Achilles' Classics Der Läufer als Asphalt-Pfau

Auch Sportler haben einen Hang zu ausgefallenen Accessoires, weiß Achim Achilles. Was der High Society die Nobelhandtasche, ist dem Läufer der Zeitmess-Chip aus New York oder der Wunder-Treter aus den Siebzigern.

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Achilles-Klassiker
    In der Reihe "Achilles-Klassiker" präsentiert SPIEGEL ONLINE Schätze aus dem Archiv des Wunderathleten Achim, der trotz intensiven Lauftrainings kaum von der Stelle kommt.

    Dieser Text erschien bei SPIEGEL ONLINE ursprünglich im Jahr 2009.

Läufer sind wie die Gespielinnen russischer Oligarchen: Beide hemmungslose Angeber, die gern viel Bein zeigen, sündhaft teure Schuhe tragen und Accessoires umher schleppen, die weder schön noch praktisch sind, aber dem Rest der Welt signalisieren: Ich habe was, was du nicht hast.

Was der aufgespritzten Blondine ihr limitiertes Handtaschenmodell aus monegassischen Froschschwimmhäuten (mit Applikationen aus geflochtenem Seidenraupenbarthaar) ist, ist dem Läufer der Zeitmess-Chip aus New York. Es gibt beim besten Willen keinen Grund, den Plastiklappen in der Laufschuhschnürung zu belassen. Ein beherzter Riss und das Ding wäre beim Sondermüll. Aber mit dem Einweg-Chip ist es wie mit dem Koffer-Anhänger von EasyJet: Er beweist ein Leben in der weiten Welt von Budget-Hotels und Warteschlangen.

Läufer treiben ihren Sport ja nicht wegen Rücken oder Wampe, sondern um zu protzen. Was lohnt der Marathon, wenn man nicht jahrelang damit prahlen kann? Und wofür die Bestzeit, wenn einen keiner darum beneidet? Gerade zum Ende der Saison drehen die Angeber noch mal mächtig auf und wollen alles vorzeigen, was sie in diesem Jahr geleistet haben.

Fortgeschrittene präsentieren dezent

Ordentliches Angeben will allerdings gelernt sein; vor allem braucht man die richtigen Trophäen. Sonst macht man sich zum Affen wie Ali, unser Laufpraktikant. Der Gute hat in diesem Jahr erstmals an einem Volkslauf teilgenommen, über sechs beinharte Kilometer, dafür von mehr als 50 Prozent Walkern verseucht. Zum Lohn gab's ein T-Shirt mit dem Logo vom Hauptsponsor: einem Möbelhaus. Klar, die Teilnehmer bewegten sich auch überwiegend wie die Schrankwände.

Der routinierte Lauf-Stauber gibt derlei B-Textilien umgehend in den Container, der Anfänger dagegen zieht es nie wieder aus. Mal Alis Frau fragen, ob er das Leibchen wirklich so ununterbrochen trägt, wie es riecht.

Die Fortgeschrittenen unter den Lauf-Angebern beherrschen die Kunst, ihre Siegeszeichen dezent zu präsentieren. Auch wenn man stundenlang probiert hat, die Startnummer vom Rennrad zu lösen und an die Gazelle zu kleben, um sie auch auf Alltagsfahrten zu präsentieren, muss jede Angeberei doch wie zufällig aussehen, so als habe man ganz achtlos gegriffen, was gerade herumlag.

Timo zum Beispiel ist relativ elegant beim Posen: Er war auch beim New-York-Marathon, trägt aber obenrum nur Durchschnittskram. Nur die offizielle Socke weist auf Manhattan hin. Timo weiß: Beim Lauftreff scannen die Freaks ohnehin jeden Quadratmillimeter. Früher oder später wird die exklusive Socke den Startschuss geben, um endlose Epen loswerden zu können. Man muss halt nur drauf angesprochen werden.

Uralt-Latschen als Ego-Booster

Die Kunst besteht ja darin, nicht offensiv auf seine Spitzenleistungen hinzuweisen, sondern Fragen zu provozieren. Wenn ich mal wieder einen Ego-Boost brauche, ziehe ich meine abgelatschtesten Schuhen aus der Zeit des Ford Granada an. Unwissende grienen höhnisch, weil sie sozialen Niedergang vermuten. Wer allerdings so dumm ist, eine abfällige Bemerkung zu machen, der kriegt das Maul umgehend gestopft. Der Satz "Oooch, habe ich beim Aufräumen gefunden. Damit bin ich meine Marathon-Bestzeit gelaufen", wirkt fast immer.

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Ähnlich wirkungsvoll sind Schnellschnürsenkel. Der fragende Blick eines Sportskameraden reicht, um einen Schwall Triathlon-Latein auszulösen, der von unbarmherziger Natur (Backofenhitze, Orkan, Wölfe) bis zu biblischen Prüfungen (Krämpfe, Matschfüße, Magenbluten) reicht. Um Heldentaten kundzutun, würden Triathleten sogar mit Bademütze laufen oder sich ihre Bestzeiten auf die Stirn tätowieren lassen.

Da sind Läufer ja viel dezenter: das Autoheck mit Marathon-Aufklebern vollgepappt, die Finisher-Shirts im Bilderrahmen ins Wohnzimmer gehängt und die Medaillen in der Flurvitrine - das ist keine Angeberei, sondern ganz normaler Umgang mit dem Ruhm. Wenn einen sonst schon keiner feiert, muss man das eben selbst erledigen.



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