Veganer Selbstversuch von Ex-160-Kilo-Mann "Überraschung: Tofu schmeckt"

Sein Lieblingsessen ist Sauerbraten, jetzt ist er Veganer - auf Probe. Micha Klotzbier verliert beim Verzicht auf Fleisch, Eier und Milch nicht nur Gewicht, sondern auch einige Vorurteile.

Micha Klotzbier

Fast 160 Kilo brachte ich im Januar 2015 auf die Waage. Rund ein halbes Jahr später waren es 50 Kilo weniger. Wieder ein halbes Jahr später : fünf Kilo mehr - ein Schock. Ich wurde gewarnt, dass es beim Abnehmen oft zu einer Stagnation, einem sogenannten Plateau kommt. Aber heimlich dachte ich, mir würde das nicht passieren. Fühlte sich nicht schön an, vom hohen Ross zu fallen.

Mein Trainer Piet sagte, um weiter abzunehmen müsse ich meinen Körper aus der Komfortzone holen. Da ich fast jeden Tag trainierte, war mir bewusst, dass ich eine andere Baustelle angehen muss: meine Ernährung.

Am Anfang fiel es mir leicht, vernünftig zu essen. Doch mit der Zeit gönnte ich mir immer öfter kalorienreiche Belohnungen wie Burger, Pizza und vor allem Süßigkeiten. Mir war klar, dass ich etwas ändern musste. Disziplin musste her.

Inspiriert von meinen Treffen mit dem veganen Strongman Patrick Baboumian und dem veganen Ironman Rich Roll beschloss ich, mich während der Fastenzeit, also sechs Wochen lang, rein pflanzlich zu ernähren. Ein Selbstversuch, vor dem ich ordentlich Angst hatte. Als Neffe eines Metzgers war Fleisch immer ein zentraler Bestandteil meiner Ernährung. Ich war vollgepackt mit Erwartungshaltungen, die meisten negativ. Aber ich wurde überrascht.


Was ich erwartet hatte: Eintöniges Essen

Vermutlich werde ich jeden zweiten Tag das Gleiche essen. Ohne Fleisch kann ich mir ja noch vorstellen, aber ohne Milch, Käse, Eier, Honig, Butter - was bleibt da noch?

Was passiert ist: Die erste Überraschung - ich liebe Tofu. Das Zeug ist unglaublich vielseitig. Meine liebsten Varianten sind tatsächlich fleischartige, also vegane Würstchen oder in der Bolognese. Die zweite Überraschung: Es gibt so viele Lebensmittel, die in meinem bisherigen Leben kaum Beachtung fanden. Statt Schokolade und Gummibärchen gibt es jetzt Obst, Sojajoghurt oder Nüsse - am liebsten Cashews.

Was ich erwartet hatte: Soziale Ausgrenzung

Wenn ich mit den Jungs zusammen grille, sitze ich in der Ecke und mümmle einsam an Möhrensticks. Wenn ich im Stadion bin, mampfen die ihre Wurst und drücken mir blöde Sprüche rein.

Was passiert ist: Niemals hätte ich erwartet, dass ich bei meinem Selbstversuch so viel Unterstützung erfahre. Als ich zu Besuch bei meinen Eltern war, hat meine Mutter viele vegane Brotaufstriche gekauft. Neben dem Braten auf dem Tisch hatte sie immer eine pflanzliche Alternative für mich zubereitet. Und alle wollten davon probieren. Beim Grillen gab es für mich Tofuwürstchen, die nicht immer super lecker waren, aber zumindest okay. Ich hatte jedenfalls nicht das Gefühl, etwas zu verpassen.

Ein besonderes Highlight war, als ich beim Stadionbesuch in München einen Stand mit veganen Wraps entdeckte. Könnte es ruhig öfter geben. Der Futterneid fällt weg, wenn man selbst etwas Leckeres in der Hand hält.


Was ich erwartet hatte: Hunger

Von so ein bisschen Gemüse und ein paar Körnchen kann man doch nicht satt werden, dachte ich.

Was passiert ist: Ich bin pappsatt, glücklich und leichter. Weil der vegane Speiseplan vielseitiger ist, als ich erwartet hatte, gibt es auch viel auszuprobieren. Auch das Essengehen kommt nicht zu kurz. Besonders beim Asiaten finden sich viele interessante Gerichte. Ich habe zum Beispiel vegetarisches Sushi wieder für mich entdeckt. Wenn ich richtig, richtig hungrig bin, gibt es Pasta oder ein Brot mit Avocado.

