Achilles Classics Ich würde mir Zwieback sogar spritzen

Der leichte Läufer gewinnt. Klar. Aber wenn es doch so gut schmeckt? Haben Sie schon mal diese neumodischen Proteincocktails gekostet? Dagegen ist Jugendherbergskost ein Vier-Sterne-Menü. Dennoch: tapfer sein und durchhalten.

Und ewig lockt der Kühlschrank
DPA

Und ewig lockt der Kühlschrank


Achilles-Klassiker
    In der Reihe "Achilles-Klassiker" präsentiert SPIEGEL ONLINE Schätze aus dem Archiv des Wunderathleten Achim, der trotz intensiven Lauftrainings kaum von der Stelle kommt.

Etwas Furchtbares ist passiert. Mona hat mich erwischt. Sie hat breit gegrinst. Es ist eine Katastrophe. Sie wird mich auslachen. Für den Rest unseres Lebens hat sie tödliche Waffen gegen mich in der Hand. Ich überlege auszuwandern.

Alles begann damit, dass Karl sich den Magen verdorben hatte. Er war am Samstag bei einem Kindergeburtstag und hatte alles in sich hineingestopft, was Deutschlands chemische Industrie zu bieten hat. Ich war währenddessen natürlich laufen, mit knurrendem Magen. So strikt, wie es mir möglich ist, halte ich mich an meine Diät, die Achim-Methode. Habe ich selbst entwickelt. Eines Tages werde ich sie mir patentieren lassen.

Grundlage ist die Erkenntnis, dass nicht Fett, sondern Kohlehydrate die wirklichen Dickmacher sind. Nudeln, Brot, Fanta, Reis - alles Gift. Sagt Mona. Weil Renate Künast das sagt. Und die weiß es aus Amerika. Auf der Liste der Top-Volksfeinde rangieren Kohlehydrate gleich hinter Terroristen. Alles ist da jetzt kohlehydratfrei, sogar das Bier.

Das Fett fliegt nur so weg

Die Achim-Methode vereint nun alle Erkenntnisse der modernen Ernährungswissenschaft: Kohlehydrate sind der Treibstoff für die Muskelmotoren. Nimmt der Ausdauersportler, ich zum Beispiel, trotz harten Trainings keine Kohlehydrate zu sich, lernt der Körper, sich die Energie woanders herzuholen. Direkt von der Hüfte zum Beispiel. Dazu noch einen guten Schluck Fitline®Aktivize®Oxyplus für bessere Sauerstoffaufnahme - und das Fett fliegt nur so weg.

Die Achim-Methode hat nur ein kleines Problem: Sie funktioniert nicht. Das muss am Fitline®Aktivize®Oxyplus liegen. Das Zeug ist eine Enttäuschung. Ich bin schon bei der dritten Dose, je 28 Euro für 175 Gramm. Nach 14 Tagen spüre man 10 Prozent mehr Leistung, im Durchschnitt. Das stand auf der Homepage von Guru Greif.

Jemand anders muss mindestens 18 Prozent Zuwachs verspüren. Denn ich merke höchstens 2. Ich habe die Dose im Küchenschrank versteckt, ganz unten, ganz hinten, wo nie jemand hinkommt, noch hinter dem Zwieback.

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Wenn man auf Kohlehydratentzug ist, wirkt Zwieback wie Heroin. Ich würde mir Zwieback sogar spritzen. Jedes Mal, wenn ich die Dose Fitline®Aktivize®Oxyplus hervorangele, fährt meine Hand in die Zwiebacktüte. Ich kann nicht anders. Vor ein paar Wochen war die Tüte voll. Jetzt finde ich kaum noch größere Krümel.

Gut, dass neulich Nikolaus war. Karl hatte den Stutenkerl aus seinem Nikolausstiefel schnell vergessen. Ich legte ihn unauffällig auf den Küchenschrank. Dort konnte ich mir immer mal ein Stückchen abbrechen. Zwei Beine und einen Arm hatte ich schon amputiert. Der Teig war hart und trocken und staubig. Sie schmeckten göttlich, die bösen kleinen Kohlenhydrate.

Zur Person
  • Frank Johannes
    Achim Achilles

    Jahrgang 1964. Lebt verheiratet mit einer verständnisvollen Frau in Berlin, läuft aber überall, wo es wehtut. Motto des Wunderathleten und Kolumnisten: "Qualität kommt von Qual." Dabei ist es dem Vater eines lauffaulen Jungen egal, dass er trotz intensiven Trainings kaum von der Stelle kommt. Für ihn ist der Weg das Ziel. Seine Lieblingsfeinde auf dem Weg zum Ziel sind Walker und andere Pseudosportler.

Als Karl vom Geburtstag zurückkam, klagte er über Magendrücken. Das sei Hunger, bestimmte Mona. Eine käsetriefende Tiefkühlpizza später war Karl dann richtig schlecht. In der Nacht hat er sich mehrfach übergeben.

Morgens brachte Mona ihm Kamillentee. Ich lag noch im Bett und analysierte den stechenden Schmerz hinter der linken Kniescheibe. Bestimmt der Meniskus. Ein stählernes "Achim!" riss mich aus meinem stillen Leiden. Ich schlurfte in die Küche.

"Ich habe es nur sicher aufbewahrt"

Oh nein. Mona kniete vor dem Küchenschrank. Sie hielt die Dose Fitline®Aktivize®Oxyplus in der einen und die leere Tüte Zwieback in der anderen Hand. "Was ist das, Achim?", fragte sie und schnüffelte an der Dose. Dazu muss man wissen, dass Fitline®Aktivize®Oxyplus ungefähr so riecht wie waffenfähiges Plutonium.

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"Ist das Epo, Achim?" Ich lachte. Mona wusste gar nicht, was Epo ist. Sie hatte es mal aufgeschnappt, im Fernsehen. "Unsinn, Liebling, das ist völlig legal." Mona glaubte kein Wort. "Ach ja? Und warum versteckst du es dann?" Ich wusste genau, dass ich rot wurde. "Ich habe es nicht versteckt, nur sicher aufbewahrt, wegen Karl."

"Wo willst du hin?"

Mona schwenkte die Zwiebacktüte, mit dem Blick der Mutter, deren hungerndem Kind von Barbaren das letzte Stück Brot weggefressen wurde. "Und wie erklärst du das hier?", fragte sie. "Mein Magen", stammelte ich, "das viele Training."

Sie wusste, dass sie gewonnen hatte. Immer, wenn es ihr in den Kram passte, würde sie mich von nun an als Dopingsünder und Kohlehydrat-Junkie beschimpfen. Nur eine sofortige Demutsgeste konnte mich retten. Ich fuhr in die Laufklamotten. "Wo willst du hin?", fragte Mona. "Zur Tanke, Zwieback holen, für Karl", sagte ich. Mona nickte anerkennend. Sie ahnte nicht, dass ich mir heimlich ein Brötchen kaufen würde, mit schön viel Kohlehydraten drin.

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