87-jähriger Marathoni "Ohne das Laufen wäre ich im Alter einsam"

Werner Sonntag hat mehr als 300 Marathons absolviert, davon etwa 150 Ultramarathons. Im Interview mit achim-achilles.de spricht der 87-Jährige über Glücksgefühle, seinen ersten Lauf und wie man im Alter fit bleibt.

Senior beim Laufen am Strand: "Früher gehörte Bewegung zum Alltag, heute muss man sie sich aktiv zum Ziel setzen"
Corbis

Senior beim Laufen am Strand: "Früher gehörte Bewegung zum Alltag, heute muss man sie sich aktiv zum Ziel setzen"


ZUR PERSON
  • Walter/ www.laufreport.de
    Werner Sonntag, Jahrgang 1926, war 17 Jahre lang Redakteur der "Stuttgarter Zeitung" und viele Jahre Korrespondent der "Zeit". Der gebürtige Görlitzer entdeckte mit 39 Jahren seine Leidenschaft zum Laufen. Er absolvierte 339 Marathons, davon 147 auf der Ultradistanz. Seit 2002 bloggt er rund um das Thema Laufen.
  • LaufReport.de: Werner Sonntags Laufsport-Blog
SPIEGEL ONLINE: Herr Sonntag, nach fast einem halben Jahrhundert Lauferfahrung stellt sich die Frage: War Ihnen beim Laufen nie langweilig?

Sonntag: Doch, bei 60-Kilometer-Trainingsläufen. Die empfand ich als langweilig. Da fehlte der Wettbewerb. Aber sonst war das Lauferlebnis jedes Mal so stark, dass es mir immer neue Motivation lieferte.

SPIEGEL ONLINE: Für einige bleibt Laufen immer eine Quälerei. Das war bei Ihnen anscheinend anders.

Sonntag: Man muss wissen: Das gute Gefühl stellt sich erst später ein, nicht beim ersten Lauf. Da fühlt man sich nur hinterher gut, weil man etwas geschafft hat. Nach ein paar Wochen Training aber verspürt man dieses Glücksgefühl. So, als könne man bis in alle Ewigkeit weiterlaufen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie zum Laufen gekommen?

Sonntag: Durch Migräne. Und durch einen Arzt, bei dem ich mich darüber beklagte. Ich arbeitete bei einer Tageszeitung, und die Migräne befiel mich vorzugsweise beim Sonntagsdienst. Wenn man die Arbeit eines ganzen Redaktionsressorts alleine machen muss, kann man schon mal in Panik verfallen. Dieser Arzt empfahl mir, mich mehr zu bewegen. Ich entschied mich zu laufen.

SPIEGEL ONLINE: Und wie lief der erste Lauf?

Sonntag: Mein erstes Lauferlebnis hatte ich, als ich mit meiner Familie 1966 einen Sonntagsausflug auf die Schwäbische Alb machte. Ich war außerordentlich stolz, dass ich ganze acht Minuten lang am Stück laufen konnte (lacht). Da war ich 39. Ein Jahr später absolvierte ich meinen ersten Zehn-Kilometer-Lauf - der mir sehr schwerfiel.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind trotzdem weitergelaufen. Die Strecken wurden immer länger.

Sonntag: Ja, mein Ehrgeiz war erwacht. Aber es war selten mein Bestreben, schnell zu laufen. Ich wollte immer möglichst lange laufen. Deswegen bin ich zum Ultramarathon gekommen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind bei Ultra-Rennen wie den Bieler Lauftagen oder dem Spartathlon gestartet. Was ist so toll daran, 10 oder 30 Stunden am Stück zu laufen?

Sonntag: Diese Frage kann ich nicht eindeutig beantworten. Es ist einfach eine unerhörte Herausforderung. Und offenbar ist der Mensch so programmiert, dass er Herausforderungen bestehen will.

SPIEGEL ONLINE: Was geht Ihnen bei einem 100-Kilometer-Lauf durch den Kopf?

Sonntag: Ach, man denkt, man assoziiert. Ein 100-Kilometer-Lauf ist wie Psychoanalyse. Zwischen Kilometer 70 und 80 bekommt man meistens eine Krise, möchte aufgeben, alles hinschmeißen. Ab 80 ist man dem Ziel wieder so nah, dass man denkt: Jetzt gebe ich nicht auf.

SPIEGEL ONLINE: Ist Ultramarathon vor allem Kopfsache?

Sonntag: Sportliches Training gehört auch dazu, aber die Strategie ist entscheidend. Man muss bedächtig laufen und die Strecke gut strukturieren. Man darf nicht mit dem Gefühl starten, dass man jetzt eine gewaltige Distanz zurücklegen muss. Viele sagen: Man läuft mit dem Kopf - aber mit intellektueller Leistung kommt man nicht voran. Ich sage eher: Man läuft mit dem Bauch. Der Bauch ist nicht steuerbar.

SPIEGEL ONLINE: Viele Ältere beklagen, dass junge Menschen sich zu wenig bewegen. Ist die jüngere Generation verweichlicht?

