltrekordlerin. Im August geht sie beim 100MeilenBerlin an den Start. Trotz der zahlreichen Verletzungen denkt sie noch lange nicht ans Aufhören.

Sigrid Eichner vor ihrer Medaillenwand: Sie akzeptiere das Altern nicht, sagt die 73-Jährige
Alexander von Uleniecki

Sigrid Eichner vor ihrer Medaillenwand: Sie akzeptiere das Altern nicht, sagt die 73-Jährige


ZUR PERSON
  • Jörg Levermann
    Siegrid Eichner, Jahrgang 1940, ist schon jetzt eine Lauflegende. Sie ist mit derzeit 1813 absolvierten Ultra- und Marathonläufen die Weltrekordhalterin. Zu ihren größten Erfolgen zählen unter anderem die Teilnahme am Badwater Ultramarathon (mit 65 Jahren). Die 100 Kilometer lief sie schon mal in 9:27 Stunden, und in New York legte Sigrid Eichner in sechs Tagen etwa 555 Kilometer zurück.
SPIEGEL ONLINE: Frau Eichner, Sie haben den Hamburg-Marathon in 5:27 Stunden absolviert. Das ist fast zwei Stunden langsamer als Ihre Bestzeit. Zufrieden?

Eichner: Es ging nicht besser, weil ich immer noch mit meiner Verletzung hadere. Ich hatte mir im März einen Faserriss in der Hüftmuskulatur zugezogen. Die Heilung dauert eigentlich ein Vierteljahr, aber ich bin nach sechs Wochen schon wieder gelaufen. Jetzt muss ich aufpassen. Mein Physiotherapeut sagt: Verschlissenes Biomaterial! Knie und Hüften kann man ersetzen, aber nicht den Muskel.

SPIEGEL ONLINE: Wer Ultramarathon läuft, wird auch über kurz oder lang mit Schmerzen zu tun haben. Wie gehen Sie damit um?

Eichner: Da gibt es ja dieses Schlagwort: Schmerz geht, Stolz bleibt. Ja, es tut immer irgendetwas weh. Aber wenn man bei jedem Wehwehchen aufhört, braucht man gar nicht erst mit dem Ultralaufen anzufangen. Man kann auch mit Schmerzen laufen, mit einem verrenkten Fuß, mit einem Krampf oder mit einem gerissenen Muskel.

SPIEGEL ONLINE: Sie hatten zahlreiche Operationen. Haben Sie nie daran gedacht, mit dem Laufen aufzuhören?

Eichner: Nein, habe ich nicht. Das waren Operationen, um mich wieder herzustellen, damit ich wieder besser laufen konnte. So habe ich das gesehen.

SPIEGEL ONLINE: Was motiviert Sie trotz der Leiden durchzuhalten?

Eichner: Das Schönste an den Läufen ist das Ankommen. Wenn du über die Ziellinie läufst, die Zuschauer Beifall klatschen und dir Anerkennung zollen. Das ist ein Moment, auf den man nicht verzichten möchte. Und dafür leidest du!

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie nie versucht, den Schmerz mit irgendwelchen Mitteln auszuschalten?

Eichner: Ich habe nie Dopingmittel probiert und weiß auch nicht, was die bringen sollten. Ich musste allerdings jahrelang Ibuprofen nehmen, wegen meiner Rückenverletzung. Ich habe vier Schrauben im Rücken und zwei Drahtkörbchen als Bandscheibe. Aber jeder muss selbst wissen, was er macht. Kritisch sehe ich es, wenn Schmerzmittel schon genommen werden, wenn noch gar kein Schmerz da ist. Dann spürt man die Verletzung und Überanstrengung nicht. Und das ist gefährlich. Der gesunde Sportler sollte ohne Schmerzmittel laufen. Man muss ertragen, wenn es wehtut. Zumal diese Mittel die Leistung hemmen, müde machen und für den Magen nicht gesund sind.

SPIEGEL ONLINE: Nach 1813 Ultra- und Marathonläufen darf man Sie ruhigen Gewissens eine Laufsüchtige nennen, oder? Versuchen Sie, Ihrem Alter davonzulaufen?

Eichner: Ja, ich akzeptiere das nicht. Ich glaube schon, dass man mit Sport und einer positiven Lebenseinstellung eine Menge erreichen kann. Das ist ja schrecklich, wenn man immer nur von Leuten mit Kittelschürze und Lockenwicklern umgeben ist, die immer nur Kaffee trinken, Kuchen essen und nur über ihre Krankheiten reden. Man muss auch im Alter auf Trab bleiben!

SPIEGEL ONLINE: Eine Sucht hat aber auch negative Seiten.

Eichner: Ich würde Laufen nicht als Sucht bezeichnen. Laufen ist eine schöne Beschäftigung. Laufen ist für mich die Bestätigung, dass man da ist und man lebt! Wenn ein Ziel erreicht wurde, muss das nächste schwerer erreichbar sein. Es darf nicht leicht sein. Ja, sich quälen macht auch Freude. Und bleibt in Erinnerung.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie sich noch an Ihren allerersten Lauf erinnern?

Eichner: Ja, das war 1981, in Berlin-Lichtenberg. Ich kam zufällig am Stadion vorbei, wo der Marathon startete, und dachte mir: Da machste mit! Trainingsjacke ausgezogen und los gings. Am Ende bin ich eine 4:20 oder so gelaufen, ohne dafür vorher trainiert zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie laufen in diesem Jahr erstmals bei den 100MeilenBerlin, beim Mauerweglauf rund um West-Berlin, mit - wohl als älteste Teilnehmerin. Ein besonderer Lauf?

