Abnehm-Pille US-Behörde lässt umstrittenen Schlankmacher zu

Erstmals seit 13 Jahren hat die US-Gesundheitsbehörde wieder eine Abnehm-Pille zugelassen. Das Medikament Belviq soll den Appetit von besonders Übergewichtigen zügeln. Risiken sieht die Behörde zwar keine - doch es fehlen noch Langzeitstudien.

Schlankmacher: Die Abnehm-Pille Belviq darf auf dem US-Markt verkauft werden
AP/ FDA

Schlankmacher: Die Abnehm-Pille Belviq darf auf dem US-Markt verkauft werden


An der Hürde sind schon viele vor ihr gescheitert: 13 Jahre lang hatte die FDA, die Gesundheits- und Arzneimittel-Zulassungsbehörde der USA, jeden Antrag von Pharmaherstellern abgeschmettert, die Schlankmacher auf den Markt bringen wollten. Belviq aber, so der Handelsname der Pille von Arena Pharmaceuticals aus San Diego, hat es jetzt geschafft - und die Zulassung von der FDA für den amerikanischen Markt erhalten.

Nach einem Vorfall in den neunziger Jahren hatte sich die FDA sehr zurückhaltend gezeigt. 1997 nahm sie den Appetitzügler Phentermin vom Markt, weil die nach ihm benannte Fen-Phen-Diät zu Herzklappenfehlern geführt hatte, was viele Menschen das Leben kostete.

Später war Sanofi-Aventis in den USA mit seinem Schlankmacher Acomplia gescheitert und musste ihn wegen der Gefahr von psychischen Nebenwirkungen wie Depressionen und Angstgefühlen 2008 auch vom europäischen Markt nehmen. Viele Nutzer begingen sogar Selbstmordversuche. Auch Merck und Co. stellte im gleichen Jahr die Entwicklung einer Diätpille wegen möglicher Nebenwirkungen ein.

Belviq erhielt nun die Zulassung - obwohl das Präparat in klinischen Studien nur mäßig erfolgreich war. Offenbar waren aber immerhin die Sicherheitsbedenken der US-Behörde ausgeräumt. Eine weitaus größere Rolle dürfte aber die Tatsache gespielt haben, dass der Druck auf die FDA in den letzten Jahren enorm gestiegen ist: Übergewicht ist in den USA ein besonders großes Problem und treibt schließlich die Gesundheitskosten enorm in die Höhe. 190 Milliarden US-Dollar, so die aktuellsten Zahlen, sollen die Dicken in den USA den Staat kosten. Der Abnehm-Wille der Betroffenen ist dagegen eher gering. Ärzte wollen ihre Patienten deshalb lieber mit einer Pille behandelt sehen, als gar nichts dagegen zu übernehmen.

Belviq darf nur an erwachsene Übergewichtige mit einem Body-Mass-Index (BMI) von mehr als 30 verabreicht werden. Oder an Erwachsene mit einem BMI von über 27 und mit mindestens einer Erkrankung, die mit dem Gewicht im Zusammenhang steht, wie etwa Bluthochdruck oder Diabetes Typ 2.

Blockade von Hungersignalen

Der Wirkstoff Lorcaserin funktioniert wie ein Appetitzügler, er blockiert Hungersignale im Gehirn, so dass sich beim Essen schneller ein Sättigungsgefühl einstellt. In den klinischen Studien verloren die Patienten im Schnitt höchstens fünf Prozent ihres Gewichts. Laut den Zulassungs-Informationen soll die Einnahme des Medikaments abgebrochen werden, wenn der Patient nach zwölf Wochen nicht fünf Prozent an Gewicht verloren hat.

Zudem verpasste die FDA dem Hersteller eine weitere Auflage: Arena Pharmaceuticals muss sechs weitere Beobachtungsstudien mit dem Präparat durchführen, eine Langzeitstudie eingeschlossen, in der das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall bewertet werden soll.

Nicht nur der Konzern Arena wittert nun das große Geschäft. Zwei weitere US-Hersteller haben bereits Anträge für ihre Diät-Pillen bei der FDA eingereicht. Auch in Deutschland machen Pharmakonzerne mit Abnehm-Hilfen ein dickes Geschäft: Ungefähr knapp 140 Millionen Euro brachten Abführmittel, Appetitzügler und ähnliche frei verkäufliche Schlankheitsmittel den Firmen im Jahr 2010 ein. Und auch im Netz werden Schlankheitsmittelchen feilgeboten, häufig illegal - und auch nicht frei von Nebenwirkungen.

Die Direktorin der US-Behörde FDA, Janet Woodcock, jedenfalls wünscht sich einen verantwortungsvollen Umgang mit der neuen Diät-Pille: Sie solle nur in Kombination mit einer gesunden Ernährung und einem gesunden Lebensstil zum Einsatz kommen.

cib



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