Das Beste: Ich nehme trotzdem ab. Zum ersten Mal in mehr als sechs Monaten gibt es einen eindeutigen Abwärtstrend bei meinem Gewicht. Denn eine Erwartung hat sich erfüllt: Ich habe wieder mehr Disziplin beim Essen. Es ist viel einfacher, sich an klare Regeln zu halten, als punktuell zu verzichten. Wenn ich gerade Lust auf einen Snack habe, es aber nichts Veganes gibt, dann esse ich einfach nichts. Das spart nicht nur Kalorien. Ich habe gemerkt, dass es aushaltbar ist, mal nicht zu naschen. Und wenn ich richtig hungrig etwas esse, schmeckt es noch viel besser.


Was ich erwartet hatte: Müdigkeit und Kraftlosigkeit

Selbst wenn ich satt werden sollte, bei meinem Sportpensum kann das unmöglich reichen. Bestimmt bin ich ständig müde und schlapp.

Was passiert ist: Ich bin fitter. Ich merke, wie mein Körper sich verändert und das tut richtig gut. Durch den Gewichtsverlust fällt mir der Sport natürlich noch leichter. Statt zu walken und zu bouncen kann ich jetzt auch mal locker joggen. Ich bin definitiv fitter als zuvor und fühle mich leichter.


Was ich erwartet hatte: Scheitern, weil vegan eine Qual ist

Die Wahrscheinlichkeit, dass ich abbreche oder schummle, ist - auch wenn ich es nicht zugeben will - ziemlich hoch. Mit etwas Glück sind die Abnehmerfolge aber so gut, dass ich trotz Qual etwas Disziplin zurückgewinne und es durchziehe.

Was passiert ist: Die Fastenzeit ist vorbei und ich esse noch immer vegan. Mir tut die wiedergefundene Ernährungsdisziplin gut und ich habe die Hoffnung, so endlich unter die hundert Kilo zu kommen. Ich verlängere auf unbestimmte Zeit.

Ich denke nicht, dass der vegane Lebensstil auf Dauer das Richtige für mich ist. Aber momentan ist er ein gutes Werkzeug, um weiter mit Spaß und auf gesunde Weise Gewicht zu verlieren.

Der ethische Gedanke, der vermutlich die meisten Veganer antreibt, ist zwar nicht meine Hauptmotivation. Ich bin mir dennoch sicher, dass ich in Zukunft bewusster mit dem Verzehr von tierischen Produkten umgehen werde. Jetzt, da ich so viele leckere pflanzliche Alternativen kenne, werde ich sicher seltener zu Milch, Ei und Fleisch greifen. Und wenn doch, will ich sicher sein, dass die Qualität stimmt.

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xvxxx 20.04.2016
1.
Gerade wird ein sehr begrüssenswerte Ansatz und eine absolt vernünftige Herangehesweise an das Thema " Übergewicht" zu einem klassischen Diät und Abmagertrip, mit einem aus meiner Sicht, in 90% der Fälle hervorsehbarem Ende: Dem Jojo Effekt.
Wicked 20.04.2016
2. Folgende Geschichte ist noch langweiliger...
Verstehe nicht warum man so ein Randgruppen-Hype immer noch thematisiert.
mactor2 20.04.2016
3. Na ja,
Tofu schmeckt aber nur wenn man es reichlich würzt. Normalerweise schmeckt das Zeug nach nichts. Wenn man Tofu allerdings stark würzt, frittiert, brät, bäckt oder sonstwie "behandelt" kann man das sogar essen. Allerdings ob es langfristig Nachhaltig ist wenn man nun Monokulturen in Form von riesigen Sojafeldern anlegt bzw. ob das Umwelttechnisch/Wassersparender besser ist ist ja noch die Frage. Noch ist Vegetarische/Veganer Ernährung ja ein Randthema. Wenn aber immer mehr umsteigen könnte das ein Thema werden.
gekreuzigt 20.04.2016
4. Hätte sich die Hominiden von Beginn an vergan ernährt,
würde es heute schlicht keine Menschen geben. Dieses Bessermenschengetue entspricht denn auch mehr keifenden Affen.
cindy2009 20.04.2016
5. Falsch
Zitat von gekreuzigtwürde es heute schlicht keine Menschen geben. Dieses Bessermenschengetue entspricht denn auch mehr keifenden Affen.
Das ist falsch. Die Nahrungsquelle hat damit nichts zu tun, nur die Zusammensetzung an Nährstoffen.
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