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Vom 230-Kilo-Koloss zum Marathoni: "Magen verkleinern lassen, ist totaler Quatsch"

Thomas Stephan vorher - nachher: "Das klingt verrückt, aber ich musste gar nicht viel machen" Zur Großansicht
Thomas Stephan

Thomas Stephan vorher - nachher: "Das klingt verrückt, aber ich musste gar nicht viel machen"

Er wog 230 Kilogramm, speckte 150 davon ab - und ist jetzt drahtiger Marathonläufer: Thomas Stephan beschloss, dem Leben als Schwergewicht ein Ende zu machen. Im Interview mit achim-achilles.de erklärt er, was ihn dazu brachte und wie das fast Unmögliche gelang.

SPIEGEL ONLINE: Herr Stephan, wenn Sie in den Spiegel sehen, erkennen Sie sich selbst wieder?

Stephan: Wenn ich frühere Bilder von mir sehe, frage ich mich oft: Wer ist das da drauf? Was hat dieser Mann gedacht? Auf diesen Bildern komme ich mir sehr fremd vor. Gleichzeitig kann ich immer noch gut nachempfinden, wie es dicken Menschen geht. Man wird blöd angeschaut, weil man die Treppe nicht hochkommt. Die Leute denken oft, man sei dumm oder habe keine Disziplin. Früher bin ich anderen Menschen aus dem Weg gegangen. Jetzt bin ich sehr viel selbstbewusster.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren 42 Jahre alt und brachten 230 Kilogramm auf die Waage. Dann beschlossen Sie, etwas dagegen zu unternehmen. Das war im Februar 2010. Was gab den Ausschlag?

Stephan: Meine Familie und Freunde haben sich natürlich schon sehr lange Sorgen gemacht. Ständig bekam ich zu hören, ich solle etwas gegen das Übergewicht tun. Aber so funktioniert das nicht. Das erzeugt nur Gegendruck, auch wenn es gut gemeint ist. Dann lernte ich eine Frau kennen, die zu mir sagte: "Für mich musst du nicht abnehmen." Dabei berührte sie mich an Brust und Bauch - Körperstellen, für die ich mich schämte.

ZUR PERSON
Thomas Stephan, Jahrgang 68, stammt aus Frankfurt und ist im sozialen Bereich tätig. 2010 wog er noch 230 Kilogramm, heute trägt er Kleidergröße S/M . Am Sonntag startet er zum dritten Mal beim Frankfurt-Marathon. Sein Traum ist es, einmal beim Ironman Frankfurt über den Römer zu laufen.

SPIEGEL ONLINE: Dieser Satz hat alles ins Rollen gebracht? Wie sind Sie dann vorgegangen?

Stephan: Das klingt verrückt, aber ich musste gar nicht viel machen. Mein Prinzip war immer: Ich esse nur aus Lust und höre auf, wenn ich satt bin. Das mache ich auch heute so. Ich habe keinen Arzt befragt oder mir einen Ernährungsplan erstellt. Aber ich habe angefangen, viel bewusster zu essen. Auch heute esse ich vor allem regionale und saisonale Produkte.

SPIEGEL ONLINE: Und dann haben Sie in weniger als zwei Jahren 150 Kilo abgenommen. So einfach ging das?

Stephan: Viele dicke Menschen, die abnehmen wollen, lassen sich den Magen verkleinern. Ich halte das für totalen Quatsch. Mittags habe ich ganz normal gegessen, abends oft nur Obst. Nach zwei, drei Monaten hatte sich mein Magen von alleine verkleinert und ich konnte gar nicht mehr so viel essen. Früher habe ich aus Frust gegessen, heute aus Lust.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sehr viel abgenommen. Sie müssen ja Unmengen an neuer Kleidung gebraucht haben.

Stephan: Ja. Das war richtig teuer. Ich habe bestimmt fünf Mal meine komplette Garderobe ausgewechselt. Zu meinen besten Zeiten trug ich 8XL. Das ist das Größte, was man im Laden kaufen kann. Heute wiege ich ungefähr 80 Kilo und trage Kleidergröße S/M.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie parallel dazu Sport getrieben?

Stephan: Ich war so dick, dass es unmöglich war, joggen zu gehen. Ich konnte nicht mal walken. Selbst in den ersten Stock bin ich mit dem Aufzug gefahren. Aber nachdem ich einen Großteil abgenommen hatte, begann ich mit dem Laufen. So wie viele mit dem Lauftraining beginnen: 200 Meter laufen, 200 Meter gehen, 300 Meter laufen, 300 Meter gehen, 400 Meter laufen, 400 Meter gehen und so weiter.

SPIEGEL ONLINE: Und haben sich dann gleich für den Frankfurt-Marathon angemeldet, der drei Monate später stattfand.