Sonntag: Ich würde sagen, wenn man den Durchschnitt betrachtet: ja. Die körperlichen Herausforderungen und Entfaltungsmöglichkeiten fehlen. Wir haben zu wenige Spielplätze und Freiräume. Früher gehörte Bewegung zum Alltag, heute muss man sich aktiv zum Ziel setzen, seine Zeit für Bewegung zu nutzen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Tipps, wie man im Alter fit bleibt?

Sonntag: Tipps nicht, nur drei banale Prinzipien: Erstens, die Ernährung regulieren: weniger konservierte Nahrungsmittel, sondern möglichst Frisches essen. Zweitens: Bewegung. Drittens: soziale Kontakte pflegen.

SPIEGEL ONLINE: Soziale Kontakte?

Ja. Ohne das Laufen wäre ich jetzt im Alter wahrscheinlich einsam. Durch die Wettkämpfe und das Schreiben über das Laufen habe ich so viele Menschen kennengelernt, mit denen ich noch heute verbunden bin. Ich bin weit entfernt davon, mich einsam zu fühlen. Gerade im Alter gilt die Regel: Wenn man nichts tut, vereinsamt man. Und dann leidet auch die Gesundheit.

SPIEGEL ONLINE: Ältere Menschen sollten sich also gar nicht "zur Ruhe setzen", sondern vielmehr körperlich und sozial in Bewegung bleiben?

Sonntag: Genau. Ich hatte durch den Sport immer Kontakt zu verschiedenen Generationen. Gerade wenn man alt ist, möchte man nicht immer unter Alten sein. Wir fühlen uns wohler, wenn wir mit unterschiedlichen Altersgruppen zusammenkommen. Das ist viel anregender, als wenn man sich nur unter alten Menschen bewegt.

SPIEGEL ONLINE: Laufen Sie denn noch Wettbewerbe?

Sonntag: Nein. Meine Geschwindigkeit ist in den Jahren immer weiter gesunken. Mit 86 habe ich aufgehört zu laufen. Seitdem gehe ich nur noch - in langsamem Wandertempo.

SPIEGEL ONLINE: Vermissen Sie das Laufen?

Sonntag: Natürlich, aber es ist nicht so, dass mir das Leben vergällt wäre. Der Rückgang des Leistungsvermögens ist der Lauf der Dinge. Ich bin 87, ich bin froh, dass ich noch lebe.

Das Interview führte Frank Joung

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insgesamt 9 Beiträge
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doubletrouble2 09.01.2014
1. Laufen alleine ist zu einseitig.
Herr Sonntag ist unzweifelhaft ein Vorbild und seine drei Tipps für Ältere - also Menschen ab 50 Jahren - sind vollkommen richtig. Dennoch sei ergänzend angemerkt. dass ein dosiertes Krafttraining alternde Menschen vor der Pflegebedürftigkeit und Heimeinweisung bewahren kann. Gute Vorschläge findet man in den Sportbüchern von Mark Versteegen, denn seine Programme sprechen alle motorischen Eigenschaften an. Man muss nur rechtzeitig, also vor den ersten gedanken an eine Pflegestufe damit beginnen. Insgesamt betrachtet gehören gerade ältere Menschen in Fitness-Anlagen.
derhummerunddiehummerin 09.01.2014
2. optional
Sympathisch.
topas 09.01.2014
3.
Das erinnert mich an einen etwas jüngeren Mann (Anfang/Mitte 60), den ich bei einem Halbmarathon kennenlernte. Ich war nach einer halbjährigen Trainingpause quasi unvorbereitet angetreten, er hatte verletzungsbedingt pausiert auch nur 3 Wochen Vorbereitung- also hatte keiner die Ambition, schnell anzukommen. Irgendwo bei Kilometer 15-16 liefen wir ein Stückchen zusammen und unterhielten uns dabei über den Lauf, die anvisierte Zeit ... Und da meinte der Mitläufer im Hinblick auf den Zieleinlauf: "Ich bin jetzt über 60. Bekannte in meinem Alter brauchen schon ein Auto, um zum Supermarkt zu kommen. Solange ich bei sowas hier gut ankomme ist mir die Zeit so ziemlich egal." Ich weiß nicht ob er vor oder hinter mir ankam - aber grob um die 2:15h wird er wohl auch gebraucht haben. Auf jeden Fall eine interessante und gesunde Lebenseinstellung.
tompike 09.01.2014
4. Zwei herausragende Sätze..
...eines außergewöhnlichen, fitten Alten. Bedenkt man die Aberkennung der Selbstbesimmtheit seines Lebens durch hochversorgte Politiker. "Gerade wenn man alt ist, möchte man nicht immer unter Alten sein." "Der Rückgang des Leistungsvermögens ist der Lauf der Dinge."
stefanryke 09.01.2014
5. Eigentlich gibt es das nichts zu kommentieren
aber das möchte ich doch sagen: Respekt!
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