Eichner: Ja, in jedem Fall. Ich habe schließlich in dem Staat gelebt, der die Mauer gebaut und erfunden hat. Vor vier Jahren bin ich den Mauerweg schon mal komplett abgelaufen. Es ist erstaunlich und im Nachhinein unvorstellbar, wie lang dieser Weg ist und wie jede Ecke eingezäunt war.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie irgendwelche Zweifel, die 160 Kilometer nicht zu schaffen?

Eichner: Nein, ich habe keine Angst vor der Strecke. Ich bin mehr als zwanzig 24-Stunden-Läufe gelaufen und mehr als zehn 48-Stunden-Läufe. Ich schaffe das! Ich will es denen beweisen, die sagen: Ey, was macht die 'Olle' hier?! Nein, die 'Olle' kann das! Letzte will ich jedenfalls nicht werden. Ich brauche diese Herausforderung.

SPIEGEL ONLINE: Bei allem Respekt, aber denken Sie nicht langsam auch an die Zeit, wenn es nicht mehr geht?

Eichner: Daran habe ich noch nie gedacht. Ich fühle mich nicht alt, eher wie Mitte 40! So benehme ich mich auch. Und ich habe noch Ziele: Im nächsten Jahr möchte ich unbedingt den Comrades-Marathon in Südafrika laufen (ca. 90 Km), um die Stimmung zu erleben. Und zum 75. Geburtstag möchte ich mein Geburtsjahr erreichen, also 1940 Ultra- oder Marathonläufe absolviert haben. Das wäre ein erreichbares Ziel, ist ja nicht mehr so viel Zeit.

Das Interview führte Alexander von Uleniecki

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insgesamt 20 Beiträge
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matthäuspassion 15.05.2014
1. Frohgemut = Lebensmut
Höchster Respekt vor so einem Leistungswillen.
chrizz81 15.05.2014
2. Vorbild!
Eine unglaubliche Frau! Ihre unvorstellbare Leistung ist aber auch ein Zeichen für alle: Der Mensch ist bis ins höchste Alter für große Ausdauerleistungen gemacht! Wie schon Mike Stroud in seinem Buch "survival of the fittest" feststellte: selbst wenn man im fortgeschrittenen Alter anfängt mit Laufen, kann man die Marathon Distanz und mehr schaffen. Die große Barriere ist nicht das Alter, es ist der Wille bzw. Glaube! Und das zeigt diese Dame sehr eindrucksvoll! Weiter so...
sbaatfast 15.05.2014
3. Hat sie...
Zitat von matthäuspassionHöchster Respekt vor so einem Leistungswillen.
Auf jeden Fall! Glaube das hat sie aber nicht mehr gehoert, da rennt sie schon... :)
Werner Holt 15.05.2014
4. Bin selbst aktiver Läufer
Zitat von sysopAlexander von UlenieckiSigrid Eichner hat mehr als 1800 Ultra- und Marathonläufe absolviert. Die 73-jährige Berlinerin ist damit Weltrekordlerin. Im August geht sie beim 100MeilenBerlin an den Start. Trotz der zahlreichen Verletzungen denkt sie noch lange nicht ans Aufhören. http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/73-jaehrige-ultralaeuferin-sigrid-eichner-startet-bei-100meilenberlin-a-969450.html
. ca 30km die Woche und das ist allemal genug. Das Laufen selbst ist immer wieder ein Kampf gegen den inneren Schweinehund. Richtig schön wird es es erst hinterher. Man wird belohnt mit einer besseren Gesundheit ein besseres Lebensgefühl usw. Allerdings gilt auch hier Belastung braucht auch Entlastung. Den Körper beständig überfordern ist mindestens genauso gesund wie sein Leben mit Bier und Frittes vor der Glotze zu verbringen. Ich frage mich, wann lebt diese Frau eigentlich und hat Sie, kennt Sie überhaupt, ein Leben außerhalb Ihres Sports.
ulrich-lr. 15.05.2014
5. Puuuh
Zitat von chrizz81Eine unglaubliche Frau! Ihre unvorstellbare Leistung ist aber auch ein Zeichen für alle: Der Mensch ist bis ins höchste Alter für große Ausdauerleistungen gemacht! Wie schon Mike Stroud in seinem Buch "survival of the fittest" feststellte: selbst wenn man im fortgeschrittenen Alter anfängt mit Laufen, kann man die Marathon Distanz und mehr schaffen. Die große Barriere ist nicht das Alter, es ist der Wille bzw. Glaube! Und das zeigt diese Dame sehr eindrucksvoll! Weiter so...
Ja, wofür das alles? Immer gegen den eigenen Körper laufen. Das deutsche Gesundheitswesen wird's dann schon richten. Bloß nicht das Ego und die Eitelkeit zurückschrauben auf ein Normalmaß. Bin nicht auf das EKG gespannt. Die Dame hat sicherlich längst Herzrhythmusstörungen - so wie die meisten fanatischen Läufer. Narben am Herzmuskel ebenfalls garantiert durch die vielen Entzündungen beim Laufen trotz Infekt. Sport ist okay. Doch das ist ein Auswuchs. Guter Rat: Nur nicht nachmachen.
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