Stephan: Ich brauchte ein Ziel. Nur wer das Unmögliche will, wird das Potential des Möglichen ausschöpfen. Mir war aber klar, dass ich keinen ganzen Marathon überstehen werde. Darum hatte ich schon vor dem Start beschlossen, nach Kilometer 25 auszusteigen.

SPIEGEL ONLINE: Wie erging es Ihnen während des Rennens?

Stephan: Es war schlimm. Nach acht Kilometern hatte ich Schmerzen im Knie. Nach 20 habe ich geheult. Ich stand auf einer Brücke, völlig fertig. Die Leute feuerten mich an, Läufer hielten an, um mich zu fragen, ob es mir gutgeht. Eine Kapelle spielte: "Über diese Brücke musst du gehen, 700 Meter überstehen." Und irgendwie hab ich es bis zu Kilometer 25 geschafft.

SPIEGEL ONLINE: Ein Jahr später sind Sie den ganzen Marathon gelaufen.

Stephan: Das war das größte und wichtigste Erlebnis in meinem Leben. Auch hier hatte ich schon nach zehn Kilometern Schmerzen, Folgen einer Operation. Aber das war alles Kopfsache. Diesen Moment, als ich in die Festhalle hineinkam und ins Ziel einlief, werde ich nie vergessen. Man kann es mit einer Hochzeit vergleichen.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat ihr Umfeld auf Ihren neuen Körper reagiert?

Stephan: Die meisten fanden das gut. Alte Freunde aus meiner Heimatstadt, die ich lange nicht gesehen hatte, haben mich zum Teil nicht erkannt. Die haben mich gegrüßt wie einen Fremden. Hinter meinem Rücken war das Gerede groß. Da wurde gerätselt, wie viel ich abgenommen hatte und wild spekuliert, wie ich das hinbekommen habe. Man hätte mich auch einfach direkt fragen können.

SPIEGEL ONLINE: Scheint, als ob Dicksein immer noch ein Tabuthema und mit vielen Klischees behaftet ist. Werden Sie jetzt in der Öffentlichkeit anders wahrgenommen?

Stephan: Man hat es schon leichter, wenn man gut ausschaut. Ich habe auch noch einiges aufzuholen. Einmal bin ich auf dem Weg ins Fitnessstudio mit meiner engen Lauftight durch eine Straße gelaufen, in der immer viele Schwule unterwegs sind. Da gab es ein riesen Gejohle. Das ist schon lustig. Wobei mir Pfiffe von Frauen lieber wären.

Das Interview führte Julia Schweinberger.

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insgesamt 144 Beiträge
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    Seite 1    
1. Gratuliere, kann man da nur sagen.
franz-burbach 24.10.2013
Also der Bericht hat mir Mut gemacht. Dann will ich es auch noch mal probieren. Versprochen, Denn ich gehöre auch zu den Übergewichtigen. aber ich gebe zu, es liegt am essen und der Menge. Also selber schuld, mir schmeckt es aber auch zu gut. Gruß Franz.
2. Und die Haut?
Markenfetischist 24.10.2013
Ich frage mich, was er mit der großen Haut gemacht hat. Die schrumpft ja nicht mit, oder doch?
3.
Shivon 24.10.2013
Zitat von sysopThomas StephanEr wog 230 Kilogramm, speckte 150 davon ab - und ist jetzt drahtiger Marathonläufer: Thomas Stephan beschloss, dem Leben als Schwergewicht ein Ende zu machen. Im Interview mit achim-achilles.de erklärt er, was ihn dazu brachte und wie das fast Unmögliche gelang. http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/abnehmen-vom-230-kilo-schwergewicht-zum-marathonlaeufer-a-929707.html
Ich bin leider ein wenig Unwissend in solchen Sachen, aber bei Kleidergröße S/M bei 80 Kilo ist er doch so 1,75-1,80m groß? Auf jedenfall finde ich seine persönliche Leistung sehr gut und ich drücke ihn für sein weiteres Leben alle Daumen. Viele Menschen reden wie sie am liebsten ihr Leben verändern würden, doch nur wenige tuen es auch...respekt!
4. Antwort an @Markenfetischist.
franz-burbach 24.10.2013
Marken Handtaschen natürlich. :-) Gruß Franz
5. Satt. Aufhören!
Nowottny 24.10.2013
Der Mann hat vor allem etwas kapiert, was Viele nicht kapieren: Wenn man satt ist, lässt man den Rest einfach stehen! Ich esse nahezu nie meinen Teller leer. Ein Teil geht immer in die Küche zurück. Und ich schäme mich dafür kein bisschen. Was ich manchmal in einer Pizzeria vorgesetzt bekomme, ist lachhaft. Davon können sich 3 Leute bequem ernähren. Was soll das?
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ZUR PERSON
  • Frank Johannes
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.
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