Achilles' Classics Die Socken sind Spiegel der Läuferseele

Purist? Tennislehrer? Oder Ströbele-Gedächtnisträger? Für Laufguru Achim Achilles offenbart schon ein kleiner Blick auf die Socken die Zehn-Kilometer-Zeit des Trägers - und noch viel mehr. Eine Typologie.

Sportsocken
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Achilles-Klassiker
    In der Reihe "Achilles-Klassiker" präsentiert SPIEGEL ONLINE Schätze aus dem Archiv des Wunderathleten Achim, der trotz intensiven Lauftrainings kaum von der Stelle kommt.

    Dieser Text erschien bei SPIEGEL ONLINE ursprünglich im Jahr 2006.

Der Hightech-Socken-Träger

Er spielt die Strumpf-Karte. Wer kennt nicht dieses erhebende Gefühl, mit einem Paar frischer Füßlinge aus dem Sortiment eines deutschen Markenherstellers zur Kasse im Ausdauertempel zu gehen? Ja, es schmerzt natürlich, wenn Sveni mal eben 23,95 Euro für wenige Quadratzentimeter Material aus der Raumfahrtforschung aufruft.

Drinnen, dort wo die hochsensible Schnittstelle Fuß-Faser-Schuh vor sich hin feuchtet, darf es auch gern Hochtechnologie sein. Kernige Stützfasern hier, Fersenverstärkung da. Neulich habe ich Socken mit Silberfäden gesehen. Klingt ja toll, aber piekt wahrscheinlich ziemlich bald. Kompetenzversprechen wie "High Performance" oder "Seamless superfit" wecken in jedem Hobbyläufer diese wohlige Ahnung, dass ausgerechnet diese und nur diese Socke eine neue Bestzeit möglich macht.

Nichts ist stabiler als der Aberglaube, mit teurem Equipment mangelnden Trainingsfleiß kompensieren zu können. Das heißt aber auch: Der Träger kämpft seit Jahren darum, die 50-Minuten-Schallmauer über zehn Kilometer zu durchbrechen.

Der Purist

Manchmal braucht man objektiv ein neues Paar. Der Purist wählt das Modell reinweiß, ohne jedes Gedöns. Keine Tennislehrer-Streifen, keine Überlänge, allenfalls ein winziges Marken-Emblem. Dann läuft er einfach weiter, zehn Kilometer meistens locker unter 40 Minuten.

Der Grauganter

Meistens single, männlich. Hat noch nicht kapiert, dass seine Waschmaschine mehr als dieses eine 40-Grad-Programm hat, mit dem er seit Jahren alles zusammen wäscht - aber höchstens alle drei Wochen, weil die Maschine früher nicht voll ist. Jeans, Bett- und Unterwäsche, schwarze wie weiße Hemden und eben auch Laufsocken haben alle die Einheitsfarbe Leberwurstgrau. Ist noch nie zehn Kilometer am Stück gelaufen.

Der Tennislehrer

Orientiert sich in Modefragen bis heute an der Ästhetik des Siebzigerjahre-Pornos. In diesen lustigen Filmen trugen die Männer ausschließlich Frotteesocken mit zwei bis drei bunten Ringeln. Konservative Typen tragen blau-rot, FDP-Wähler blau-gelb und Verwegene gelb-grün. Zumindest ökonomisch eine vernünftige Entscheidung.

Bis heute ist das Fünferpack Frotteeschläuche auf dem Wochenmarkt für wenig Hartgeld zu haben. Und sie halten ewig, wenn man sie nicht zu häufig wäscht. 45 Minuten auf zehn Kilometer.

Der Ströbele-Gedächtnissockenträger

Entstammt derselben Generation wie der Tennislehrer und hat das Waschverhalten des Grauganters, allerdings bei halbierter Häufigkeit. Hält Frottee für zu fortschrittlich, würde am liebsten Jute-Socken tragen. Die gibt es aber nicht.

Also Wolle, möglichst grob, möglichst farbneutral, möglichst handgearbeitet, möglichst lang, damit man die lila Jogginghose reinstopfen kann. Vor allem im Sommer macht alleine der Gedanke an die mikrobiologischen Prozesse im Feuchtraum Schuh, Wollsocke, Fuß(-nagel) den Mitläufer bewusstlos. Lehnt Laufwettbewerbe als kapitalistisch ab, Uhren sowieso.

Die Freak-Socke

Ist superkurz, hat dafür hinten über der Hacke eine breite Kante, damit sie bei Dauerbelastung nicht in den Schuh rutscht. Sieht aus wie ein Strumpf mit Schirmmütze. Frage für die nächsten Jahre: setzt sich dieses Modell im Breitensport durch, oder bleibt es Freaks aus dem Tri-Kosmos vorbehalten? Zwischen 34 und 72 Minuten auf zehn Kilometer.

Der Jux-Socken-Freak

Ein Sportsfreund, der durch auf- und fortgesetzte Heiterkeit jede Laufgruppe am frühen Samstagmorgen zur Raserei bringt. Trägt die Familie Feuerstein, Daffy Duck oder Garfield auf der Socke. Eigentlich will er gar nicht laufen, schon gar nicht schnell, sondern einfach nur unter Menschen sein.

Hält sich für einen begnadeten Entertainer, weil er jedes Mal wieder den Witz anbringt: "Kommtn Läufer beim Arzt...". Fantasie der Mitläufer: Fesseln, mit den eigenen Socken knebeln und irgendwo tief im Wald ablegen. Daher können zehn Kilometer bis zu 24 Stunden dauern.


Dieser Text ist ein Auszug aus:
Achim Achilles: "Achilles' Verse - Lerne Laufen ohne Leiden"

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Achim Achilles:
Lerne Laufen ohne Leiden

Heyne Verlag; Band II; 224 Seiten; 7,95 Euro



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